Gespräch mit Autorin Sabine Stein Der Radio-Tatort „Queenie“: Kunst der Reduktion

Ein Doppelleben als Prostituierte führt die junge Zoe, die von Mathilde Bundschuh (Bild) gesprochen wird. Matthias Bundschuh spricht Ermittler Justus Döring. Foto: NDR/Jann WilkenEin Doppelleben als Prostituierte führt die junge Zoe, die von Mathilde Bundschuh (Bild) gesprochen wird. Matthias Bundschuh spricht Ermittler Justus Döring. Foto: NDR/Jann Wilken

  Osnabrück. Der Radio-Tatort ist aus ARD-Sicht eine Erfolgsgeschichte . „Queenie“, die neue Folge vom NDR, beweist wieder einmal, dass im Hörspiel ebenso spannendes Erzählen möglich ist wie im Fernsehen. Autorin Sabine Stein sprach mit unserer Redaktion über die Kunst der Reduktion.

„Sprich, damit ich dich sehe,“ lautet ein geflügeltes Wort im Hörspiel. „Alles, was Figuren nicht sprechen, existiert auch nicht,“ erklärt Sabine Stein. „Ich muss als Autorin also alles über Sprache erzählen. Diese Reduktion finde ich reizvoll. Die Art, wie Menschen reden, wie sie manchmal sprechen, nicht um etwas zu erzählen, sondern um etwas zu verschweigen, das hat mich schon immer fasziniert.“

Nicht nur sprachlich fällt in der aktuellen Ausgabe des NDR-Radio-Tatorts „Queenie“, die aus der Feder von Sabine Stein stammt, sofort der harte Kontrast zwischen den Erwachsenen und den beiden minderjährigen Mädchen auf, die zunächst als Opfer von Kinderprostitution erscheinen - doch dieser Eindruck täuscht.

Inspiriert durch einen Zeitungsartikel

„Die Idee für „Queenie“ stammt aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung über einen ähnlich gelagerten Fall, der sich in einem wohlhabenden Vorort von Rom zugetragen hat,“ erzählt Sabine Stein. „Diese spezielle Konstellation hat mich sofort gefangen genommen: eine Beziehung zwischen jungen Mädchen, die aber nicht nur Opfer von skrupellosen Männern sind.“

Während die Mutter der 16jährigen Zoe ihre Tochter durch einen Privatdetektiv beschatten und so ihr Doppelleben als Prostituierte auffliegen lässt, scheint die Mutter der erst 14jährigen Alina wenig besorgt zu sein, als sie von den Eskapaden ihrer Tochter hört.

„Ich fühle mich gar nicht in der Lage die Motive der Figuren zu erklären,“ erläutert Autorin Stein ihre Darstellungsweise. „Mich interessiert eher, so zu erzählen, dass der Hörer selbst mit Fragen reagiert. Viele Erklärungsmuster in Bezug auf Jugendprostitution greifen in diesem Fall zu kurz, etwa, dass es sich um Opfer handelt, die sich aus einer sozial prekären Lage heraus verkaufen.“

Spiel mit dem Krimi-Format

Hauptkommissarin Breuer, gesprochen von Sandra Borgmann , steht dem Geschäftssinn der jungen ‚Unternehmerinnen‘ ebenso ratlos gegenüber wie fast alle erwachsenen Figuren in der Geschichte. „Dieser Fall macht mich alt,“ sagt Sabine Steins Heldin.

„Natürlich ist der Krimi - und besonders eine Reihe wie der Tatort - ein sehr regelgeleitetes Format,“ gibt Stein zu. „Allein die Tatsache, dass man immer mit dem selben Ermittlerpaar erzählt.“ Doch das empfindet sie nicht als Beschränkung, im Gegenteil: „Als Autorin ist es reizvoll mit den Bestandteilen dieses Formats immer wieder neu zu spielen.“

Anfang 2016 wird bereits ihr nächster Radio-Tatort produziert. „Ich habe mich ganz langsam an dieses Format herangetastet, und mittlerweile fühle ich mich darin sehr zu Hause,“ so Stein.

Neben der Reduktion auf die Sprache schätzt sie am Hörspiel, „dass es keine solistische Arbeit ist. Ich schreibe etwas, dann entwickle ich es mit den Dramaturgen und schließlich gibt es Regie, Schauspieler und Musiker, die alles zu der gesamten Produktion zusammenfügen.“

Die Renaissance des Hörspiels

Der Hörspiel-Boom der letzten Jahre hat sie ebenso verblüfft wie erfreut:. „Ich verfolge vor allem Podcasts mit größtem Interesse, weil durch die neuen Nutzungsgewohnheiten ein anderes Potential erkennbar wird,“ glaubt Stein. „Niemand mag mehr zu einer bestimmten Zeit vor einem Gerät hocken. Dass der Radio-Tatort etwa zum Download angeboten wird, ermöglicht ein forcierteres Erzähltempo, weil der Hörer zurückspulen kann und nicht alles unwiederbringlich in den Äther geblasen wird.“

In der Tat erzählt „Queenie“ temporeich, springt in kurzen Abständen zwischen Tagebucheinträgen und Chatverläufen der Mädchen zum Verhör im Kommissariat und wieder zurück. Für Sabine Stein ist das jedoch keine Effekthascherei: „Ich gehe nicht an ein Projekt heran mit dem Anspruch etwas besonders Kühnes zu machen, sondern versuche mich immer von der Geschichte ergreifen zu lassen und frage mich dann: was erfordert dieser Stoff?“

„Queenie“ ist nicht nur für die Konzentration der Zuhörer, sondern auch für ihren moralischen Kompass eine echte Herausforderung.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN