Abschied aus dem Gasometer Günther Jauch will nicht mehr, Anne Will kann wieder

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Osnabrück Ohne Günther Jauch geht’s auch. Nach nur vier Jahren Talk verabschiedet sich Jauch von der ARD. Als letzten Gast begrüßt er am Sonntagabend (29. November, 21.45 Uhr, ARD) den Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Günther Jauch seinen Polit-Talk aus dem Schöneberger Gasometer ähnlich lange moderierte wie es dauerte, bis aus seinem zunächst geplatzten Wunsch einer eigenen ARD-Talkshow Wirklichkeit wurde. Vor vier Jahren, am 11. September 2011, ging der Publikumsliebling zum ersten Mal nach dem „Tatort“ als Talkmaster auf Sendung .

Gut vier Jahre zuvor endete sein erster Versuch einer Zusammenarbeit mit der ARD im Streit. „Jeder hatte eine Meinung – im Zweifel eine unfreundliche“, kommentierte er die zu jenem Zeitpunkt geplatzten Verhandlungen in einem Interview mit dem Spiegel Anfang 2007 . Der Einfluss der Rundfunkräte sei ihm zwar bewusst gewesen. „Aber dass monatelang jede Woche Gremien voller Gremlins der Verführung nachgeben würden, mit meinem Namen auch mal den eigenen in der Zeitung zu lesen – das war schon anstrengend“, so Jauch weiter im Spiegel.

Anne Will kehrt zurück auf ihren alten Sendeplatz

„Gremlins“. Das saß. Aber das Tischtuch war trotzdem nicht endgültig zerschnitten. Beinahe trotzig verkündete die ARD im Juni 2010 nach der dann doch gelungenen Einigung zwischen „Gremlins“ und Jauch voller Stolz: „Mit Jauch geht’s auch – und zwar noch viel besser“, wie es ARD-Programmdirektor Volker Herres fröhlich in die Öffentlichkeit reimte. Sendeplätze wurden verschoben. Anne Will, die bis zu Jauchs Ankunft auf dem attraktiven Sendeplatz nach dem „Tatort“ residierte, musste mit ihrer Diskussionsrunde in die späte Mittwochnacht ausweichen. Und darf nun ab dem 17. Januar 2016 wieder zurück auf ihren alten Sendeplatz. Ob sie mit ihrer Sendung die Quoten von Jauch halten kann, ist dabei nicht die spannendste Frage. Dass sie es besser kann als Jauch, das hat sie bereits sonntags und mittwochs unter Beweis stellen können.

Immerhin, die Einschaltquoten von Jauch und seiner Talkrunde waren für den federführenden NDR, das Erste, die ARD und Günther Jauchs Produktionsfirma I&U TV stets ein Quell der Freude. In einer Presseerklärung zum Abschied verweist die Produktionsfirma stolz darauf, dass die Sendung „mit durchschnittlich 4,62 Millionen Zuschauern und einem durchschnittlichen Marktanteil von 16,2 Prozent [...] der erfolgreichste Talk [sei], den das Erste jemals am Sonntagabend ausgestrahlt“ habe.

Quote und Qualität

Als meistgesehene Sendung wird das Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 1. September 2013 vermerkt. Stolze 8,25 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 30,2 Prozent sollen sich vor den TV-Geräten versammelt haben. Diesen Wert erreicht nicht einmal jeder „Tatort“.

Wobei Quote und Qualität sich weder hier noch dort die Klinke in die Hand geben müssen. Jauchs Anspruch sei es aber stets gewesen, „am Sonntagabend mit relevanten und interessanten Gästen über das Thema der Woche zu diskutieren, politische und gesellschaftliche Debatten abzubilden und für den Zuschauer so einen Mehrwert und Erkenntnisgewinn zu schaffen“, zitiert ihn I&U TV. Und weiter: „Ebenso wichtig war es uns aber auch, mal ein ungewöhnliches Thema anzupacken und uns mit besonders spannenden oder polarisierenden Gästen auseinanderzusetzen. Das mag manchmal für viel Kritik und Aufsehen gesorgt haben – aber gerade das macht das Live-Fernsehen und eine gute Diskussion auch aus: Unvorhergesehenes passiert, Debatten werden ausgelöst, Positionen und Meinungen prallen aufeinander und werden neu diskutiert. Mir haben die ungewöhnlicheren Sendungen immer besonders gut gefallen.“

Polit- und Talk-Profi

„Unvorhergesehenes“. Ob der Talkmaster damit seine Sendung mit Björn Höcke, dessen Flagge und einer äußerst schwachen Moderation vom 18. Oktober dieses Jahres meint? Zu Beginn der Sendung mit dem Titel „Wird der Hass gesellschaftsfähig?“ breitete der AfD-Mann Höcke nicht nur demonstrativ ein niedlich kleines Deutschland-Fähnchen auf seinem Schoß aus, sondern verbreitete auch ungeniert und ungehindert seine verschwurbelten Hass-Parolen.

Gerade hier hätte man sich als Zuschauer, stellvertretend für viele andere Sendungen, einen sowohl kompetenten als auch geistig flexiblen und mit Spontaneität gesegneten Moderator gewünscht, der die Diskussion im Griff gehabt und sicher durch ihre Untiefen gelenkt hätte. Ein kleines bisschen Schlagfertigkeit hätte gereicht, und der kuriose Auftritt Höckes wäre für diesen ähnlich peinlich selbstentlarvend ausgegangen wie für einen Quiz-Kandidaten bei „Wer wird Millionär“, der mit selbstbewusstem Getöse an der 100-Euro-Frage scheitert. Was hätte das für einen Mehrwert und Erkenntnisgewinn geschaffen!

Verschenkt. Wenn es am Sonntag nun zum letzten Mal „Herzlich Willkommen live aus dem Gasometer in Berlin“ heißt, gibt es eine Art frühen Jahresrückblick. „Am Ende eines Krisenjahres“ zieht Jauch gemeinsam mit Finanzminister Wolfgang Schäuble Bilanz. Der Gast ist zum Glück nicht nur Polit-, sondern ganz nebenbei auch Talk-Profi.


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