„Alles Lüge oder was?“ Klaus Scherer: Internet ist Fluch und Segen zugleich

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Osnabrück. ARD-Korrespondent Klaus Scherer geht in „Alles Lüge oder was?“am Montag (22.45 Uhr) im Ersten absichtlichen Medienlügen nach. Im Interview mit unserer Redaktion gibt er Einblicke in seine Recherchen.

Herr Scherer, was ist für Sie persönlich die offenkundigste, was die raffinierteste Medienlüge, die Ihnen je begegnet ist?

Sie kommen beide im Film vor. Offenkundig und zugleich raffiniert war sicherlich Putins Dementi, wonach bei der Annexion der Krim keine russischen Soldaten aktiv gewesen seien. Ein Tiefpunkt in Amerika war für mich die junge Zeugin, die unter Tränen aussagte, dass Saddams Soldaten in Kuwait Babies aus den Brutkästen gerissen hätten. Den Auftritt hatte eine Werbeagentur inszeniert, um die Stimmung für den Irakkrieg anzuheizen.

Worin besteht der qualitative Unterschied von Falschmeldungen und Propaganda im Vergleich zu früheren Zeiten? Und was wiegt schwerer: Dass sie im digitalen Zeitalter leichter herzustellen sind oder dass sie sich so schnell verbreiten?

Ich habe das bei der Recherche auch immer wieder gefragt. Da kommt vieles zusammen. Gelogen wurde vorher auch. Neu ist, dass heute jeder drehen und senden kann, der ein Smartphone und Zugang zu Netzwerken hat. Das bringt zwar oft mehr Wahrheit ans Licht und ist deshalb ein Gewinn. Wir stellen aber auch mehr und mehr fest, dass sich so auch Falschinformationen und Propaganda unaufhaltsam Bahn brechen, und zwar global und nahezu in Echtzeit. Und die Rolle des Schleusenwärters fällt im Netz weg, also etwa des Redakteurs, der Nachrichten von Meinung trennte und das in die Tonne warf, was nur hasstriefend war oder nur laut. Das Netz transportiert alles. Die Frage wird sein, was das Publikum damit macht, wenn es die Unterscheidung nun selber treffen muss. Oder müsste. Der frühere CNN-Reporter Frank Sesno, der heute an der Media School in Washington lehrt, hatte einen schönen Vergleich für uns. Die Leute würden weiterhin zu schätzen wissen, wer ihnen gute Matratzen verkauft und auch keinem Wetterbericht vertrauen, der sich als chronisch unzuverlässig erweise, sagte er. Wenn es aber um Politik gehe, sei offen, ob sie eher das aussuchen würden, das sie als informierte Bürger wissen sollten, oder nur das, was sie halt gerne hörten.

War es früher einfacher, Nachrichten einzuordnen, als die Welt noch ideologisch sauber getrennt war zwischen Ost und West?

Das weiß ich nicht. Man hat da sicher auch vieles als wahr hingenommen, weil es ins Raster passte. Trotzdem rüttelten Qualitätsmedien immer wieder daran und zeigten so, zumindest im Westen, welchen Unterschied genau das machte. Etwa die „Washington Post“, die Nixon stürzte, oder die „New York Times“, als sie die geheimen Vietnamkrieg-Dossiers druckte.

Sie zeigen in ihrem Film „Alles Lüge oder was?“, mit welchem Aufwand in Nachrichtenredaktionen etwa bei BBC, France 24 oder auch der ARD Nachrichtenbilder verifiziert werden. Wie wichtig sind Ihrer Meinung nach auch Internetblogs wie „Bildblog.de“, „www.topfvollgold.de“ oder auch die Internetseite von Stefan Niggemeier, die journalistische Verzerrungen aufdecken?

Für die Profession sind sie wichtig, denn sie pochen auf Standards. Das Internet ist längst Fluch und Segen zugleich. Als die Germanwings-Maschine zerschellt war, war kurz darauf des Netz voll mit Bildern angeblicher Trümmerteile, wer auch immer sie postete. Keines davon stimmte. Oft sind es aber auch gerade Zuschauer, die den Redaktionen helfen. Eine Fotomontage, die den toten IS-Führer zeigen sollte, entlarvten zuerst User im Netz. Urheber der Fälschung war vermutlich der irakische Geheimdienst. Das bestätigte uns auch der BND, bei dem wir ebenfalls drehten. Und auch die Forensik findet zuallererst im Netz statt. Das Foto, das einen IS-Kämpfer mit gefotoshoptem US-Army-Tatoo auf dem Arm zeigte, als Beleg dafür, dass in deren Reihen US-Soldaten aktiv seien, ließ sich als Fake entlarven, weil sich auch das Originalfoto im Netz fand. Ohne Tatoo.

Oft wird das Wort „Lügenpresse“ gegenüber etablierten Qualitätsmedien verwandt. Wie lassen sich solche ideologisch gefärbten Urteile revidieren?

Am besten durch gutes Handwerk, das für sich steht. Die Kollegen von France24, in Sachen Bilder-Verifikation wohl die besten in Europa, waren da eindeutig. Wir müssen auch Verschwörungstheoretikern in Ruhe erklären, warum sie nicht Recht haben, sagen sie. Man muss sicher nicht jede Hasstirade ernst nehmen, und ich würde umgekehrt auch nicht plötzlich alles Gedruckte auf der Welt gegen Vorwürfe in Schutz nehmen. Den Lehrsatz aber, dass gute Journalisten noch nie ein schlechtes Image hatten, würde ich weiter hochhalten.

Was halten Sie von „Mockumentaries“, also Fake-Reportagen und -Dokumentarfilme, wie etwa „Öl“, den die ARD am Mittwoch ausstrahlt? Bekannte Beispiele sind ja auch Fernsehspiele wie „Smog“ oder „Das Millionenspiel“, wo Zuschauer nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden konnten.

Bei „Smog“war klar, dass der Film in der Zukunft spielte. Spielfilme dürfen da auch mehr als Qualitätsnachrichten. Ich habe eher Probleme mit Skripted-Reality-Dokus, die echt tun, aber nicht echt sind. Dass da jeder im Publikum weiß, was gespielt wird, scheint mir fraglich. Das ist Etikettenschwindel mit Folgen.

Oft werden, gerade auch bei ARD und ZDF, in Dokumentationen Bilder manipuliert: Bilder aus dem Ersten Weltkrieg werden koloriert, Originalformate durch die Umwandlung auf 16:9-Bilder beschnitten, Archivaufnahmen mit inszenierten Spielszenen gemischt oder mit künstlich hinzugefügten, vermeintlichen O-Tönen, oder auch Musik unterlegt. Vermischen sich da nicht unzulässigerweise Emotionalisierung und Objektivität?

Sicher gibt es da Grenzen des Zulässigen, aber es bleibt ein grundsätzlicher Unterschied, ob ich in einem 45-Minuten-Film über Nagasaki die Übergänge zwischen historischen Archivbildern und neuem Drehmaterial in Farbe und Helligkeit etwas anpasse, damit man nicht bei jedem Bildwechsel vom Stuhl fällt, oder ob einer ein Ku-Klux-Klan-Treffen in der Eifel nachstellt und es als echte Story verkauft. Das eine ist Handwerk, das andere Betrug.


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