Die Welle der Küstenkrimis ZDF-Nordseekrimi „Engel unter Wasser“ ist anders

Von Marcel Kawentel


Osnabrück. Regionalkrimis sind längst Verkaufsschlager, unter manchen Autoren aber auch zu einer leicht abfälligen Etikettierung geworden. Im Fernsehen erfreuen sich besonders die Dorf- und Inselkrimis großer Beliebtheit. Mit „Engel unter Wasser“ zeigt das ZDF nun einen eher ungewöhnlichen Nordseekrimi.

went Osnabrück. „Ganz ehrlich? Ich bin kein großer Krimifan. Zumindest nicht im Deutschen Fernsehen.“ So äußert sich Hanno Koffler , der im ZDF-Krimi „Engel unter Wasser“ einen Kommissar spielt. „Mir sind sowohl die Charaktere als auch die Handlung in den meisten deutschen Fernsehkrimis oft zu dünn,“ so Koffler. „Da fehlt mir oft die Stimmung, der Tiefgang, die Konsequenz in der Erzählweise, aber auch der Mut, mal etwas anderes auszuprobieren.“

Doch schon der Beginn von „Engel unter Wasser“ hebt sich von der Massenware ab, die Koffler kritisiert. Atmosphäre, düstere Bilder, eine zunächst verrätselte Handlung - nicht gerade das Muster, das der Zuschauer an Inselkrimis schätzt.

Nordseekrimis sind Dorfkrimis

Gerne verschlägt es darin einen arroganten Großstadtermittler an die raue See, wo das spröde Temperament der wortkargen Norddeutschen geknackt werden will um zu Falles Lösung zu kommen. Der Nordseekrimi ist in dieser Hinsicht nichts Anderes als ein Dorfkrimi mit mehr Wasser. Das platte (oder auch bergige) Land steht im Fernsehen - je nach Genre - wahlweise für Natürlichkeit und die wahren Werte, oder aber für Borniertheit und Leichen im Keller.

Was den Inselkrimi dramaturgisch noch reizvoller macht als den Dorfkrimi, ist eine simple logistische Beschränkung: die Figuren sitzen fest. Ein überschaubares Ensemble, das nicht so einfach abhauen kann und sich untereinander kennt, ohne dass der Film diesen Umstand glaubwürdig erklären müsste, spielt dem Muster des Mitratekrimis in die Hände.

Ein Krimi, der keiner ist

Auch „Engel unter Wasser“ ist der Struktur nach ein „Whodunit“ (englische Verballhornung von „Wer war’s?“): Die kleine Anna wird tot aufgefunden, der geistig verwirrte Brandstätter, im Film zärtlich „Der Dorftrottel“ genannt, soll es gewesen sein. Kommissar Lubosch vom Festland soll es richten, aber keiner will reden. Soweit, so bekannt. Die wechselnden Perspektiven und die düstere Stimmung, die über dem gesamten Film liegt, sowie die unlesbaren Figuren sträuben sich allerdings gegen die leichte Konsumierbarkeit dieses Krimis, der eigentlich ein Familienpsychogramm ist. Denn schon bald ahnt Lubosch, dass hinter dem Verschwinden des Mädchens mehr steckt und dass die schöne und straffällig gewordene Heimkehrerin Judith (Anna Maria Mühe) dabei eine Rolle spielt. „Ich mag es, wenn man sich bei dem Zuschauer nicht zu sehr anbiedert; der Zuschauer darf auch etwas gefordert werden,“ resümiert Hanno Koffler.

Hier gibt es nichts zu lachen

Ein weiteres wichtiges Merkmal, das ansonsten in kaum einem TV-Regionalkrimi fehlt, ist der Humor. Auch hier ist „Engel unter Wasser“ erbarmungslos - zu Lachen gibt es nichts. Während kauzige Insulaner eine Steilvorlage für jeden Drehbuchautor wären, mehr oder minder komische Missverständnisse oder Kulturclashes einzustreuen, stellt „Engel unter Wasser“ die maritime Kulisse konsequent in den Dienst der düsteren Atmosphäre. Hier ist die Nordsee kein Sehnsuchtsort, sind die Inselbewohner keine schrulligen Originale. Hier ist die Insel ein Gefängnis für Menschen, die sich buchstäblich ihr eigenes Grab schaufeln.

Die Mutter der toten Anna, beeindruckend ruhig gespielt von Anna Schudt, ist dabei die auffälligste Figur in einem Ensemble voller gescheiterter Existenzen, das wenig Lust auf Nordseeurlaub macht. Gerade deshalb zeigt „Engel unter Wasser“ gekonnt, dass im deutschen TV-Krimi Dorf nicht doof und Meer nicht weniger sein muss. Denn eine schöne Filmkulisse ist immer nur so viel wert wie die Geschichte, die darin spielt.


„Engel unter Wasser“ läuft am 28.9. um 20.15 Uhr im ZDF