Diese Frau schießt mit der Kamera Margarita Broich – Schauspielerin, „Tatort“-Kommissarin, Fotografin

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Selbst ist die Fotografin: Für dieses Bild hat sich die Schauspielerin vor einen Spiegel gesetzt und abgedrückt. Foto: Margarita BroichSelbst ist die Fotografin: Für dieses Bild hat sich die Schauspielerin vor einen Spiegel gesetzt und abgedrückt. Foto: Margarita Broich

Berlin. Die Theater- und Filmschauspielerin Margarita Broich spricht im Interview über ihre Rolle als „Tatort“-Kommissarin und ihre Leidenschaft zur Fotografie.

Eine großartige Theater- und Filmschauspielerin ist Margarita Broich schon lange, „Tatort“-Kommissarin aber erst seit Mai. Am 13. September hat sie ihren zweiten Auftritt als Anna Janneke im Sonntagskrimi aus Frankfurt. Von ihrem „Tatort“- Auto – einem alten 924er Porsche –, ihrer Leidenschaft für die Fotografie und ihrem eigenwilligen Weg zur Schauspielerei erzählt die Frau des langjährigen Leipziger „Tatort“-Kommissars Martin Wuttke in einem Berliner Straßencafé.

Frau Broich, Sie sind in einer katholischen Arztfamilie aufgewachsen ...

... und mein Vater war Arzt in einem Franziskanerkloster. Unser Haus stand noch innerhalb der Klostermauern, da wurde gut auf mich aufgepasst. Als ich dann ans Schauspielhaus in Bochum kam in dieser riesigen Theaterzeit mit fantastischen Regisseuren und Schauspielern und dort Heiner Müller kennenlernte, war das, als ob ich im Fegefeuer angekommen wäre (lacht).

In vielen Arztfamilien ist es ganz selbstverständlich, dass die Kinder später auch Medizin studieren.

(beginnt tonlos aufzusagen) Die Leber ist das zentrale Organ der Gluconeogenese und des Auf- und Abbaus des Glykogen. Dadurch übernimmt sie die wichtige Aufgabe der Konstanthaltung des Blutzuckers. In der Leber werden folgende Stoffe in Glykose umgewandelt: Fruktose, Galaktose, Laktat, Glycerin und Aminosäure.

Was soll mir das sagen?

(lacht) Natürlich sollte ich Medizin studieren, alle sollten Medizin studieren. Und ich musste meine Brüder immer abhören, denn in unserer Familie sind sie alle Mediziner – meine Brüder, meine Onkel, alles Mediziner. Ich finde den Beruf des Mediziners wundervoll und würde es mir heute vielleicht noch mal überlegen. Eine Geige zu reparieren, sodass sie wieder spielt, ist auch was. Aber einem Menschen wieder auf die Beine zu helfen ist doch eine große Sache. Nur – mit meinem Abiturdurchschnitt müsste ich heute wohl lange warten. Außerdem bin ich dafür nicht cool genug.

Wie meinen Sie das?

Ich kann einfach nicht ruhig bleiben, wenn etwas passiert. Schon bei meinen Kindern habe ich immer nur Unfug gemacht. Als einer meiner Söhne mal seine Finger in einem Laufband eingeklemmt hatte, bin ich vollkommen hysterisch ausgerastet und habe einfach nur Quatsch produziert, statt ihm in Ruhe zu helfen. Ich wäre vermutlich nicht die Ärztin, der die Patienten vertrauen.

Mittlerweile haben Sie auch zwei Kinder – was haben die eigentlich dazu gesagt, als ihre Mutter „Tatort“-Kommissarin wurde?

Die waren ja schon so einiges gewohnt (lacht). Gut, der „Tatort“ war schon eine etwas größere Welle, da haben sie schon ein bisschen komisch geguckt. Zumal Martin, mein Mann, ja gerade jahrelang „Tatort“-Kommissar gewesen war und ich jetzt auch noch damit ankam. Schon witzig, weil wir beide bis dahin ein eher ambivalentes Verhältnis zur Polizei hatten. Da kann man sich als Kind schon mal wundern (lacht).

Inwiefern ambivalent?

Weil ich als junger Mensch Bekanntschaft mit der Polizei vor allem vor Atomkraftwerken gemacht habe und mich von Demos habe runterschleppen lassen. Mittlerweile muss ich mein Verhältnis noch mal ganz neu denken. Wir haben zwei Ausbildungstage bei der Polizei in Frankfurt gehabt, schießen gelernt und was man sonst so als Polizist können muss. Da habe ich erst mal begriffen, dass jeder einzelne Polizist von seinem Kollegen und dessen Fähigkeiten abhängig ist, und zwar auf Leben und Tod. Die Polizisten an diesem Ausbildungstag haben mich wirklich beeindruckt, die waren super.

Da kommen Ihre Kinder aus dem Staunen ja gar nicht mehr raus?

Wir versuchen zu Hause, den Ball möglichst flach zu halten. Der eine geht halt Taxi fahren und wir ins Theater oder zum Dreh. Es ist ja auch nur ein Beruf, und manchmal wundere ich mich noch heute, dass man von so einem – wie meine Oma gesagt hätte – Kokolores die Miete bezahlen kann. Als ich auf die Schauspielschule gegangen bin, habe ich nicht eine Sekunde gedacht, dass ich davon mal mein Leben bestreiten werde.

Für Ihre Kinder ist das vermutlich gar nichts Besonderes?

Ach was. Bei uns hat sich immer schon alles vermischt: Text lernen, im Kochtopf rühren, Nägel lackieren, Milchflasche machen. Das war zwar immer sehr anstrengend, aber auch einfach toll. Nur Theater wäre nichts für mich gewesen – und nur Mutter? Dafür ist meine Marmelade zu schlecht (lacht).

Sie wohnen mit Martin Wuttke und Ihrer Familie in derselben Wohnung, in der Sie früher schon mit Heiner Müller gewohnt haben.

Das war damals eine Wohngemeinschaft im Haus des Merve-Verlags, einem alten kommunistischen Berliner Verlag. Ich hatte ihn ja in Bochum kennengelernt und wollte es in Berlin mit der Schauspielschule probieren. Heiner Müller hat mich dann sozusagen in einem dieser fünf Zimmer abgesetzt und dem Verlagsleiter vorgestellt: Die bleibt jetzt hier. Dadurch hatte ich in der Wohnung immer ein Zimmer, selbst in der Zeit, als ich in Frankfurt Theater gespielt habe. Irgendwann löste sich die Wohngemeinschaft langsam auf – und immer, wenn ein Zimmer frei wurde, haben wir ein neues Kind reingesetzt (lacht). Ganz so war’s nicht, aber ich habe diese Wohnung schon nach und nach okkupiert.

Demnächst sind Sie und Ihr Mann ja sogar zusammen in einem „Tatort“ zu sehen.

Ja, in einer richtig witzigen Folge mit Ulrich Tukur, die wohl am 27. Dezember gezeigt wird. Ich tauche da als Frankfurter Kommissarin auf und Martin als ehemaliger Kommissar aus Leipzig, der sofort Ulrich Tukur um Geld anpumpt, weil er doch entlassen worden ist. Das Drehbuch fand ich ganz toll, aber für meine Rolle gab’s leider nur zehn Sätze.

Fand Ihr Mann es eigentlich gut, dass Sie jetzt auch beim „Tatort“ sind?

Man kann sich so etwas ja nicht wünschen oder herbeiführen. Aber er wusste, dass ich das gerne mache, und hat sich mit mir gefreut. Ich drehe wirklich gerne und genieße dabei diesen technischen Moment mit den Kameras mehr, als dass ich es hinderlich fände. Martin ist da eher ein echtes Theatertier, der kommt erst auf seine 150 Prozent, wenn er die Bretter unter den Füßen hat.

Bei ihm hatte ich immer wieder mal das Gefühl, dass er beim „Tatort“ unterfordert ist.

Da wäre sicher viel mehr drin gewesen. Martin kann so skurril, so witzig und so anders sein, aber dafür gab es wohl keine Vorlage.

An Ihrer Figur der „Tatort“-Kommissarin Anna Janneke fällt auf, dass sie häufiger zur Kamera als zur Waffe greift. Das haben Sie doch sicher mit eingebracht, oder?

Ja, stimmt. Ich sehe mir zwar gerne den „Tatort“ an, spiele aber sonntagabends auch oft Theater. Und deshalb konnte ich mir keinen vollen Überblick verschaffen. Da hieß es dann bei fast allen Sachen, die mir zu der Figur einfielen: Das machen die schon und das gibt’s da schon. Irgendwann dachte ich an den Film „Blow up“ – Schießen heißt für mich erst mal ein Foto schießen.

Bei Ihrem zweiten Auftritt als „Tatort“-Kommissarin fällt der alte Porsche 924 auf, den Sie fahren. Wie kam’s zu dem?

Ich bin ja in der Nähe des Nürburgrings groß geworden, früher gerne Rallyes gefahren und fahre auch heute noch sehr gerne Auto. Im ersten Drehbuch hatte ich noch nix, keinen Mann, keine Wohnung, kein Auto – enttäuschend. Und dann las ich im zweiten Drehbuch auf einmal: Janneke fährt vom Parkplatz. Da gingen bei mir alle Alarmglocken an. Und wie es meine Art ist, habe ich dann sofort beim Sender angerufen und gesagt: Leute, jetzt gebt mir bitte keinen Polo oder so was. Ich will ein Auto, das mir Spaß macht.

Und so ein uralter 924er Porsche macht Ihnen tatsächlich Spaß?

Ein richtig geiler Porsche ging ja nicht, weil Richy Müller schon so einen fährt. Deswegen hat man mir diese alte Kartoffel dahingestellt (lacht). Am Anfang dachte ich nur: Was ist das denn für eine Farbe? Aber mittlerweile liebe ich dieses Auto und finde es total cool, auch wenn es hinten ein bisschen verkorkst ist – da sieht es aus, als würde man ihm unter den Rock gucken. Aber vorne die Augen, die haben etwas Laszives, wie ein Kamel ...

Ein laszives Kamel?

Ja, die Augen hängen so ein bisschen, wie bei einem Kamel eben. Und ehrlich gesagt bin ich auch die Einzige, die mit dem Auto sehr gut fahren kann. Das hat keine Servolenkung, da kriegt man schon starke Arme. Und innen drin steht überall „Porsche“ – als würde man es vergessen, wenn man drinsitzt.

Und der bleibt jetzt?

Der bleibt. Wenn er nicht zusammenbricht. Das Auto muss ja wenigstens so gut funktionieren, dass es den Dreh nicht aufhält. Die Zündung muss schon gehen, ich kann den ja nicht durchs Bild tragen (lacht).

Auch wenn Sie in Berlin leben, scheint Frankfurt so etwas wie Ihre Schicksalsstadt zu sein – da hatten Sie Ihr erstes Theaterengagement, da haben Sie Martin Wuttke kennengelernt, Ihren ältesten Sohn geboren, und jetzt sind Sie Frankfurter „Tatort“-Kommissarin.

Das ist natürlich schöner, als wenn es eine Stadt wäre, mit der ich überhaupt nichts zu tun habe. Frankfurt kenne ich sehr gut – ich weiß nur nicht so genau, wie die einzelnen Stadtteile zueinander liegen. Aber über diese Mainbrücke Eiserner Steg bin ich eine Woche vor der Geburt meines Sohnes immer gelaufen, weil man mir in der Klinik gesagt hatte: Bewegen, bewegen, dann kommt das Kind. Deswegen nehme ich diese Brücke natürlich völlig anders wahr als alle anderen: Ich seh mich da immer nur mit diesem dicken Bauch drüberschwanken.

Ihren „Tatort“-Partner spielt Wolfram Koch – mit dem haben Sie sogar schon zweimal als Ehepaar vor der Kamera gestanden.

Ja, wir kennen uns schon ewig. Alle, die hörten, dass Wolfram das macht, sagten zu mir: Oh, hast du ein Glück. Er ist ein toller Schauspieler, entspannt und ein wunderbarer Mensch. Wenn man so vertraut ist wie wir beide, muss man nicht jedes Mal bei null anfangen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie dieselbe Sprache sprechen und über dieselben Witze lachen wie er.

Ich lache mehr (lacht). Nein, Quatsch, aber ich kenn mehr Witze.

Erzählen Sie mir einen, über den Sie beide lachen können?

Na ja, der eine ist unanständig, den kann ich Ihnen jetzt nicht erzählen. Nehmen wir den: Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine zum anderen: Du siehst ja furchtbar aus. Geht’s dir nicht gut? Bist krank? Sagt der andere: Ich glaube, ich habe Homo sapiens. Sagt der eine: Das ist nicht so schlimm, das geht schnell vorbei.

Sie sind ja auch Fotografin und haben als solche jede Menge Kollegen kurz nach Vorstellung oder Dreh in der Umkleide abgelichtet. Laufen Sie da eigentlich immer offene Türen ein, oder hat Sie schon mal einer rausgeworfen?

(lacht) Mich hat Gott sei Dank noch niemand rausgeworfen. Die Kamera begleitet mich nur bei meiner anderen Arbeit, die Bilder entstehen sozusagen aus den eigenen Reihen. Ich komme nicht von außen und klopfe an eine fremde Tür. Entweder habe ich mit den Schauspielern gerade zusammen auf der Bühne gestanden, oder ich kenne sie schon ewig. Deshalb habe ich noch nie einen mir fremden Schauspieler fotografiert, auf die Idee käme ich gar nicht. Etwas anders war es bei dem Buch „Alles Theater“ mit Interviews und Fotos von Berliner Theaterschauspielern, das ich gerade zusammen mit Brigitte Landes für den Insel-Verlag gemacht habe – da gab es so etwas wie eine Wunschliste.

Nach Ihrem Fotodesign-Studium haben Sie zunächst als Theaterfotografin am Schauspielhaus in Bochum gearbeitet, wo damals Claus Peymann Intendant war. Wie sind Sie an den Job gekommen?

Es gab wohl eine damals noch tief verschüttete Liebe zum Theater. Ich hatte als Kind viel Ballett gemacht, mein Vater war nicht nur Arzt, sondern ist oft auch als Zauberer aufgetreten. Da war so ein Wunsch in mir, andererseits fand ich schon das Wort Schauspieler so affig. Ich habe dann in Bochum angerufen, und eigentlich war es mir egal, was ich da tue – ob ich nun irgendwelche Möbel aufstelle, Mäntel aufhänge oder sonst was mache.

So weit kam’s aber nicht.

Ich weiß gar nicht mehr, mit wem ich damals gesprochen habe, aber es war ein ziemlich absurdes Gespräch, in dem man mich fragte, ob ich vielleicht Theaterwissenschaften studiert hätte oder sonst irgendwas könne, was man beim Theater gebrauchen kann. Erst ganz zum Ende habe ich gesagt, dass ich Fotodesign studiert habe, das erschien mir in diesem Zusammenhang vollkommen unbrauchbar. Aber der Zufall wollte es, dass der Fotograf gerade gekündigt hatte.

Und Sie bekamen seine Stelle?

Ich habe Herrn Beil und Herrn Peymann meine Mappe gezeigt, hatte ansonsten aber von Tuten und Blasen keine Ahnung. Ich wusste nicht, was eine Probebühne ist oder eine Hauptprobe oder eine Generalprobe. Sie haben mir dann eine Probezeit eingeräumt, und fortan habe ich kaum noch geschlafen – tagsüber habe ich fotografiert und nachts in meinem kleinen Badezimmer die Filme entwickelt. Damals hatte ich überhaupt noch keine Struktur in meiner Arbeit – später hat mir mal jemand erzählt, wie ich in Holzschuhen zu den ersten Proben gekommen bin. Das ist so ziemlich das unbrauchbarste Schuhwerk für eine leise Theaterfotografin (lacht). Damals habe ich aber auch gemerkt, dass mich der Vorgang auf der Bühne viel mehr fasziniert als meine Fotos. Oft habe ich nur auf die Bühne gestarrt und ganz vergessen auszulösen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN