Piano Man zerlegt sein Piano Arte zeigt eine packende Doku über Billy Joels UdSSR-Tour

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Ein Amerikaner in Moskau: Billy Joel durfte als erster Amerikaner 1987 in der UdSSR auftreten.Foto: dcdrights.comEin Amerikaner in Moskau: Billy Joel durfte als erster Amerikaner 1987 in der UdSSR auftreten.Foto: dcdrights.com

Osnabrück. Nie hat er auf der Bühne so getobt wie in Russland, nie bekam er vom Publikum so viel dafür zurück: Als erster amerikanischer Künstler tourte Billy Joel im Jahr 1987 durch die Sowjetunion. Die Dokumentation der Reise, die jetzt auf Arte läuft, hält den Zuschauer 74 Minuten lang in Atem.

Wie viel Pathos passt in einen Popsong, bevor man ihn hassen muss? In „Leningrad“ hat sich Billy Joel so nah an die Grenze herantitriert, dass man auch 25 Jahre später noch fasziniert beobachtet, wie einen dieses Lied mit Gefühlsdusel anfüllt und trotzdem nicht platzen lässt.

Sechs Konzerte in Russland

Warum dieses bombastische „Leningrad“ entstehen musste, begreift jeder, der „Billy Joel: A Matter of Trust – The Bridge to Russia“ gesehen hat. Die Dokumentation von Jim Brown begleitet den New Yorker Sänger bei seiner Tournee durch die Sowjetunion im Jahr 1987. Nur sechs Konzerte gab der Weltstar, drei in Moskau, drei in eben diesem Leningrad. Doch der Eindruck hätte tiefer nicht sein können. „Die Reise nach Russland war wahrscheinlich mein Highlight als Künstler. Alles, was danach kam, fiel dagegen ab.“

Historische Würdigung blieb Modern Talking vorbehalten

Nach 40 Jahren Kaltem Krieg war Billy Joel der erste amerikanische Künstler, der in der UdSSR auftreten durfte. Der erste Musiker aus dem Westen war er allerdings nicht, diese historische Würdigung blieb Modern Talking vorbehalten, die kurz zuvor in der Sowjetunion gastierten und sogar in den Kreml eingeladen wurden. Das völlig Unpolitische ihrer selbst von den Paranoikern aus dem Politbüro abgesegneten Musik mag dazu beigetragen haben; doch man soll auch nicht das melodiöse Talent Dieter Bohlens unterschätzen.

Es musste schon der Rock ‚n‘ Roll sein

Wie es sich für einen US-Amerikaner gehört, reichte es Billy Joel nicht, dem russischen Volk einfach nur gute Musik zu bringen. Es musste schon der Rock ‚n‘ Roll sein. Immer wieder benutzt Joel diesen Begriff, und das nicht, weil sich der oft und zu Unrecht als Schmuse-Onkel verschriene Sänger einen zünftigeren Anstrich geben will. Es ist die mit dem Rock ‚n‘ Roll verbundene Rebellion, die Auflehnung gegen die Autorität und die Normokratie, es ist nicht weniger als dieser (angebliche) Geist dieses (angeblichen) „Land of the free“, den Billy Joel in die Sowjetunion tragen wollte.

„Auf die Wahrheit“ angestoßen

Offiziell gab er sich deutlich bescheidener. „Ich fahre dort als Musiker hin, ich möchte mehr Kommunikation zwischen uns“, sagte er auf einer Pressekonferenz vor der Abreise. 40 Filmminuten später sehen wir Billy Joel, wie er bei einer nicht weiter benannten Veranstaltung dem sowjetischen Publikum erzählt, bei der Geburt seiner Tochter habe er zu ihr gesagt: „Was wird das für eine Welt?“ Und dann: „Ich habe das Gefühl: Was in eurem Land gerade passiert, ähnelt sehr stark den 60ern.“

Zuvor hatte er mit der Familie des verstorbenen kritischen Künstlers Wladimir Wyssozki „auf die Wahrheit“ angestoßen und einigen Langhaarigen in Leningrad vor laufender Kamera Mut gemacht: Auch er habe einst wegen seiner Matte Stress gehabt, also nur weiter so!

Der typisch amerikanische Weltbeglücker

Da können die Begleiter von einst noch so oft betonen, dass der Megastar einfach interessiert war an diesen einfachen Menschen, die doch außer Unterdrückung gar nichts hatten. Wir, die Zuschauer, sehen auch den typisch amerikanischen Weltbeglücker.

Aber ist das ausschließlich penetrant? Njet. Bei seinem zweiten Auftritt in Moskau schwillt Billy Joel der Kamm, weil sein Techniker ständig das Publikum ausleuchtet, das daraufhin verschreckt aufhört zu tanzen. Der Techniker hat es nur gut gemeint, er will sicherstellen, dass man auf dem Konzertfilm auch sieht, welche Massen sein Chef im Feindesland begeistert hat. „Lasst mich verdammt noch mal meine Show machen“, brüllt der aber mitten in einem Lied ins Mikro, um danach erst sein E-Piano umzuschmeißen und dann mit dem Mikrofonständer auf sein Klavier einzudreschen.

Erklärung auf der Pressekonferenz

Was die Russen nun für echten Rock ‚n‘ Roll halten, sind zwar in Wahrheit Allüren, aber geschenkt. Auf einer Pressekonferenz erzählt Billy Joel, der Ausraster möge vielleicht „shocking“ gewirkt haben. Und dann sagt der 38-Jährige mit der Rotzigkeit eines Marty McFly, der ja bekanntlich im Jahr 1955 den Rock ‚n‘ Roll erfunden hat: „Meine Mutter versteht auch bis heute nicht, warum ich manchmal auf dem Klavier herumspringe. Aber manchmal ist mir einfach danach.“

Keine Sekunde langweilig

Billy Joel auf seinem Trip durch die Sowjetunion zuzuschauen ist keine Sekunde langweilig, so viel dürfte bis hierher klargeworden sein. Mit welcher Freude er seine Shows spielt, wie viel Gas er gibt, wie er das anfangs noch von der lauten Musik verschreckte und durch Bonzen in den ersten Reihen gezügelte Publikum animiert, reißt einen sogar vor dem Bildschirm noch mit.

Spätestens im für damalige Verhältnisse mondänen und lebensfrohen Leningrad verliert Billy Joel dann endgültig sein Herz an die Russen. Er lernt den Clown Viktor kennen, der ihn in Gesprächen fasziniert und bei den Konzerten das Publikum animiert. Ihm vor allem ist „Leningrad“ gewidmet, das zwei Jahre später auf „Storm Front“ erscheint – dem Album, das mit „We didn’t start the fire“ einen der bedeutendsten Popsongs aller Zeiten enthält.

„Die kriegen ja nicht einmal Klopapier organisiert!“

Die wichtigste persönliche Erkenntnis hatte Billy Joel auf seiner Russlandreise übrigens, als er die langen Schlangen vor den Kaufhäusern sah. Vor den meist ziemlich leeren Kaufhäusern. „Da wusste ich, dass die keinen Krieg gegen uns führen werden. Die kriegen ja nicht einmal Klopapier organisiert!“


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