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Schauspielerin ist 65 Iris Berben: Fühle mich freier und radikaler

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Osnabrück. „Miss Sixty“ heißt Iris Berbens wunderbare Komödie, in der sie neben Edgar Selge an diesem Montag im Ersten zu sehen ist. Tatsächlich ist sie seit einigen Tagen „Miss Sixtyfive“. In unserem Interview geht es nicht nur, aber auch ums Alter.

Sie ist eine der populärsten und erfolgreichsten Schauspielerinnen des Landes, eine der engagiertesten Kämpferinnen gegen Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und Antisemitismus und als Präsidentin der Deutschen Filmakademie eine der einflussreichsten Personen der Branche. Am 17. August ist Iris Berben im Ersten in der wunderbaren Kinokomödie „Miss Sixty“ zu sehen. In ihrem Berliner Büro unterhalten wir uns kurz vor ihrem 65. Geburtstag (12. August) über die zahlreichen Stolpersteine ihrer Schulzeit, die Vorzüge zunehmenden Alters und Angela Merkels emotionsgeladenes Aufeinandertreffen mit einem palästinensischen Flüchtlingsmädchen:

Frau Berben, auf Ihrer Homepage liest man, der Mut, in der Schule den Mund aufzumachen, habe Sie das Abitur gekostet. Woran hat’s genau gehapert?

Ich war das, was man ein anstrengendes Kind nennt, und habe wegen meiner Eltern sehr viele Schulumzüge machen müssen. Ich habe allein drei verschiedene Internate besucht, die ich alle wieder verlassen musste. Es war eine unruhige Zeit, und ich konnte nirgends richtig Fuß fassen. Und ich war es gewohnt, in meinem Elternhaus alles aus- und ansprechen zu können, hatte eine sehr selbstbestimmte und liberale Mutter.

Alles aus- und ansprechen konnten Sie in der Schule nicht?

Die Internate waren damals eher dazu angehalten, die Schüler aus dem Leben und Alltag herauszuhalten – ganz im Gegenteil zu heute, wo man vorbereitet wird auf das, was kommt. Es war wie unter einer Glashaube – und ich war eben aufsässig und renitent. Das hat mir letztendlich mehrere Internatsverweise eingebracht.

Sie sind ja bis heute jemand geblieben, der den Mund aufmacht.

Ich bin durch die Prägung meiner Eltern und Großeltern jemand, der sich nicht weggeduckt, sondern nachgefragt hat. Mit der 68er-Bewegung wurde das dann ja später zu einem Lebensmotto: Hinterfragen, nachhaken, nicht gedankenlos dahinplappern, sondern versuchen zu verstehen. Mein Elternhaus war damals schon so offen und auch gescheit, dass es für mich selbstverständlich war.

Ihre Eltern haben sich ziemlich früh getrennt…

Ja, ich war dann immer wieder bei meiner Mutter, zwei Jahre bei meinen Großeltern und dann in den verschiedenen Internaten.

Und Harmoniesucht war damals schon nicht Ihre Krankheit?

(lacht) Nein. Mit Harmonie verbinde ich nicht das kleine grüne Plätzchen, auf dem man es sich gemütlich einrichtet. Viel wichtiger sind mir eine intakte Welt und die Frage, was man wie in einer Gesellschaft leisten kann, um Chancen für alle zu schaffen. Das ist meine Form der Harmoniesucht.

Sie haben mal gesagt: Je älter ich werde, desto mehr nähere ich mich wieder der 18. Wo auf diesem Weg sind Sie gerade?

Vielleicht schon bei 20 (lacht). Der Vorteil am Älterwerden in unserer heutigen Zeit ist, dass man als Frau mehr entspannt. Früher war irgendwann alles nur noch praktisch: ein praktischer Haarschnitt, praktische Kleidung. Frauen sind mittlerweile bis ins hohe Alter in der Gesellschaft tätig, sie haben andere Möglichkeiten, auch wenn es noch immer nicht genug sind. Mir gibt das Alter eine größere Freiheit.

Inwiefern?

Ich habe schon geliefert. Jetzt habe ich weniger Bedenken und weniger Ängste. Es ist wieder so wie damals, als ich losgestartet bin.

Sind Sie wieder kompromissloser?

Ja, das glaube ich. Zwar habe ich immer versucht, möglichst wenige Kompromisse zu machen. Wo früher eine gewisse Unsicherheit und Pragmatismus waren, bin ich heute noch gefestigter geworden – das gibt einen Freiraum, den man sich auch nehmen sollte. Was habe ich zu verlieren? Gar nichts. Die Karriere habe ich gemacht, ich liebe diesen Beruf und werde ihn mit der gleichen Leidenschaft und Sorgfalt auch weitermachen. Aber ich kann auch wieder radikaler sein und mich verweigern.

Wem oder was verweigern Sie sich?

Ich sage heute viel schneller einen Film ab als früher. Das heißt gar nicht, dass es schlechte Filme wären, aber wenn ich mich darin wiederhole, ist es keine Herausforderung mehr.

In den Schulen wurden und werden gerade wieder die Abiturzeugnisse ausgegeben – was sagen Sie denjenigen, die es nicht geschafft haben?

Ich habe meinen Lebensweg auch ohne Abitur gemacht, und ich bin auch mal sitzen geblieben. Ganz wichtig ist, dass man im Elternhaus einen Halt bekommt. Wichtig sind die Gespräche, um herauszufinden, woran es gelegen hat: War ich einfach nur eine faule Sau? Bin ich überfordert gewesen? Brauche ich Hilfe? Oder ist mein Weg vielleicht ein anderer? Mit 18 oder 19 wissen viele doch noch nicht wirklich, was ihre Leidenschaft ist und in welche Richtung es einmal gehen soll. Es wird ein ganz ungesunder Druck auf junge Menschen aufgebaut – wie sollen sich da Kreativität, Träume und Leidenschaft entwickeln? Warum ist Scheitern so ein negativ besetztes Wort?

Scheitern als Chance?

Warum nicht? Es gibt so viele großartige Menschen in herausragenden Positionen, die in ihrem Leben einmal oder mehrfach gescheitert sind. Es ist ganz wichtig, dass man dadurch nicht in seinem Selbstwertgefühl verunsichert wird.

Wenn man sich die ganzen globalen und regionalen Probleme ansieht – kann man da für die Generation der heute 18-Jährigen noch optimistisch sein?

Ja, das kann man, auch wenn es gerade extrem viele und gefährliche Herausforderungen gibt. Wir bewegen uns zurzeit wirklich auf sehr dünnem Eis. Formate, in denen wir uns sicher gefühlt haben, funktionieren nicht mehr, und wir müssen lernen, damit umzugehen. Wir müssen unsere Welt neu ordnen – und deshalb würde ich einem jungen Menschen immer raten, so viele Lebensformen wie möglich kennenzulernen: Geh ins Ausland, lerne Sprachen, mach die Erfahrung, wie unterschiedlich man die Dinge wahrnehmen kann.

Was bereitet Ihnen zurzeit die größten Sorgen?

Der große Ruck nach rechts, der weltweit zu beobachten ist, aber uns bei unserer historischen und moralischen Verantwortung vor der Geschichte ganz besonders betrifft. Und dessen Akzeptanz in der Mitte, wo antisemitische und ausländerfeindliche Parolen Einzug gehalten haben. Das führt dann dazu, dass der Hass größer wird und die ausländerfeindlichen Parteien über mehr Macht verfügen. Die Geschwindigkeit, mit der sich das in den letzten Jahren vollzogen hat, finde ich beängstigend.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Bilder gesehen haben, wie ein palästinensisches Flüchtlingsmädchen beim Gespräch mit der Bundeskanzlerin in Tränen ausbrach ?

Die Kanzlerin musste da auf etwas reagieren, worüber gesprochen und politisch verhandelt wird und das dann plötzlich ganz real und nah ist: ein weinendes Kind. So ein Mädchen möchte man doch spontan in den Arm nehmen und ihm sagen, ich würde dir so gerne helfen – wie Frau Merkel es auch getan hat. Aber sie wusste natürlich auch, dass sie es in diesem Moment nicht kann. Das ist – wie so vieles heute – im Internet negativ kommentiert worden, aber es hat mich schon erstaunt und erschreckt. Frau Merkel hatte diesen Impuls – und musste sich dann daran erinnern, dass sie hier nicht etwas versprechen sollte, was sie nicht halten kann. Daraus kann man ihr keinen Vorwurf machen.

Zum Film: Die Art des Filmkonsums durch das Publikum verändert sich seit einigen Jahren ganz gewaltig.

Ja, und ich versuche, wo immer es geht, die Leute zu motivieren, wieder ins Kino zu gehen und sich nicht auf diesen kleinen Tablets oder gar auf dem Handy Filme anzuschauen – das tut uns und unserer Arbeit weh. Ich wünsche mir, dass sie dieses Gefühl kennenlernen, in ein Kino zu gehen und sich mit anderen Menschen in einen Raum zu setzen, in dem nichts ablenken kann. Nur wer sich wirklich auf einen Film einlässt, kann diese Magie erleben.

Auch außerhalb des Kinos verändert sich so einiges – wird das Internet zum neuen Fernsehen und die Serien zum neuen Kino?

Im Moment muss man das wohl so sehen. In Amerika kann man längst beobachten, dass erstklassige Schauspieler in Serien gehen, die man sich mittlerweile auch im Kino anschauen kann. Diese Erzählform ermöglicht es, eine Geschichte sehr viel komplexer und genauer zu erzählen.

In Deutschland hat man das noch nicht so lange erkannt.

Auf jeden Fall später als in Amerika. Aber auch bei uns gibt es Leute, die das Zeug für solche Serien haben. Da müssen wir auch die Sender ein bisschen mehr in die Pflicht nehmen, die vielfach noch in ihren alten Strukturen verhaftet sind und nervös werden, wenn sie neue Formate suchen müssen, weil das Publikum nicht mehr mitzieht. Wer aber die Leute neu oder neue Leute interessieren will, muss auch mal ein bisschen Schwund ertragen und nicht immer nur auf der Sicherheitsspur fahren.

Würden Sie heute noch einem jungen Menschen raten, Schauspieler zu werden?

Ich würde ihm raten, genau darüber nachzudenken, ob er Schauspieler sein oder berühmt werden will. Wenn er dafür brennt, Leidenschaft hat und bereit ist, einen langen Weg zu gehen, dann würde ich ihm dazu raten. Wobei er wissen sollte, dass es ganz wunderbare und erstklassige Schauspieler an kleinen und großen Theatern gibt, von denen noch nie jemand gehört hat.

Iris Berben

wird am 12. August 1950 als Tochter eines Gastronomen-Ehepaars in Detmold geboren. Die Eltern trennen sich früh, Berbens Mutter zieht nach Portugal. Das Mädchen wächst bei ihr, den Großeltern und in Internaten auf. Schon als 18-Jährige spielt sie in Kurzfilmen, bald darauf im ersten Kinofilm. Bekannt wird sie Mitte der 70er-Jahre als Chantal in der Serie „Zwei himmlische Töchter“. Nach Rollen für Kino und Fernsehen beweist sie in der Serie „Sketchup“ ihre besondere Wandlungsfähigkeit. Berben spielt Rollen in Epen wie den „Buddenbrooks“ oder „Die Patriarchin“. In den Medien wird sie als „schönste und erotischste Schauspielerin Deutschlands“ gefeiert. Die langjährige Titelrolle in der ZDF-Krimireihe „Rosa Roth“ und zahlreiche weitere große Rollen machen sie zu einem Topstar der Branche.

Iris Berben engagiert sich seit Jahrzehnten gegen Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz. Dafür erhält sie das Bundesverdienstkreuz. Als Schauspielerin wird sie mehrfach mit Grimme-Preis, Goldener Kamera und vielen weiteren Ehrungen überhäuft. Seit 2010 engagiert sie sich als Präsidentin der Deutschen Filmakademie für die deutsche Filmwirtschaft und ihre Gewerke. Lange Jahre ist sie bis zur Trennung 2006 mit dem jüdischen Schuhhändler und Gastronomen Gabriel Lewy zusammen, neuer Lebensgefährte ist der Stuntman Heiko Kiesow. Aus einer früheren Beziehung hat Berben den Sohn Oliver, mit dem sie gemeinsam und erfolgreich eine Filmproduktionsfirma in Berlin und München unterhält. Selten sieht man sie ohne ihren knopfäugigen, 14-jährigen und tauben Hund, der es immer noch schafft, auf den Tisch zu klettern und Kekse zu klauen.


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