Politkovskaja-Preis für Blogger Darum suchte Asif Mohiuddin Zuflucht in Deutschland

Von Thomas Klatt

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In Hamburg kann er zumindest wieder lächeln: der bekennende Atheist Asif Mohiuddin aus Bangladesch. Foto: Judith PapeIn Hamburg kann er zumindest wieder lächeln: der bekennende Atheist Asif Mohiuddin aus Bangladesch. Foto: Judith Pape

Hamburg. Der international mehrfach ausgezeichnete Blogger und Menschrechtsaktivist Asif Mohiuddin aus Bangladesch musste nach einem grausamen Mordanschlag aus seinem Heimatland fliehen.

Heute lebt er mit Unterstützung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und Amnesty International in Deutschland . Und fühlt sich auch hier nicht wirklich sicher.

Es fing damit an, dass er schon als neunjähriger Schuljunge einfach nur Fragen stellte, erinnert sich Asif Mohiuddin aus Dhaka in Bangladesch. Er bekam aber nie Antworten, die ihn zufriedenstellten. „Wir feiern einmal im Jahr das Eid-Al-Adha-Fest und schlachten in muslimischen Familien ein Tier. Ich war von all dem Blut geschockt. Warum tut ihr das? Und meine Eltern sagten, Allah ist darüber glücklich, dass wir ihm eine Kuh schlachten“, erinnert sich Mohiuddin.

Brutale Geschichte

Dahinter steht die heilige Geschichte, dass Ibrahim statt seines Sohnes in letzter Minute ein Opfertier schlachtete und so sein Vertrauen zu Gott bewies. Die berühmte Geschichte des Urvaters dreier Weltreligionen wird nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum und Christentum bis heute erzählt und gelesen. Für den jungen Asif ist sie aber eine Geschichte verabscheuenswürdiger Brutalität.

Mohiuddin begann Bücher zu lesen, nicht nur den Koran, sondern auch andere Heilige Schriften, die Bibel oder die Bhagad Vagita. Aber auch andere Religionen haben ihn nicht überzeugt. Zudem erlebte er immer wieder die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus in seinem Land.

Weder seine Eltern noch seine Lehrer konnten ihn überreden, dass er ein guter Muslim sein und Allah gehorchen müsse. Vor allem wollten ihm seine Lehrer beibringen, dass Juden und Christen die Feinde Allahs seien und man sie deshalb als Muslim bekämpfen müsse. Noch viel schlimmer aber sei die Indoktrination in den privaten Madrassas, die aus Saudi-Arabien finanziert würden.

„Ich nenne diese Madrassas Produktionshäuser für Terrorismus und Fundamentalismus, die von Millionen Schülern besucht werden. Bangladesch ist ein sehr armes Land. Die Familien haben meist viele Kinder. Die Madrassas bieten den armen Eltern an, ihnen ein bis zwei Kinder abzunehmen. Aber die Eltern können nicht sehen, was in den Madrassas wirklich passiert. Die Kinder werden geschlagen. Sie werden trainiert, Bomben zu bauen und Waffen zu gebrauchen. Die Regierung will das aber gar nicht so genau wissen“, beklagt Mohiuddin.

In den Schulen seiner Heimat sei es normal, Schüler zu schlagen. Er sei oft dafür gemaßregelt worden, dass er nicht an Allah glaube und sich dazu öffentlich bekenne. Erst auf dem College hätten diese Züchtigungen aufgehört. Mohiuddin begann, sich politisch zu engagieren, gegen Polizeigewalt, für Frauenrechte und für mehr Demokratie.

2006 Blog gestartet

In den Zeitungen Bangladeschs konnte er einige Artikel veröffentlichen, bald aber wiesen ihm die Chefreakteure die Tür. 2006 begann er daher mit seinem eigenen Blog, im Grunde das einzige Medium für freie Meinungsäußerung in seiner Heimat. Dort fragt er etwa, wieso durch Religion Frauen unterdrückt und Kinder psychisch missbraucht werden. In Bangladesch gilt Mohiuddin deswegen längst als Staatsfeind. Mohiuddin ist auch Initiator der Bangladesh Secular Humanist Movement, einer Online-Community nicht religiöser Menschen. Immer wieder wurde er deswegen nicht nur im Internet, sondern auch körperlich angegriffen.

Dass er eine monatelange Gefängnishaft überlebt habe, sei auch dem Umstand zu verdanken, dass er mehrere Journalistenpreise und Blog-Awards unter anderem von der „Deutschen Welle“ erhalten habe, sagt er. Das internationale Interesse habe ihm in Bangladesch einen gewissen Schutz und Unterstützung durch Gleichgesinnte gewährt. Dennoch, im Januar 2013 wurde der Menschenrechtsaktivist mit einem Hammerschlag auf den Kopf und 53 Messerstichen fast tödlich verletzt. Er musste fliehen. Heute lebt er mit Unterstützung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte und Amnesty International in Deutschland.

Sein genauer Aufenthalt bleibt geheim, denn auch hierzulande erlebt er Muslime, die seine Art des Denkens und Schreibens nicht akzeptieren können: „Ich sprach mit vielen Flüchtlingen aus Syrien, Palästina, Libyen. Einer sagte mir, dass es doch nicht richtig sei, dass die Frauen in Deutschland so viele Freiheiten genössen. Außerdem gebe es hier in Deutschland viel zu viele Schwule und Lesben. Und ich fragte ihn, was denn sein Problem sei. Ob sie nun schwul oder lesbisch sind, das sei doch ihre Sache.“

Politkovskaja-Preis

Viele muslimische Flüchtlinge würden eben ihre traditionellen Vorstellungen und Rollenbilder mit nach Deutschland bringen, meint Asif Mohiuddin. Eine aufgeklärte Diskussion sei da kaum möglich. Wenn sie könnten, würden sie ihn auch hier schlagen und züchtigen, ist er sich sicher.

Von Deutschland aus versucht Asif Mohiuddin nun eine Oppositionsbewegung in seiner Heimat aufzubauen. Wann und ob er als bekennender Atheist aber jemals wieder nach Bangladesch zurückkehren kann, ist völlig offen. Im Oktober wird ihm jetzt für sein unerschrockenes Engagement der italienische Anna-Politkovskaja-Preis verliehen.


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