„What happened, Miss Simone?“ Netflix kann nicht nur Serie, sondern auch Doku

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Die Netflix-Produktion „What happened, Miss Simone?“liefert ein spannendes Porträt der Jazzsängerin und Menschenrechtsaktivistin Nina Simone. Foto: imago/Haytham PicturesDie Netflix-Produktion „What happened, Miss Simone?“liefert ein spannendes Porträt der Jazzsängerin und Menschenrechtsaktivistin Nina Simone. Foto: imago/Haytham Pictures

Osnabrück. Viel ist geschrieben worden über den Paradigmenwechsel, den Online-Streamingdienst, Produktions- und Verleihfirma Netflix vor allem im seriellen Erzählen herbeigeführt hat. Im Schatten der großen Hits wie „House of Cards“ oder „Orange is the new Black“ produziert Netflix aber auch sehenswerte Dokumentarfilme.

Wegen drastischer Sexszenen machte die Dokumentation „Hot Girls Wanted“ von Jill Bauer und Ronna Gradus bei ihrer Veröffentlichung Schlagzeilen. Tatsächlich zeigt die Netflix-Produktion kaum Sex und ist doch ein Beispiel für die Art Dokumentarstück, die es im Kino wie im linearen Fernsehen vermutlich schwer hätte.

Denn „Hot Girls Wanted“ präsentiert keine schönen Naturaufnahmen, keine spektakulären Bilder. Der Film wurde produziert von der Schauspielerin und Filmemacherin Rashida Jones – bekannt aus der US-Serie „Parks and Recreation“ – und begleitet junge Mädchen, die der Enge der US-amerikanischen Provinz entkommen wollen, auf ihrem Weg in die Amateurpornobranche.

Während die mitgelieferten Fakten zum Pornokonsum im Internet anfangs noch nicht recht zum naiven Enthusiasmus der Protagonistinnen passen wollen, kippt der Film etwa nach der Hälfte in ein düsteres Porträt über Ausbeutung und Erniedrigung, das nur schwer zu ertragen ist. Der Zuschauer kann sich an wenigen Fingern abzählen, dass ein solcher Film im deutschen Fernsehen vermutlich auf einem Nischensendeplatz verschwinden oder gar nicht ausgestrahlt werden würde.

Intensiv auf eine andere Art ist „What happened, Miss Simone?“ von Liz Garbus, ein Porträt der Jazzsängerin und Menschenrechtsaktivistin Nina Simone, mitproduziert von ihrer Tochter Lisa Simone Kelly.

Auf eindringliche und erstaunlicherweise sehr organisch wirkende Art verknüpft Regisseurin Garbus Archivaufnahmen mit Interviewtönen, sodass der Film – ebenso wie „Hot Girls Wanted“ – ganz ohne erklärenden Sprechertext auskommt und die Autorin so weit wie möglich hinter ihren Erzählgegenstand zurücktreten lässt.

Auch „What happened, Miss Simone?“ konzentriert sich vornehmlich auf die Königsdisziplin angloamerikanischer Literatur und Filmkunst: das Erzählen einer spannenden Geschichte.

Der Film lebt von Nina Simones Musik und Bildern, die für sich sprechen und eine eigene Deutung zulassen. Die Protagonistin tritt hier ebenfalls in der zweiten Hälfte des Films auf die dunkle Seite. Das Mitreißende, der Aufstieg, die Aufbruchsstimmung weichen dem Blick in die Seele einer zerrissenen Frau, die an den äußeren Umständen ihrer Zeit ebenso leidet wie an ihren eigenen Dämonen.

Dass beide Filme einer gefühlten Spielfilmdramaturgie folgen, macht sie unterhaltsam und emotional aufwühlend zugleich. Nie drängt sich – etwa bei „Hot Girls Wanted“ – der schale Beigeschmack von Voyeurismus auf. „What happened, Miss Simone?“ verfällt selbst in den zeitgeschichtlichen Randnotizen nie in die Langeweile einer Schulstunde.

Beide Filme wurden von Frauen geschrieben, inszeniert und produziert. Vor dem Hintergrund der deutschen Debatte um eine Frauenquote im Bereich Filmregie setzen die Netflix-Produktionen auch hier einen erfreulichen Akzent.

Auch wenn Dokumentarfilme nicht zu den Aushängeschildern von Netflix gehören – sie dürften hier ein anderes Publikum erreichen als jenes, das üblicherweise Dokumentationen in Fernsehen oder Kino anschaut.

Trotzdem ist der Schritt in die etablierte Verwertungskette gelungen. Beide Filme feierten Premiere auf dem Sundance Festival, Hot Girls Wanted gilt manchen bereits als Oscar-Anwärter.

Bleibt abzuwarten, wann es die erste deutsche eigenproduzierte Doku bei Netflix zu sehen gibt. Einige Lizenzstücke haben es schon dorthin geschafft, unter anderem die ZDF-Reihe „ Nicht nachmachen! “ mit Wigald Boning und Bernhard Hoecker unter dem Titel „Don’t do this at home“.


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