War Goethe ein Moslem? „Islamische Zeitung“ eckt mit steilen Thesen an

Von Thomas Klatt

Die Wachsfigur des Dichter und Erfinders Johann Wolfgang Goethe im Prager Wachsfigurenkabinett. Nach Ansicht der „Islamischen Zeitung“ war er ein Moslem. Foto: Imago/ Data73Die Wachsfigur des Dichter und Erfinders Johann Wolfgang Goethe im Prager Wachsfigurenkabinett. Nach Ansicht der „Islamischen Zeitung“ war er ein Moslem. Foto: Imago/ Data73

Berlin. Die „Islamische Zeitung“ (IZ) gibt es bereits seit 20 Jahren in Deutschland. Unumstritten ist sie bis heute nicht – auch nicht unter Muslimen.

In der evangelischen und katholischen Kirche gehört die Kirchengebietspresse - im Wochen- oder Monatsrhythmus erscheinend - zum selbstverständlichen Teil klerikaler Publizistik. Jeweils für eine Landeskirche oder Bistum zuständig heißen sie „Evangelische Zeitung“, „Katholisches Sonntagsblatt“ oder so ähnlich. Auch der Zentralrat der Juden hat mit der „Jüdischen Allgemeinen“ sein eigenes Organ. Ähnliches fehlt allerdings für die mehr als vier Millionen Muslime im Land, eine Zeitung für alle Glaubensgeschwister unter dem Dach einer Religionsgemeinschaft.

Dabei gibt es seit 20 Jahren bereits die „Islamische Zeitung“, allerdings nur in geringer Auflage und im Abonnement erhältlich, nicht einmal Bahnhofsbuchhandlungen haben sie gelistet. Aber zumindest im Internet ist die IZ durchaus präsent.

Seriöser Anschein

Die „Islamische Zeitung“ nennt sich unabhängig und wird von Muslimen für Muslime produziert und herausgegeben. Das Blatt wurde 1995 von dem Konvertiten Andreas beziehungsweise jetzt Abu Baku Rieger ins Leben gerufen, der zur sogenannten Murabitun-Bewegung gehört. Sie geht zurück auf den schottischen Schauspieler und Konvertiten Ian Dallas, der als islamischer Scheich seit Jahrzehnten Menschen um sich sammelt.

Die IZ gibt sich den Anschein einer seriösen Publikation. Neben dem ersten allgemeinpolitischen Teil gibt es die Unter-Rubriken „Muslime & Globaliserung“, „Berliner Seiten“, „Muslime & Lebensart“. Thema der 24 Seiten starken Monatspostille im Tageszeitungsformat ist immer wieder auch die Verbindung des Islams mit der deutschen Klassik. „Wenn Islam Gott ergeben heißt, im Islam leben und sterben wir alle!“ Solche Goethe-Zitate, der West-Östliche Diwan oder Goethes Verehrung für den persischen Lyriker Hafis sind der „Islamischen Zeitung“ Beweis genug, dass der deutsche Dichterfürst ein gläubiger Muslim gewesen sein muss.

In der „Islamischen Zeitung“ wird Ausgabe für Ausgabe ganzseitig für Besuche in Weimar geworben: „Besuche für Muslime im Herzen der deutschen Kultur!“

Seltsam nur, dass darüber weder Zeitungs-Gründer Rieger noch die Redaktion ein Interview geben möchten. Man habe keine Zeit, müsse Reisen vorbereiten, die nächste Ausgabe stehe an und man sei personell stark eingeschränkt, heißt es über Monate per E-Mail.

Zweifelhaftes historisches Vorbild

Die romantische Orient-Verehrung Goethes also als Beweis für sein Muslimsein? Johannes Kandel, ehemals Islamreferent der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, hält dies für blanke Propaganda. Er schätzt die Murabitun-Bewegung, zu der die „Islamische Zeitung“ zu zählen ist, so ein: „Für mich ist es eine fundamentalistische Politsekte. Der Name kommt aus dem Arabischen und heißt so viel wie die Leute des Klosters oder die Grenzwächter. Im Mittelalter hat man damit eine Gruppe von fundamentalistischen Berbern benannt, die im 11./12. Jahrhundert dem relativ toleranten Islamexperiment in Spanien ein jähes Ende bereiteten und ihre fundamentalistische Herrschaft errichteten.“

Ein zweifelhaftes historisches Vorbild also für ein sich aufgeklärt gebendes religiöses Presseorgan. Kandel sieht in der „Islamischen Zeitung“ somit auch kein liberales Meinungs- und Debattenblatt: „Der Islam wird am Ende siegen, den so genannten Raubtierkapitalismus überwinden, eine neue Weltordnung herstellen. Es wird ein neues Finanzsystem geben, da wird es Gold- und Silberwährung geben, mit Golddinar und Silber-Dirham. Da wird es dann keinen Zins mehr geben, da werden die Menschen in Harmonie miteinander leben, aber nur, wenn der Islam weltweit durchgesetzt wird“, sagt Kandel zur inhaltlichen Ausrichtung der IZ.

Weit gefehlt aber, wenn man die „Islamische Zeitung“ nun als Teil der weltwirtschaftskritischen occupy- oder attac-Bewegung einstufen würde.

„Die Murabitun ist im Grunde eine moderne Kalifats-Bewegung, die eine Mischung aus Antikapitalismus und auch deutlich antisemitischen Tönen verbindet“, meint Friedmann Eißler, Islamreferent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin.

Kein Leitmedium aller Muslime

Im Verfassungsschutzbericht Brandenburg 2008 etwa wird deutlich vor den Herausgebern und Machern der IZ gewarnt. „Das zeigt sich dann auch in so Thesen, das Papiergeld sei von Juden erfunden worden. Das sei Betrug und eben auch eine jüdische Erfindung“, zitiert Eißler aus dem Verfassungsschutzbericht.

Die Murabitun sollte man allerdings nicht zu den gewaltbereiten Extremisten zählen. Es geht um dawa, um friedliche Mission. Aber es gehe den Machern der IZ schon um nichts weniger als den Umbau und damit die Abschaffung der freiheitlichen Demokratie, schätzt Islamexperte Johannes Kandel ein: „Das harmonische Modell von Rieger soll nach dem Modell Medina aufgebaut werden. Und das ist mitnichten eine demokratische oder pluralistische Ordnung, sondern es ist eine ganzheitlich diktatorische Ordnung.“

Die „Islamische Zeitung“ ist anders als der Titel vermuten lässt kein Sprachorgan oder gar Leitmedium aller Muslime, sondern eher ein Nischenprodukt. Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrates in Deutschland, liest das Blatt zumindest nicht mehr: „Mich hat gestört, dass alles in der Theorie geblieben ist und dass sich die Themen immer wiederholt haben. Das langweilt dann irgendwann.“

Und Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, verweist lieber auf seine eigene Webseite islam.de. Will man als aufgeklärter Bürger und gläubiger Muslim mitreden und sich informieren, so ist die „Islamische Zeitung“ für ihn zumindest kein Muss.

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