„ttt“-Moderator im Interview Warum Max Moor seinen Vornamen Dieter gehasst hat

Von Joachim Schmitz


Hamburg. Seit 2013 nennt sich der als Dieter Moor bekanntgewordene „ttt“-Moderator Max. Wir sprechen über die Gründe dafür, die Schweiz und seine Talk-Show-Liebe.

Er ist nicht nur das Aushängeschild des ARD-Kulturmagazins „ttt“ und Autor höchst amüsanter Bücher wie das gerade erschienene „Als Max noch Dietr war“, sondern auch ein unterhaltsamer Gesprächspartner: Max Moor, der bis 2013 Dieter hieß. In einem Hamburger Café unterhalten wir uns über Talkshows, die Schweiz und seinen Vornamen:

Herr Moor, Sie sind vermutlich der maximal beschäftigte Talkshow-Gast dieses Sommers.

Das wäre schön, denn ich liebe es, in Talkshows zu sein. Und in letzter Zeit hat es sich tatsächlich ein bisschen gehäuft.

Sie lieben es? Was ist denn so toll daran?

Man hat in dieser Zeit eine kleine heile Welt und trifft Leute, die man sonst nicht getroffen hätte. Die Redaktion verkuppelt Dich quasi mit anderen Menschen, die Dich interessieren oder von denen Du gar nicht weißt, dass es sie gibt. Ich bin ja ein völliger Banause, was Promis betrifft. Vor der Talkshow gucke ich immer nach, wer sonst noch kommt, und fast immer finde ich sie klasse. Ich war eigentlich noch nie in einer Talkshow, in der ich dann über einen anderen Gast gedacht habe: Der ist aber eine Nuss...

Harmoniemensch Max Moor?

Es ist eigentlich immer gute Stimmung, man findet sich gegenseitig ganz toll, weil man ja quasi denselben Stress hat: Jeder denkt: Hoffentlich kann ich mich da gut präsentieren und mein Produkt gut verkaufen. Es ist wie ein kleines Zeitfenster, durch das man reingeht und weiß: Für die nächsten 90 Minuten ist die Welt in Ordnung. Warum sich das jemand angucken soll, weiß man selber nicht, aber ist freudig erstaunt, dass tatsächlich jemand guckt. Ich fühl mich wirklich wohl da.

Haben Sie eine Lieblings-Talkshow?

Der „Kölner Treff“ mit Bettina Böttinger ist wunderbar. Und letztens war ich in einer Aufzeichnung der „NDR Talk Show“, die machen das auch sehr gut. Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt sind ein kongeniales Team und werfen sich die Bälle wunderbar zu. Anschließend haben wir an Holztischen noch draußen gesessen, was getrunken, und dann setzte das ein, was in meinem Alter ja immer seltener passiert: Eine letzte Zigarette noch – und dann wird’s zwei, halb drei Uhr morgens.

Worüber spreche ich denn mit jemandem, der in Talkshows schon alles gesagt hat über sein Leben, seine Herkunft, seinen Bauernhof, seinen Vornamen und sein neues Buch?

Das ist jetzt wirklich ein Problem, ein ganz schwieriges (lacht). Alles was ich in den Talkshows nicht gesagt habe, werde ich jetzt auch nicht sagen.

Ich versuch’s mal. Um die Schweiz kommen wir wohl nicht rum.

Logisch.

Was ist typischer für die Schweiz – Sepp Blatter oder das Matterhorn?

Beides. Das kann ja durchaus miteinander in Beziehung gebracht werden, beides ist sehr herausragend.

Blatterhorn?

(lacht) Blatterhorn ist gut. Blatter ist ja einfach nur ein Typ, der geldgierig und machtgeil ist. Aber er ist auch ein sehr typischer Schweizer, weil er eine unglaubliche Karriere vom aktenfressenden Kleinfunktionär zum mächtigsten Fußballmenschen der Welt hingelegt hat. Und dabei immer sagt: Ich bin’s ja gar nicht, es ist die große Weltfamilie FIFA. Was er kann, ist, einen Mythos aufzubauen. Und damit kommen wir dann zum Matterhorn.

Warum?

Ich glaube nicht, dass es viele Naturdenkmäler gibt, die besser vermarktet werden als das Matterhorn. Obwohl das Matterhorn überwiegend in Italien liegt, ist es der Schweizer Berg schlechthin.

Ach was?

Ja, das wissen die meisten nicht. Ich bin auch erst darauf gekommen, als ich fürs Schweizer Fernsehen ein Matterhorn-Gespräch führte. Ich hab dann mal bei Google Earth geguckt. Das meiste vom Matterhorn liegt auf italienischem Staatsgebiet, aber diesen typischen Matterhorn-Blick gibt’s nur in der Schweiz.

Kommen wir noch mal zurück zu Blatter. In Deutschland hat man sich in den letzten Monaten ja sein Urteil über Blatter gemacht.

Welches?

Vernichtend.

Dann muss ich ihn wohl ein bisschen verteidigen. In Deutschland mag man den Blatter ja schon sehr lange nicht. Das impliziert ja, dass in Deutschland niemand korrupt wäre. Aber möglicherweise kommen ja noch ein paar sehr spannende Geschichten vom Sepp – wer wo wie alles mitgeredet hat. Da sind die Deutschen ja seltsam still.

Verteidigt das den Blatter?

Ich stelle einfach fest: Man hat sich schon sehr lange über den Blatter geärgert, aber man hat ihn auch respektiert. Und jetzt plötzlich nicht mehr – das ist doch auch nicht konsequent, oder? Fußball ist doch so ein wunderbares Geschäft, und da ist der Blatter gerade hochgradig verwundert, weil bis jetzt doch immer alle mitgemacht haben. Es gab wieder eine tolle WM, die Tantiemen sind geflossen, alle waren glücklich, Fußball ist ein guter Sport – was ist denn jetzt plötzlich los? Was hat sich denn geändert? Es waren doch immer alle zufrieden, dann kann man doch auch alles so lassen. Denkt der Blatter.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Geschichten aus der neutralen Zone“. Wie neutral ist die Schweiz denn?

Natürlich ist die neutrale Zone nicht neutral. Sie kann auch nicht neutral sein, weil die Schweiz dieselben Werte vertritt wie Deutschland, nämlich die viel zitierten christlichen und demokratischen. Ich habe bis heute nicht so richtig herausgefunden, was „neutral“ eigentlich ist. In einer Welt wie dieser kann man eigentlich nicht neutral sein. Aber es ist natürlich eine gute Methode, sich rauszuhalten. Das ist sehr schweizerisch – im guten wie im schlechten Sinne. Da kann man schnell mal sagen: Menschlich finden wir das nicht gut – aber okay, wir sind ja neutral.

„Als Max noch Dietr war“ bezeichnen Sie als „fiktive Biografie“. Also alles frei erfunden?

Man kann gar nicht alles frei erfinden, weil sobald man etwas schreibt, es etwas mit dem zu tun hat, was man erlebt hat. Nicht mal Science-Fiction ist frei erfunden. Als ich – übrigens mit großer Freude - dieses Buch geschrieben habe, sind in mir unheimlich viele Dinge hochgekommen, die ich längst vergessen glaubte, wo ich nicht mal wusste, dass es da etwas zu erinnern gäbe. Natürlich ist das alles mit hineingeflossen. Die Figur Geeri ist bestimmt relativ nah an meinem Vater, aber eben auch überzeichnet. Man kann also nicht sagen: Aha, das ist also der Vater von Max Moor. Ich habe Dinge aus dem Leben genommen, sie ein bisschen zugespitzt und auch geschrieben, wenn ich gedacht habe, das wäre doch ganz geil, wenn es so passiert wäre. Diese Freiheit habe ich mir genommen, deshalb kann man schlecht behaupten, das Buch sei autobiografisch.

Bei allem Spott und aller Ironie schimmert in Ihrem Buch immer wieder auch eine etwas sperrige Liebeserklärung an die Schweiz durch, die die Worte „Ich liebe Dich“ meidet wie der Teufel das Weihwasser.

Das ist interessant – andere Journalisten haben mir schon gesagt, nach diesem Buch könne ich mich in der Schweiz nicht mehr so leicht blicken lassen. Es ist tatsächlich eine Liebeserklärung. Alles, was da in mir hochgekommen ist, sind schöne Erinnerungen. Ich habe tatsächlich eine Tante, die so einen Bauernhof hatte, und ich habe es geliebt, dort zu sein, weil ich die Menschen so toll fand und heute noch toll finde. Das Appenzell ist ein kulturgeschichtlich hochinteressanter Kanton mit uraltem Kräuter- und Hexenwissen. Man muss nicht nach Nepal, Appenzell reicht. Da hat man Mystik pur.

Es gab Zeiten, da mochten die Deutschen die Schweizer mehr als heute.

Und dann kam der Ackermann, dann der Blatter, und die Schweizer Banken sind ja auch noch schuld an einem anderen großen Deutschen, der gestolpert ist: Uli Hoeneß.

Solange die Deutschen die Schweizer noch mehr mochten, haben Sie sich gern mal kritisch geäußert – jetzt, wo sich das Blatt gewendet hat...

...verteidige ich sie (lacht).

Bürsten Sie gerne mal gegen den Strich?

Ich habe eigentlich immer denselben Standpunkt. Aber wenn man in der Mitte steht und alle anderen links von dir, dann sagen die: Der ist aber rechts. Und wenn sie dann irgendwann rechts von dir stehen, dann bist du der Linke. Ich rede nicht anders über die Schweizer als früher, aber der Blickwinkel der Deutschen hat sich verändert. Ich bemühe mich, die Schweiz so zu sehen, wie sie ist – in aller Liebe und in aller...sagen wir: Verblüffung.

Gibt es eine Eigenschaft, die typisch ist für die Schweizer?

Sie haben ein relativ großes Anarchie-Potenzial. Das sieht man an der Sprache: Es ist bis heute nicht gelungen, das Schweizerische zu reglementieren. Das zeigt sich aber auch an Ackermann und Blatter: Diese absolute Gnadenlosigkeit, ein Ding durchzuziehen, das ganz offensichtlich unmoralisch ist – das ist doch pure Anarchie. Oder wenn Sie nach Zürich gucken: Konzerne, Finanzwelt, Schwarzgeld, Drogenhandel – pure Anarchie.

Was würden Sie den Schweizern gern beibringen?

Hingucken. Die Schweiz ist reich an fantastischen Geschichten – gerade auch, was diese noch immer nicht diskutierte Phase zwischen 1933 und 1947 angeht. Damals ist eine Menge Scheiße gelaufen, aber wenn es die Aufgabe einer Regierung ist, das Volk halbwegs unbeschadet durch Krisenzeiten wie den Zweiten Weltkrieg zu bringen, dann hat sie einen guten Job gemacht – auf Kosten von ganz vielen anderen Menschen. Die Schweizer beziehen ihr Selbstbewusstsein aus Mythen – Wilhelm Tell, Rütli-Schwur – aber es gibt auch spannende Zeitgenossen, sehr kreative Leute, die man gar nicht mystifizieren muss.

Sie selbst haben sich vor zwei Jahren von Ihrem Vornamen getrennt und nennen sich seitdem Max statt Dieter. Was war so schrecklich an Dieter?

Ich kann es nicht sagen. Das war so wie andere Leute sagen: Ich hasse Ingwer. Meine Frau kotzt, wenn sie Ingwer auch nur riecht – und ich mochte Dieter eben nie.

Wann ist Ihnen das zum ersten Mal übel aufgestoßen?

In der Schule. Da hatten die anderen so tolle Namen wie Bruno oder Florian oder Markus – und ich war der Dieti. Dieser Name war bei uns in der Provinz so unbekannt, dass ich ihn manchmal sogar buchstabieren und an die Tafel schreiben musste. Die Französischlehrerin nannte mich Didier – man kann einen Jungen doch nicht Didier nennen, das geht einfach nicht (lacht). Ich hab auch nie verstanden, wie es der einen oder anderen Frau möglich war, „Ich liebe Dich, Dieter“ zu sagen. „Max, Du bist so toll“ ist doch viel einfacher.

Warum haben Sie denn 55 Jahre gewartet, bevor Sie von Dieter auf Max umgestellt haben?

Noch so eine entscheidende Frage, die ich nicht beantworten kann. Es war ganz seltsam, und ich erinnere mich noch gut an den Moment, in dem ich am Computer saß und eigentlich mit Buchhaltung befasst war. Deshalb musste ich immer schreiben „Ihr Dieter Moor“, „Ihr Dieter Moor“, „Dieter Moor“ – ich hasste es. Und dann habe ich eine Rundmail geschrieben: Könnt Ihr bitte ab sofort Max zu mir sagen? Ich habe beschlossen, diesen Fehler meiner Altvorderen jetzt zu korrigieren. Das war eine Aktion von zehn Minuten, ohne jede innere Vorbereitung.

Was hat Ihre Frau denn dazu gesagt? Die gehört ja zu denjenigen, die schon mal „Ich liebe Dich, Dieter“ über die Lippen gebracht haben? Sagt sie Max?

Dieter sagt sie nicht mehr, aber Max so ziemlich als Einzige auch noch nicht. Es fällt Ihr echt schwer. Diese Überwindung zum „Ich liebe Dich, Dieter“ war dann ja umsonst, das tut weh. Aber Sie kann sich ja in Worte wie Schatz oder Liebling flüchten.

Ist der Max denn auch amtlich, also im Ausweis?

Was ich vorher gar nicht wusste: Man wird seinen Vornamen nicht mehr los. Aber man kann sich einen Künstlernamen eintragen lassen – bei mir stehen jetzt also der Max und der Dieter drin.

Warum denn Max und nicht Maximilian? Der war 2013 unter den Top Ten der beliebtesten Vornamen.

Ich weiß, und es ist für mich auch das einzige Wermutströpfchen, dass ich jetzt so einen Modenamen trage.

Ganz vorne standen damals Ben und Luca. Luca Moor wäre doch auch nicht schlecht gewesen.

Auf keinen Fall. Luca muss ein Lockenköpfchen sein, Pantomimekurse besuchen, Gitarre spielen und italienische Volkslieder singen.

Vielleicht haben Sie sich ja auch für Max entschieden, weil man bei Lektüre Ihres Buches den Eindruck gewinnt, „maximal“ sei Ihr Lieblingswort. Es taucht gefühlte 300-mal auf, also mehr als einmal pro Seite.

Stimmt, ich habe es sehr bewusst und mit großer Freude so häufig verwendet. Es war in der Schweiz tatsächlich ein sehr beliebtes Wort, für meinen Vater war alles Mögliche maximal. Mittlerweile ist es völlig aus der Mode, aber in den Sechzigerjahren war alles, was gut war, maximal. Und für mich war’s natürlich ein kindlicher Spaß, wenn ich schon Max heiße, dann auch maximal oft maximal zu schreiben.

Ihr Buch...

...schön, dass Sie nicht Büchlein sagen.

Naja, es hat ja fast 300 Seiten. Viereinhalb davon mit schweizerdeutschen Vokabeln, die ich erst nach dem Lesen entdeckt und vorher gar nicht vermisst habe. Mindert der Schweizer Zungenschlag vielleicht die Aussichten auf maximalen Erfolg in Deutschland?

Keine Ahnung. Es wäre nachvollziehbar, wenn der eine oder andere ein bisschen fremdelt. Ich habe mit der Verlegerin darüber gesprochen, ob sie es vielleicht maximal riskant findet, aber die meinte nur: Mach einfach mal. Die Lektoren und Korrektoren haben es beim Lesen immer wieder entschweizert, aber denen habe ich dann gesagt, dass es so sein muss. Wahrscheinlich hielten die mich für völlig durchgeknallt. Das Schreiben hat mir jedenfalls unglaubliche Freude gemacht.

Glauben Sie, dass es so ein Erfolg wird wie das erste Buch?

Das erste war so maximal erfolgreich, da wagt man nicht auf eine Wiederholung zu hoffen. Aber ich lasse mich natürlich gern überraschen...

Max Moor

wird am 1. Mai 1958 in Zürich als Sohn eines Versicherungsvertreters und einer Hausfrau geboren und auf den Namen Dieter getauft. Nach der mittleren Reife absolviert er eine Schauspielausbildung in seiner Geburtsstadt, hat Theaterengagements in Tübingen, Zürich und Wien und macht auch beim Film Karriere: So ist er in Erwin Keuschs „Der Hunger, der Koch und das Paradies“ (1981) sowie an der Seite von Superstars wie Lino Ventura und Michel Piccoli in „Der Maulwurf“ (1982) zu sehen.

Als Moderator präsentiert er für das ORF in Österreich von 1985 bis 1990 das Kulturmagazin „Kunststücke“ und wird zusätzlich als „Talk-Radio“-Moderator bekannt. In Deutschland macht er sich bei Vox durch das Medienmagazin „Canale Grande“ und seine berühmte Anrede „Liebe Zielgruppe“ einen Namen. Weitere Engagements hat Moor bei Premiere, RTL 2 und dem SWR, für den er die satirische Retro-Sendung „Ex! Was die Nation erregte“ moderiert. Auch im Schweizer Fernsehen ist er als Talkmoderator zu sehen. Gelegentliche Gastspiele in TV-Serien wie „Bloch“ und „Wolffs Revier“ sowie in Komödien wie „Millionenschwer verliebt“ und „Alles außer Sex“ sind eher Beiprogramm. 2007 dann der Wechsel zur ARD: Als Caren Miosga die „Tagesthemen“ übernimmt, tritt Moor ihre Nachfolge als Moderator des sonntäglichen Kulturmagazins „ttt“ (Titel, Thesen, Temperamente) an und wird auf diesem Sendeplatz schnell zum Publikumsliebling. Auch als Buchautor macht er sich einen Namen. 2009 erscheint das erfolgreiche „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht“, kürzlich erschien „Als Max noch Dietr war“, eine fiktive Biografie mit herrlich skurrilen Geschichten aus der Schweiz der Sechzigerjahre.

Moor ist in zweiter Ehe mit der ehemaligen Fernsehproduzentin Sonja Moor verheiratet, die sich seit über zehn Jahren ausschließlich dem gemeinsamen Biobauernhof in Hirschfelde widmet. Dafür ist das Ehepaar aus der Schweiz nach Brandenburg übergesiedelt. Aus erster Ehe hat Moor eine Tochter. 2013 nimmt er den Vornamen Max an, um den verhassten Dieter loszuwerden.


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