Abbruchreife Industrie „Rottenplaces“ widmet sich verfallenen Gebäuden


Osnabrück. Gibt es etwas Faszinierenderes als ein modriges Waldkrankenhaus oder ein verfallenes Spaßbad? Der Journalist André Winternitz würdigt Deutschlands Ruinen mit einem Webportal inklusive digitalem Magazin. Das Ergebnis ist trotz der toten Motive ausgesprochen lebendig.

Dass der Aufbau Ost zu einem nennenswerten Teil aus Millionensubventionen für Spaßbäder bestanden hat, kann man schreiben, kritisieren, ironisieren. Doch nie wird die Sprache die Kraft dieses Motivs erreichen: eine vollkommen verdorrte Palme inmitten von Schwimmbadkacheln. Ergänzt wird das Stillleben von herumliegenden Rohren und Kabeln, einige Sprayer habe sich auch schon auf der Keramik verewigt.

Ruinenverehrung

Das Foto stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins „Rottenplaces“. Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich in digitaler Form und ist eine Art Best Of des Webportals www.rottenplaces.de . Wer möchte, kann sich das Heft auch zum Preis von knapp 17 Euro drucken und nach Hause schicken lassen. Hinter der Ruinenverehrung steht André Winternitz aus der ostwestfälischen Stadt Schloß Holte-Stuckenbrock . Winternitz ist freier Journalist, er arbeitet für verschiedene lokale Blätter und sein eigenes Online-Magazin „Sennefenster“, das momentan überarbeitet wird. „Damit verdiene ich mein Geld“, sagt Winternitz. „Für ,Rottenplaces‘ bekomme ich gar nichts.“

Professionelle Webseite und Magazin

So professionell, wie Webseite und Magazin gestaltet sind, mag man das kaum glauben. Doch Winternitz beteuert, dass er bei „Rottenplaces“ einfach nur seiner Leidenschaft nachgeht und damit kein Geld verdienen will. Vier bis fünf Stunden widmet er sich jeden Tag den Ruinen. „Und ich könnte es auch problemlos den ganzen Tag über machen.“

Befallen von einer Art Virus

Die Leidenschaft für den Leerstand begann vor knapp sieben Jahren, als Winternitz für einen Artikel über verwachsene und verwilderte Orte recherchierte. Plötzlich habe ihn eine Art Virus befallen, „Ruinen-Romantik“ nennt er das. „Wir sind fasziniert, welche Schönheit und auch künstlerische Aspekte Verfall im Einklang zwischen maroden Objekten und der Natur zu bieten hat“, schreibt er auf seiner Website. Mit „wir“ meint André Winternitz sich und seine Lebensgefährtin Natalie Lorenzo Mato, die ihn bei der Arbeit für „Rottenplaces“ unterstützt.

Zerbster Schloss ist kaum noch als solches erkennbar

Was das Paar auf der Website und im Heft dokumentiert, ist tatsächlich nichts anderes als der pure Verfall. In der aktuellen Ausgabe finden sich unter anderem: Das Zerbster Schloss, das kaum noch als solches erkennbar ist, ein völlig heruntergekommenes Gebäude der NVA oder ein ehemaliges Waldkrankenhaus, das mittlerweile offenbar von Obdachlosen als Schlafstätte genutzt wird. Großformatige Fotos werden durch kurze Informationstexte ergänzt, zu manchen Objekten gibt es auch längere Geschichten – in diesem Heft etwa ein Interview mit dem Vorstandsmitglied des Fördervereins der „Stabkirche Stiege“ im Ostharz. Weil der wunderschöne Holzbau aus dem Jahr 1905 ein regelmäßiges Opfer von Vandalismus ist, steht zur Diskussion, die gesamte Kirche einige Kilometer zu versetzen.

Magazin für Freunde der Verfalls-Ästhetik

„Rottenplaces“ ist nicht nur ein Magazin für Freunde der Verfalls-Ästhetik, es ist auch und erklärtermaßen politisch. „Man muss gegen diesen Abbruch-Wahn vorgehen“, sagt André Winternitz. Die meisten Gebäude, die er fotografiere, würden von den Bürgern und hinter vorgehaltener Hand auch von den Politikern als Schandfleck bezeichnet. „Dabei ist das lebendige Geschichte. Gerade im Ruhrgebiet gibt es so viele Fördertürme , die wunderschöne Landmarken darstellen.“ Reiße man diese Landmarken ab, nehme man den Nachgeborenen die Möglichkeit, die industrielle Herkunft ihrer Region zu begreifen. Aus Winternitz‘ Sicht zeugen viele Ruinen von Wohlstand und Erfindergeist. „Ideal wäre es, in solchen Gebäuden Lofts zu errichten. Dann erhält man die alte Bausubstanz und kann das Gebäude sinnvoll nutzen.“

Leerstehende Gebäude werden oft in Brand gesetzt

Leider würden das nur wenige Investoren genauso sehen. Und oft reagiere man mit einem Abriss auch auf die zunehmenden Brandstiftungen. „Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in Deutschland ein leerstehendes Gebäude in Brand gesetzt wird.“

Klar distanzieren will sich Winternitz vom Trend „Urban Exploration“, also dem privaten Erkunden von meist stillgelegten Gebäuden, oft Industrie-Ruinen. Die Rücksichtslosigkeit vieler „Explorer“ ist Winternitz fremd. Er versteht sich als Chronist des Verfalls, der nie aus dem Auge verliert, dass jede Ruine einmal für viele Menschen von großer Bedeutung war.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN