Graffiti-Künstler aus Osnabrück René Turrek: Ich war ein Millimeter vorm Knast

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Er pendelt ständig zwischen seinen Ateliers in Miami und Osnabrück, hat Aufträge auf allen Kontinenten, kennt jede Menge Super-Promis, ist aber ansonsten auf dem Teppich geblieben: Graffiti-Künstler René Turrek startet im wahrsten Sinn gerade so richtig durch – seitdem er vor Kurzem angefangen hat, Luxus-Sportwagen zu stylen. Im Interview mit unserer Redaktion erzählt der 37-Jährige aber auch von seiner Zeit, als er noch illegal sprühte.

René, was geht gerade so ab?

Seit vier Wochen hat sich bei mir alles geändert, als ich eine Auftragsarbeit für einen BMW X6 ins Internet gestellt habe. Den Wagen habe ich mit einer wärmeempfindlichen blauen Farbe überlackiert. Aber bei Temperaturveränderung, zum Beispiel wenn warmes Wasser darübergegossen wird oder die Sonne draufknallt, sieht man das Bild darunter: ein giftgrünes Hulk-Gesicht und an den Seiten das Hulk-Logo. Nach einigen Sekunden verschwinden die Bilder wieder, sobald es trocken wird. Innerhalb von drei Tagen wurde das Video einige Millionen Mal geklickt. Ich werde gerade überschüttet mit Hunderten Mails und Anfragen von Leuten aus der ganzen Welt, die ihre Karren gestylt haben möchten. Sogar aus Usbekistan und Mexiko.

Wie genau funktioniert das?

(lacht) Das bleibt ein Geheimnis. Ich kann auf jeden Fall alle Farben dafür benutzen und die Temperatur bestimmen, ab wie viel Grad sich die Beschichtung verändert – von 16 Grad aufwärts bis zu einer Temperatur von 68 Grad. Das hat vor mir noch keiner gemacht. Gerade habe ich in meinem Atelier in Osnabrück einen Lamborghini im „Captain-America“-Outfit fertig gemacht.

Wie bist du auf die Idee mit der Farbänderung gekommen?

Es gab mal Matchbox-Autos, die das auch konnten. Im Wasser veränderten sie ihre Farbe. Ich habe mir gedacht, warum soll das nicht bei einem richtigen Auto funktionieren? Oder bei anderen Objekten: Ich habe hier einen Schuh von Basketballspieler Dwyane Wade von den Miami Heat. Da kommt blauer Lack drüber. Und wenn er läuft, wird der Schuh durch die Hitze seiner Füße das Outfit verändern. Im Dezember werde ich einen Bugatti von US-Rapper Flo Rida bearbeiten.

Erreichen dich nicht schon Übernahme-Angebote?

Doch. Mazda hat sich schon gemeldet und will mir das Know-how abkaufen. Mache ich aber nicht. Ich will nicht, dass die Technik nachher standardmäßig auf Tausenden Autos zu sehen ist. Das soll für mich im Kunstbereich bleiben. Wenn ich drei, vier Autos im Jahr bearbeite und die Kunden Schlange stehen, habe ich im Endeffekt mehr davon.

Wie groß ist die Verantwortung, Autos so zu stylen?

Ich trage immer ein Restrisiko, dass die Farbe irgendwo reinläuft. Den Wagen klebe ich fünfmal ab. Wenn auch nur ein Tropfen in den Motor kommt, ist das ganze Projekt in wenigen Sekunden gescheitert. Ich lasse daher alles abmontieren, was geht: Lampen, Blinker. Wenn ich es versaue, habe ich ein Riesenproblem. Dagegen kannst du dich nicht versichern. Und wenn, zahlst du ein Heidengeld dafür und brauchst die Versicherung am Ende womöglich gar nicht, weil sie irgendwelche Ausstiegsklauseln drin hat.

Welche Objekte kommen für deine Ambitionen infrage?

Alles ist möglich. Eine Wand oder T-Shirts genauso wie Autos, Motorräder oder aktuell ein NBA-Pokal für einen der Miami-Heat-Spieler. Manchmal weiß ich nicht genau, wie eine Farbe auf bestimmten Stoffen oder Oberflächen reagiert. Sie kann platzen, und dann kannst du es noch mal machen. Blöd wird es erst recht, wenn beim finalen Klarlack etwas in die Hose geht. Dann fängst du ganz von vorne an. Ich begebe mich also auf dünnes Eis, aber darin besteht der Reiz.

Gibt es ein Traumobjekt?

Ein Traum von mir war immer das Empire State Building. Dort im 45. Stock habe ich letztes Jahr zwei Bilder verwirklicht. Das war für mich eine Herausforderung, weil ich Höhenangst habe und sofort gemerkt habe, dass sich das Gebäude bewegt. Ich sollte mal einen Flugzeug-Job übernehmen, bis mir klar wurde, wie heikel das ist: Mit jedem Tropfen Farbe ändert sich die Aerodynamik. Da habe ich abgewinkt. Jetzt habe ich eine Anfrage für eine Jacht, aber dafür muss erst einmal eine Location gefunden werden.

Geht wohl nur in einer Werft?

Aber das will ich gerade nicht. Ich möchte, dass die Leute reinkommen und zugucken. Ich möchte zeigen, dass Graffiti nicht nur die „Schmiererei“ ist, die sie von den Häuserwänden kennen. Du kannst viel mehr damit bewegen. Bis vor einem halben Jahr hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich einen Lamborghini oder einen Bugatti style. Plötzlich kommen diese Kunden und geben dir freie Hand.

Wie kontaktieren sie dich?

Über Internet und Facebook. Da hat sich viel getan. Ich habe jetzt über 10000 Follower.

Gibt es ein Netzwerk von Graffiti-Künstlern, um sich auszutauschen und zu unterstützen, oder herrscht Rivalität?

Eher Rivalität. Die Szene selber gönnt einem nicht den Schmutz unter den Fingern. Viele werfen mir vor, ich würde meine Seele verkaufen, weil ich ins Kommerzielle gehe. Die ganze Szene kommt ja aus dem Hip-Hop. Diese Protagonisten haben früher immer getönt, sie kommen von der Straße, bleiben „real“, und Geld sei ihnen egal. Jetzt verdienen sie plötzlich Geld und schlagen das doch auch nicht aus, nur weil sie sich selbst treu bleiben wollen. Ein Fußballspieler wird auch lieber Kohle verdienen und den Zirkus mitmachen, als Amateur zu bleiben und nebenbei einen Bürojob zu machen. Wenn die Jungs aus der Sprayerszene auch nur einen so lukrativen Auftrag im Monat erhalten könnten, würden sie ihn garantiert annehmen. Das ist eine große Neidgesellschaft. Ist mir aber auch egal, ich mache mein Ding. Ab und zu gehe noch mit einigen aus der Szene malen, aber ich will gar nicht wissen, was die so nachts machen.

Warst du früher auch bei illegalen Aktionen dabei?

Aber hallo. Wenn man mir damals all das, was ich gemacht habe, hätte nachweisen können, hätte ich zehnmal so viel Ärger gekriegt. Ich habe zwei Jahre auf Bewährung kassiert – ich glaube, es waren am Ende 80 Anzeigen, alle nachweisbar. Ich bin damals vor dem Gerichtstermin zu vielen Geschädigten gegangen und habe die Wände gestrichen. Das waren meist gewerbliche und öffentliche Flächen, auch Züge. Während der Bewährung habe ich dann wieder Blödsinn gemacht, aber ich hatte ein gutes Netzwerk, gute Freunde und bin mit einem blauen Auge davongekommen. Seitdem habe ich nichts Illegales mehr unternommen. Ich stand einen Millimeter vor dem Knast.

Fehlt dir nicht heute der Adrenalin-Kick?

Jetzt suche ich den Kick woanders. Zum Beispiel plane ich, ein Auto während der Fahrt zu besprühen, während ich auf einem fahrenden Pick-up danebenstehe. In Italien habe ich vor Kurzem eine Cellophanfolie nachts über eine Kirchentür gespannt. Dann habe ich die Mauer der Kirche eins zu eins auf die Folie gesprüht. Am nächsten Morgen wollten die Leute in die Messe, und die Tür ist weg. Davon haben wir ein Video gemacht. Es dauerte über eine Minute, bis die merkten, was Sache ist. So etwas ist nicht verboten, denn es geht nichts kaputt. Guerilla-Marketing eben.

Du engagierst dich in Präventionsprojekten der Polizei. Ist das nicht total uncool?

Zusammenarbeit mit der Polizei geht in der Szene überhaupt nicht. Aber ich weiß, was ich damals durchgemacht habe. Von der Polizei nachts gejagt zu werden ist kein Spaß. Ich möchte den Kids in der Schule klarmachen, dass Sprayen kein Kavaliersdelikt ist und die Polizei kein Pardon kennt. Ich sage denen: Die finden euch, und wenn sie euch nicht drankriegen, dann eure Eltern. Den letzten Workshop habe ich mit einer Organisation gemacht, die illegalen Einwanderern im Alter von 11 bis 18 Jahren hilft. Ein Mädchen erzählte, wie sie eine Bushaltestelle gesprüht habe. Ich habe sie mir gepackt und ihr gesagt, dass sie am nächsten Tag dort hingehen, sich entschuldigen und das wieder wegmachen soll. Ich wollte, dass sie sofort aufhört. Sie bestätigt nämlich in dem Augenblick das Bild, das viele Menschen von den Einwanderern haben. Eine Person macht es 100 anderen schwierig, hier reinzukommen. Geht gar nicht.

Wie ist die Resonanz bei den Kids?

Schwer zu sagen. In dem Augenblick, wo ich ihnen drohe und sie ein wenig verängstige, habe ich den Eindruck, sie haben es begriffen. Aber letztlich bin ich für die auch nur ein Lehrer. Da gehen sie raus und machen doch, was sie wollen. Ich will aber jetzt nicht alle illegalen Graffiti verdammen. Die haben in ihrer Nische auch eine echte Daseinsberechtigung.

Vor allem in Staaten, wo die Menschen unterdrückt werden, und Graffiti ein Ausdruck des Widerstands sind…

Absolut. Das sind ganz oft politische Statements. Vor Kurzem habe ich mich mit einer Israelin unterhalten, die in ihrer Gemeinde zusammen mit anderen Aktivisten gegen einen Bürgermeister vorgegangen ist, der ein Mädchen vergewaltigt hatte. Alle wussten es, doch man konnte es nicht öffentlich behaupten. Mit einem symbolhaften Bild haben die Aktivisten dann die Wahrheit überall hingesprüht.

Hast du mal geschätzt, wie viele Dosen du bisher in deiner Karriere verbraucht hast?

Rund 2500 im Jahr. Das müssen also 40000 bis 50000 Dosen sein.

Was kostet eine Dose?

Um die vier Euro. Ich hätte mir also schon längst ein Haus mit Pool davon kaufen können. Man muss natürlich dazusagen, dass ich die Dosen in den ersten drei Jahren geklaut habe. (lacht)

Bist du in Läden eingestiegen?

Ja klar. Das war ein minutiös geplantes Verbrechen. Wir haben uns vorher Alibis überlegt und Leute eingeweiht, die das im Fall des Falles der Polizei bestätigt hätten. Wir haben dabei sogar fiktive Personen erschaffen und uns Versionen überlegt, die wie ein Puzzlespiel zusammengepasst hätten. Wir schrieben ein echtes Drehbuch, mit dem wir uns sicher fühlten. Wir haben vorher die Lage erkundet, teilweise fünf, sechs Tage vor einer Wand gesessen, um zu wissen, was da so abends und nachts abgeht, wie viele Leute vorbeigehen, wie oft die Polizei patrouilliert.

Wie bist du mit Sprayen in Kontakt gekommen?

Ich bin in Bad Iburg aufgewachsen. Damals gab es 50 Jugendliche im gleichen Alter und auf gleicher Wellenlänge, von denen waren zehn extrem cool. Von denen wiederum zogen drei nachts um die Häuser. Diese drei waren meine besten Freunde.

Stand dann nicht irgendwann der Konflikt im Elternhaus an?

Volles Programm. Ist ja total crazy, wenn du eine Hausdurchsuchung hast und dein Vater und dein älterer Bruder beim Amtsgericht arbeiten. Letztlich haben sie mir aber geholfen. Ohne den Background und die Unterstützung meiner Familie wäre ich da nicht rausgekommen.

Ab wann hast du gemerkt, dass Sprayen dein Beruf werden könnte?

Ich habe mit 20 während meines Zivildienstes eine Ausstellung gemacht. Die Bilder hingen noch nicht mal, da habe ich direkt am ersten Tag drei verkauft. Obwohl ich die Preise gigantisch hoch angesetzt hatte, zwischen 1000 und 2000 Mark. Da habe ich erkannt, welches Potenzial in dieser Kunst liegt. Und dass man damit über die Runden kommen kann. In den USA habe ich erst relativ spät, vor fünf Jahren, angefangen, Geld zu verdienen. Das Türklinkenputzen ist Gott sei Dank vorbei.

Warum hast du kein Pseudonym? Ist doch in der Szene üblich…

In dem Augenblick, in dem du einen fiktiven Namen verwendest, verstellst du dich. Du erschaffst eine zweite Person, die es gar nicht gibt. Das will ich nicht. Wenn Leute ins Atelier kommen, sprechen die mich sowieso mit meinem Namen an.

Sprayen ist nicht gesund, oder?

(lacht) Ohne Maske geht gar nichts. Aber wenn du unter der Maske nicht gut atmest, schwitzt du ohne Ende. Und ich habe Bronchial-Asthma. Ich muss viel Sport machen, damit meine Lunge fit bleibt. Ich rauche nicht, betrinke mich nicht. Wir kochen zu Hause jeden Tag frisch. Die Lunge wird regelmäßig gecheckt, sonst würde mir die Krankenkasse aufs Dach steigen. Handschuhe sind auch ganz wichtig. Viele machen das nicht und müssen anschließend ihre Hände mit Nitro reinigen. Die wundern sich dann später, dass ihre Hände schmerzen und nicht mehr funktionieren.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN