Die Schweiz – eine Räuberhöhle? Packende ARD-Dokumentation über Whistleblower Lutz Otte

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

In der Dokumentation von John Kantara gibt der Whistleblower Lutz Otte (Foto) erstmals im Fernsehen offen Auskunft über seine Geschichte – und über die dunklen Geschäfte einer verschwiegenen Branche. Foto: WDRIn der Dokumentation von John Kantara gibt der Whistleblower Lutz Otte (Foto) erstmals im Fernsehen offen Auskunft über seine Geschichte – und über die dunklen Geschäfte einer verschwiegenen Branche. Foto: WDR

Osnabrück. Uli Hoeneß und Alice Schwarzer hat er nicht verraten – aber mehrere Tausend andere deutsche Steuersünder. An diesem Montagabend zeigt die ARD eine packende Dokumentation über den Whistleblower Lutz Otte und das Finanzgebaren der Schweiz, die dabei ziemlich schlecht wegkommt.

Es war keine Steuer-CD , sondern eine Speicherkarte, mit Tesafilm unter der Schublade eines Kleiderschranks festgeklebt. „Die haben wie die Irren nach CDs gesucht. Die haben alle CDs mitgenommen. Aber es war ja eine SIM-Karte“, sagt Lutz Otte. Sprache schafft Bewusstsein, und das Gerede der Medien von „Steuer-CDs“ hat offensichtlich auch die Schweizer Fahnder in die Irre geführt. So etwas nennt man dann wohl schlechtes Priming.

Lutz Otte, Ende 50, ist IT-Spezialist und hat jahrelang für Schweizer Banken gearbeitet. Seinen letzten Arbeitgeber, die Privatbank Julius Bär, hat er 2012 ordentlich hintergangen. Otte lieferte mehrere Tausend Namen deutscher Steuersünder an die Oberfinanzdirektion in Münster. Otte ist damit ein „Whistleblower“, ein Mann also, der zum Wohl der Allgemeinheit Insiderwissen weitergegeben hat.

Die ARD hat seinen Fall zum Aufhänger für eine Dokumentation gemacht, Titel: „Der große Steuerbetrug – Die Erlebnisse des Whistleblowers Lutz Otte“ . Der 45-minütige Film zeigt hervorragend, wie die Schweiz ausländisches Geld anonym bunkert und damit wäscht – denn dass es sich bei den angeblich 600 Milliarden Euro ausländischer Kontoinhaber im Wesentlichen um Weißgeld handelt, würden wohl nicht mal die Schweizer selbst behaupten. Und dass es wirklich, wie die Schweiz behauptet, „nur“ 600 Milliarden Euro sind, darf auch bezweifelt werden.

Das zentrale Zitat des Films wird schließlich formuliert vom Vertreter eines Landes, das auch die FIFA als gemeinnützigen Verein anerkennt: „Es geht ja nicht um Transparenz.“ Das sagt Mario Tuor, ein Mitarbeiter des Schweizer Finanzministeriums, über das Prinzip des Schweizer Bankgeheimnisses. Natürlich, man wolle Leuten, die sich nicht korrekt verhielten, das Handwerk legen. Aber dafür dürfe man doch nicht alle verfügbaren Daten herausgeben. „Am Ende sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht.“

Argumente wie Blatter

Ganz ähnlich argumentiert auch Sepp Blatter, Generalsekretär der oben erwähnten FIFA. Es wäre vielleicht mal eine Dokumentation fällig, die sich ausschließlich auf das Schweizer Verständnis von Öffentlichkeit konzentriert.

Ein guter Gesprächspartner wäre dafür sicherlich Jean Ziegler. In der ARD-Dokumentation sagt er: „Die Schweiz ist eine Räuberhöhle.“ Der Soziologe und Globalisierungskritiker beschimpft die eigene Nation dafür, auf ihren Konten Milliarden von Schwarzgeld zu bunkern. Und dabei handele es sich ja nicht nur um nicht versteuertes Kapital aus dem europäischen Ausland. „Es ist auch Mafia-Geld, und es ist das Blutgeld aus der Dritten Welt.“ Mit diesem Kapital hat der Whistleblower Lutz Otte zwar nichts zu tun, doch dank seines Verrats bescherte er dem deutschen Fiskus mutmaßlich nicht eingeplante Steuernachzahlungen in Milliardenhöhe.

Initiiert wurde das Ganze durch einen inzwischen verrenteten Steuerfahnder, der zusammen mit Lutz Otte Golf spielte und ihn bei einer Partie fragte, ob er nicht ein paar Datensätze liefern könne – gegen Bezahlung natürlich.

Das tat Lutz Otte dann tatsächlich, möglicherweise auch, um eigene Steuerschulden beim deutschen Fiskus zu begleichen. Der „Schweizer Tagesanzeiger“ jedenfalls behauptet genau das. Im Film kommt dieser Aspekt nicht zur Sprache, genauso wenig wie die eingangs zitierte Suche nach den Steuerdaten, von der Lutz Otte der „Zeit“ berichtet hat.

So gut die Dokumentation die Schweizer Steuermoral entblößt, so nachlässig ist der Film mit dem Fall von Lutz Otte. Dass dieser für seinen Verrat eineinhalb Jahre ins Gefängnis musste, erfährt der Zuschauer erst ganz am Ende des Films. Dass Otte über seine Erlebnisse einen autobiografischen Roman geschrieben hat, erfährt er überhaupt nicht.

Trotzdem ist die Dokumentation mehr als sehenswert – nicht zuletzt, weil er sich traut, der Schweiz für ihr Finanzgebaren mal so richtig an den Karren zu fahren.

„Der große Steuerbetrug – Die Erlebnisse des Whistleblowers Lutz Otte“. ARD,
29. Juni, 22.45 Uhr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN