Trimediales Projekt des NDR Wie der Syrer Rami nach Deutschland flieht

Von Christian Lang


Osnabrück. Fünf Monate dauert die Flucht des 31-jährigen Rami von Syrien nach Deutschland. Eine Zeit, in der er nicht nur acht Grenzen passiert, sondern auch seiner Würde beraubt wird. Und das in der ständigen Gefahr, erwischt zu werden. Ein NDR-Reporter trifft ihn mehrfach auf der Route. Die dramatischen Ereignisse während seiner Flucht werden ab Dienstag, 9. Juni, in dem multimedialen Projekt „Wir sehen uns in Deutschland“ im Fernsehen, Radio und Internet dokumentiert.

Rami hat Todesangst: Viele seiner Freunde sind schon im syrischen Bürgerkrieg gestorben. Als das Militär auch den 31-jährigen Anwalt einziehen möchte, entschließt er sich, aus Damaskus zu fliehen. Seine Familie, sein Haus und seinen Job lässt er in Syrien zurück – stattdessen träumt er von einem Leben in Deutschland. Im Dezember vergangenen Jahres beginnt seine Reise, in der er in fünf Monaten mehr als 4000 Kilometer zurücklegen wird. Es ist eine wahre Odyssee; Angst, Hunger und die Entmenschlichung durch windige Schleuser sind seine permanenten Begleiter. Solch eine Flucht sei eine „einzige Komplikation“, sagt Nino Seidel. „Man weiß nie, was auf einen zukommt. Die Flüchtlinge versuchen, von Etappe zu Etappe zu gelangen – und müssen immer hoffen, sich mit kriminellen Schleusern finanziell einigen zu können“, sagt der NDR-Reporter. (Weiterlesen: Flüchtlingshilfe: 40 Millionen mehr für Kommunen)

Rami lernt er zu Beginn der Flucht im türkischen Mersin kennen. Seidel habe schon länger die Idee gehabt, eine Flucht möglichst nah und ausführlich zu begleiten. „Es hat schon viele Fluchtgeschichten gegeben. Aber meist trifft man die Personen erst, wenn sie bereits angekommen sind – oder man begleitet sie nur einen kleinen Teil der Strecke. Ich finde es aber sehr reizvoll, einen Flüchtling mal von A bis Z auf seiner Route zu erleben “,erklärt er das Besondere seines Projekts. Rami selbst zeigte sich der Idee gleich sehr aufgeschlossen, er habe gewollt, dass seine Geschichte erzählt wird. Die Menschen sollen verstehen, welche Strapazen er und andere auf sich nehmen, um endlich in Frieden leben können, sagt Rami. (Weiterlesen: Tröglitz bereitet die Ankunft erster Flüchtlinge vor)

Fünf Mal trifft sich der Reporter mit dem Flüchtling auf der Route, per Whats App informiert ihn der Syrer über seinen jeweiligen Aufenthaltsort. „Ich wusste eigentlich immer, wo er sich aufhält“, so Seidel. Ist der Reporter mal nicht in der Nähe, so dokumentiert Rami die dramatischen Ereignisse während seiner Flucht mit seinem Smartphone: Fotos und Videos des 31-Jährigen geben Aufschluss darüber, wie beschwerlich und dramatisch seine Tour ist: Mal landet er im Gefängnis, dann versucht er, in einem überfüllten Schlauchboot das Mittelmeer zu überqueren, ein anderes Mal wird Rami verprügelt und ausgeraubt. Trotz dieser Strapazen gibt er seine Hoffnung jedoch nie auf. (Weiterlesen: Panorama 3: Eier aus Freilandhaltung oft Mogelpackung)

Die fünf Monate sind nicht nur für den Flüchtling gefährlich, auch der Reporter begibt sich auf ein Terrain voller Unabwägbarkeiten. Auf weitere Begleiter – etwa Kameraleute – verzichtet Seidel aus Sicherheitsgründen. Stattdessen dreht er mit seinem iPhone selbst. „Dennoch gab es Situationen, die gefährlich waren – zum Beispiel, wenn Rami mit Schleusern gesprochen hat. Da musste ich mich ziemlich im Hintergrund halten“, sagt der Journalist. Oberste Priorität sei es gewesen, die erfolgreiche Flucht des Syrers nicht zu gefährden. Deshalb entschließt sich Seidel dazu, nicht jeden Teil der Strecke mit Rami zu laufen. (Weiterlesen: Osnabrück: Kultur soll Flüchtlinge integrieren)

Laut Frank Beckmann, NDR Programmdirektor Fernsehen, werden durch diese Dokumentation „ganz neue Wege in der Berichterstattung“ über Flüchtlinge eingeschlagen. Das liegt vor allem am multimedialen Ansatz, den Seidel mit dem Projekt verfolgt. Die Geschichte von Ramis Flucht wird in einzelnen Episoden geschildert. „Das serielle Erzählen eignet sich in dem Fall besonders gut. Dadurch kann ein großer Spannungsbogen aufgebaut werden“, sagt Seidel. Ab Dienstag, 9. Juni, berichtet „Panorama 3“ im NDR Fernsehen in vier Folgen jeweils dienstags um 21.15 Uhr über die dramatischen Erlebnisse des syrischen Anwalts. Auch im Radio wird die Geschichte von Rami in den kommenden Wochen erzählt, unter anderem bei NDR Info und N-Joy. Darüber hinaus gibt es im Internet einen Liveticker, in dem man die Flucht in Echtzeit über zwei Wochen hinweg nachverfolgen kann. Im Anschluss daran bietet der NDR auf seiner Homepage eine Multimedia-Doku an, in der nochmals alle Videos zum Ansehen bereit stehen. (Weiterlesen: Brüssel will 40000 Flüchtlinge auf EU-Staaten verteilen)