Axel Prahl und Stefan Gubser „Tatort“-Stars: Zeit ist reif für schwulen Kommissar



Osnabrück. Die Homo-Debatte hat jetzt auch die liebste Fernsehsendung der Deutschen erreicht: Im Gespräch mit unserer Redaktion fordern zahlreiche Fernsehschaffende den ersten schwulen „Tatort“-Kommissar.

Auch wenn die kleine Scheinaffäre von Boerne und Thiel im Münster-„Tatort“ am Sonntagabend nur ein humoristisches Geplänkel war – im Jahr 2015 stellt sich auch in diesem Format die Frage: Ist die Zeit reif für einen schwulen Kommissar? Schließlich bemüht sich der „Tatort“ stets um gesellschaftliche Relevanz, und im wahren Leben gibt es sie natürlich: homosexuelle Polizisten.

Seit 20 Jahren haben sie sich zusammengeschlossen – im Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter (VelsPol) . Doch am „Tatort“ ist diese Entwicklung bislang spurlos vorübergegangen. Zumindest in Deutschland beträgt die Quote homosexueller Ermittler am Sonntagabend null Komma null Prozent. Das sollte nicht so bleiben, denken durchaus einige TV-Fahnder aus Deutschlands liebstem Krimiformat.

Wie zum Beispiel Axel Prahl , der im Münster-„Tatort“ nur höchst widerwillig den Ehemann von Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) gab, um an das Erbe von dessen schwulem Onkel (Christian Kohlund) heranzukommen. Im Gespräch mit unserer Redaktion sagte Prahl: „Der Beruf des Kriminalkommissars war ja lange eine Männerdomäne, deswegen ist auch das Format heterosexuell geprägt. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass es die eine oder andere Spielart für homosexuelle Ermittler gibt. Und ich glaube schon, dass auch das Publikum einen schwulen Kommissar oder eine lesbische Kommissarin akzeptieren würde. Das könnte ja auch sehr interessante Situationen ergeben.“

Auch sein Schweizer Kollege Stefan Gubser , der im „Tatort“ aus Luzern als Reto Flückiger zusammen mit der – übrigens lesbischen – Liz Ritschard (Delia Mayer) ermittelt, sieht die Zeit für eine solche Entwicklung auch in Deutschland gekommen: „Ein schwuler Kommissar würde dem ,Tatort‘ sicher eine neue Farbe verleihen, und das kann nie schaden. Außerdem wäre es doch wunderbar, wenn eine so große Community auch im ,Tatort‘ vertreten wäre.“ Gubser ist überzeugt: „Der größte Teil des Publikums würde das sicher akzeptieren, denn die Leute, die ,Tatort‘ schauen, sind bestimmt offen für Neues, und ich schätze sie als eher tolerant ein.“

Ähnlich sieht es auch Regisseur Thomas Jauch , der zahlreiche „Tatort“-Folgen inszenierte und im Herbst wieder mit dem Kölner Team dreht: „Die Zeit ist absolut reif für schwule oder lesbische ,Tatort‘-Ermittler beziehungsweise TV-Kommissare, wobei man das so entspannt wie möglich angehen sollte.“ Auch Jauch sieht kein Akzeptanzproblem beim Publikum: „Die Zuschauer sind intelligenter und freigeistiger, als man gemeinhin glaubt.“

Der Profiler und Buchautor Axel Petermann , seit vielen Jahren Berater des Bremer „Tatorts“, erwartet in absehbarer Zeit homosexuelle Kommissare am sonntäglichen Fernsehabend: „In den letzten Jahren haben immer mehr Ermittler ihre verschämte Zurückhaltung aufgegeben und sich als homosexuell geoutet; zunächst die Lesben, dann die Schwulen. Wenn dies in der Realität so ist, weshalb sollte es dann nicht auch in der Fiktion homosexuelle ,Tatort‘-Kommissare geben?“

Pierre Sanoussi-Bliss , der 18 Jahre lang in der ZDF-Krimiserie „Der Alte“ den Assistenten spielte und gerade erst als Regisseur, Autor und Produzent den Kinofilm „Weiber!“ abgedreht hat, ist da skeptischer: „Im Jahre 2015 sollte es kein Problem mehr sein, einen schwulen ,Tatort‘-Ermittler zu haben. Aber da die Redaktionen schon mit anderen Hautfarben fremdeln, sehe ich da buchstäblich schwarz. Schwul oder Schwarz sind übrigens keine Sachen, die man als Schauspieler ,spielen‘ müsste. Ist ja einfach so.“ Dabei sei „die Bevölkerung im Großen und Ganzen toleranter, als man ihr das in Redaktionsstuben für gemeinhin zutraut“. Das Entscheidende sind und bleiben für Sanoussi-Bliss aber gute Drehbücher: „Dann ist egal, welche Macke der Kommissar hat, wie alt er ist, wen er liebt.“ Außerdem sei „das Fernsehen früher mal dazu angetreten, das Außergewöhnliche zu zeigen. Das Gewöhnliche sehen die Menschen ja im Alltag.“

François Werner, Betreiber des renommierten Internet-Portals „Tatort-Fundus“ , glaubt ebenfalls: „Die Zeit für einen schwulen ,Tatort‘-Ermittler ist natürlich reif. Gerade wurde in Irland die Homo-Ehe befürwortet, wenn das kein Signal ist“, sagte Werner und fügte hinzu: „Einen schwulen ,Tatort‘-Kommissar hatte schon Götz George gefordert und wollte Schimanski damals schon schwul werden lassen.“

Es sei eine der wenigen Ermittler-Konstellationen am „Tatort“, die wir auch noch nicht hatten, sagte Werner weiter. Und: „Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. Der neue Kölner Assistent Tobias Reiser (Patrick Abozen), der schwul angelegt ist, ist da schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Eine lesbische Ermittlerin haben wir auch schon in der Schweiz, warum also nicht auch einen homosexuellen Ermittler? Aber ich würde mir wünschen, dass das ,normal‘ erzählt wird. Ohne große Effekthascherei und nicht – wie jetzt beim Münsteraner ,Tatort‘ – das Ganze so eine komische, fast schon lächerliche Note bekommt.“

Ähnlich sieht das auch Axel Milberg , der im Kieler „Tatort“ den Kommissar Borowski spielt: „Die Krimi-Schwemme hat zur Folge, dass es alles schon gegeben hat“, sagte er bereits vor anderthalb Jahren dem „Spiegel: „Einen Kommissar, der kifft, nur einen Arm hat, mit seinem Tumor spricht, verdeckt ermittelt, Türke ist.“ Nur einen schwulen oder schwarzen Ermittler habe es noch nicht gegeben. „Ich könnte mir gut einen schwarzen ,Tatort‘-Kommissar vorstellen. Oder einen Schwulen, so ,Brokeback Mountain‘ am Sonntagabend. Aber ohne dass man daraus einen Riesenskandal macht. Wir sind ja nicht in Moskau“, sagte Milberg damals.


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