Außergewöhnlicher Versuch des WDR „Supernerds“: Crossmediales Live-Experiment zur Überwachung

Von Reinhard Lüke

Zentrale Figuren bei „Supernerds“ sind die Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger (links) und die Theaterregisseurin Angela Richter. Foto: WDR/Herby SachsZentrale Figuren bei „Supernerds“ sind die Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger (links) und die Theaterregisseurin Angela Richter. Foto: WDR/Herby Sachs

Köln. Unter der Titel „Supernerds“ präsentiert der WDR gemeinsam mit dem Schauspiel Köln ein außergewöhnliches Live-Experiment: Überwachung als multimediale Versuchsanordnung.

Von besonderem Wagemut kann im Programm des WDR Fernsehens normalerweise kaum die Rede sein. Doch am 28. Mai traut sich der Sender endlich mal wieder was und präsentiert zur besten Sendezeit ein Experiment, das spannend zu werden verspricht. Unter dem Titel „Supernerds – Ein Überwachungsabend“ zeigt der Sender gemeinsam mit dem Schauspiel Köln ein crossmediales Live-Projekt zum Thema Überwachung im digitalen Zeitalter. Während auf der Theaterbühne die Premiere des von Angela Richter entwickelten und inszenierten Stücks stattfindet, moderiert Bettina Böttinger in einem Studio unmittelbar neben der Bühne eine Gesprächsrunde zum selben Thema.

Dabei laufen beide Veranstaltungen nicht nebeneinander ab, sondern werden intensiv miteinander verzahnt. So bestimmt die Inszenierung den Verlauf der Gespräche, und umgekehrt können die Teilnehmer Einfluss auf das Theatergeschehen nehmen. Wobei Bettina Böttinger zwischendurch auch mal das Studio verlassen wird, um sich aktiv unter die Schauspieler zu mischen.

Damit nicht genug – das Ganze lässt sich im Internet verfolgen, und auch da haben die User die Möglichkeit, über Kommentare in das Multimedia-Spektakel einzugreifen. Auch die Zuschauer im Saal werden – im Theater höchst ungewöhnlich – vor der Vorstellung gebeten, ihre Handys eingeschaltet zu lassen. Und zu guter Letzt wird die Mischung aus Inszenierung und Improvisation auch noch live im klassischen Radio übertragen. Auf WDR 3 wird Schauspieler Max von Malotki aus einer Kabine auf der Bühne das Ganze in Manier eines Fußball-Reporters schildern und kommentieren.

Für die erfahrene Talkshow-Moderatorin Bettina Böttinger („Kölner Treff“) ist die Veranstaltung fraglos eine der größeren Herausforderungen ihrer bisherigen Laufbahn. „Als man mich fragte, ob ich das machen wolle“, so Böttinger im Gespräch mit unserer Redaktion, „habe ich erst mal geschluckt. Doch nach eingehender Beschäftigung mit dem Projekt und Gesprächen mit den Verantwortlichen habe ich zugesagt, weil ich das Ganze hoch spannend und wichtig finde.“

Assange und Snowden

Theaterregisseurin Angela Richter, Spiritus Rector dieses experimentellen Gesamtkunstwerks, beschäftigt sich schon seit mehreren Jahren mit der Überwachung im digitalen Zeitalter. 2012 feierte ihr Stück „Assassinate Assange“ in Hamburg Premiere, inzwischen hat sie mit zahlreichen Whistleblowern ausführliche Interviews geführt, die in Sequenzen ebenfalls Teil der Kölner Inszenierung sein werden. Dazu gehören auch Gespräche mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange und Edward Snowden, die sie im Exil in London beziehungsweise Moskau besucht hat. Wobei Richter das Date mit Assange in der ekuadorianischen Botschaft kurioserweise für 1500 Euro bei Ebay ersteigerte, wo dieser ein gemeinsames Abendessen angeboten hatte, um Geld für seine Plattform zu sammeln.

Pünktlich zur Premiere des Stücks werden diese Interviews unter dem Titel „Supernerds“ auch in Buchform erscheinen. Untertitel: „Gespräche mit Helden“. Denn für die Regisseurin steht fest, dass einzig solche Whistleblower und engagierte Computernerds in der Lage sind, über den aktuellen Stand unserer Überwachung aufzuklären.

Bettina Böttinger fühlt sich in ihrem Alltag nach eigenem Bekunden noch nicht totalüberwacht, macht aber immer wieder Erfahrungen, die ihr zu denken geben. „Als ich“, so die Moderatorin, „vor ein paar Wochen während eines Spaziergangs in Berlin mit meinem Smartphone ein Foto von einem spielenden Hund gemacht hatte und mir das Bild ein paar Tage später ansah, war es im Display mit Uhrzeit, Ort und Straßennamen versehen. In solchen Momenten wird mir schon mulmig. Allein die Vorstellung, dass man mich jederzeit orten kann, sobald ich mein Telefon oder Tablet benutze, finde ich unheimlich.“ Und wer kann schon garantieren, dass dies nicht auch bei abgeschalteter GPS-Funktion möglich ist? „In meiner Jugend“, so Böttinger weiter, „galt George Orwells Roman ,1984‘ noch als Horrorszenario, das es unbedingt zu verhindern galt. Heute werden wir umfassend überwacht und leisten durch unser Nutzerverhalten im Netz auch noch großzügig unseren Beitrag dazu.“

Für „Supernerds“ lässt sich die Moderatorin nun allerdings freiwillig überwachen. Im Rahmen des Projektes findet derzeit auch ein sogenanntes Suddenlife Gaming statt, an dem Interessierte über die Homepage teilnehmen können, um sich – natürlich nur spielerisch – überwachen zu lassen.

„Supernerds – Ein Überwachungsabend“,WDR, Donnerstag, 28. Mai, 20.15 Uhr. Im Anschluss an die Live-Veranstaltung ist dort um 22.15 Uhr die Reportage „Digitale Dissidenten“ zu sehen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN