ZDF-Doku am Dienstag Schattenseite der Befreiung: Amerikas Verbrechen im Weltkrieg

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Tausende Kriegsgefangene haben die Amerikaner nach Schätzungen getötet. Foto: ZDFTausende Kriegsgefangene haben die Amerikaner nach Schätzungen getötet. Foto: ZDF

Osnabrück. Am Freitag jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Trotz der recht langen Zeit, die seit 1945 vergangen ist, gibt es noch einige Themen, die in der historischen Forschung bisher ausgespart wurden. Eines davon sind die Verbrechen der Alliierten an den Deutschen. Eine sehenswerte ZDF-Doku nähert sich am Dienstag einer dieser Schattenseiten der deutschen Befreiung – mit dem Hauptaugenmerk auf den amerikanischen Vergehen.

Es sei endlich an der Zeit, sich auch mit den vermeintlichen Randnotizen des Zweiten Weltkrieges auseinanderzusetzen, erklären die beiden Autoren Michael Renz und Annette Harlfinger im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Gründe, warum die Verbrechen der Alliierten an den deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung von den Historikern bislang eher stiefmütterlich behandelt wurden, sind vielfältig.

Vor allem hierzulande überlagert die Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis noch jedes andere Kapitel des Krieges. „Für die Verarbeitung der Geschehnisse war es natürlich viel wichtiger, sich erst einmal intensiv mit den deutschen Verbrechen auseinanderzusetzen“, sagt Renz. Aber auch die politische und ideologische Bindung der Bundesrepublik an den Westen sorgte dafür, dass zwar die Verbrechen der Sowjets thematisiert wurden, die Morde und Vergewaltigungen durch die amerikanischen und britischen Soldaten dagegen keine Beachtung fanden. Zudem fehlten aussagekräftige Quellen. Deutsche Frauen, die beim Vormarsch der Alliierten vergewaltigt wurden, verschwiegen zumeist das, was man ihnen angetan hatte. Das vor allem aus Selbstschutz: Machten sie traumatische Erlebnisse öffentlich, wurde ihnen häufig vorgeworfen, sich den westlichen Besatzern an den Hals geworfen zu haben.

In der Doku verzichten die Filmemacher darauf, die Opfer zu den Vergewaltigungen zu fragen – und das nicht nur, weil mittlerweile die meisten davon gestorben sind. „Man muss einer 90-jährigen Frau nicht zumuten, über diese Erfahrung vor einer Kamera reden zu müssen“, so Annette Harlfinger. (Weiterlesen: Zweiter Weltkrieg: Die übergroße Uniform für einen 16-Jährigen)

Erst das vor wenigen Wochen veröffentlichte Buch „Als die Soldaten kamen“ von Miriam Gebhardt versucht Licht in dieses dunkle Kapitel zu bringen. Die Historikerin kommt in der ZDF-Doku ebenfalls zu Wort – auch wenn ihre Schätzung über die Zahl der Vergewaltigungen von einigen ihrer Fachkollegen in Zweifel gezogen wird. Gebhardt geht dabei von rund 190000 Vergewaltigungen durch US-Soldaten aus.Doch die Vergewaltigungen waren nicht die einzigen Verbrechen, die die Amerikaner an den Deutschen verübt haben. Ein weiteres Thema, das in der Dokumentation breiten Raum einnimmt, ist die Tötung von deutschen Kriegsgefangenen. Sowohl auf den Schlachtfeldern als auch in speziellen Sammelstellen haben US-Armee-Angehörige in großer Zahl Gefangene umgebracht.

Blutrausch und Rache

Wie viele es genau waren, könne man nicht sagen, so Renz. Es gebe kaum verlässliche Akten, auch in Tagebüchern seien derartige Übergriffe eher selten vermerkt worden. „Dennoch geht man von mehreren Tausend Opfern aus.Allein am D-Day hat fast jeder zweite deutsche Kriegsgefangene am Landungsabschnitt Omaha den Tag nicht überlebt“, erzählt der Filmemacher. Die Motive der Täter waren vielfältig.In einem Tagebucheintrag eines amerikanischen Soldaten wird berichtet, dass ein Lieutenant eine regelrechte Mordlust entwickelt habe. Über 50 Deutschen hätte er die Kehle durchgeschnitten, heißt es. „Es hat Gewaltexzesse und auch Fälle von Blutrausch gegeben“, sagt Annette Harlfinger. Den Widerstand, den die Deutschen den vorrückenden Alliierten trotz der aussichtslosen militärischen Lage geleistet haben, konnten die amerikanischen Soldaten nicht nachvollziehen. Ihre Wut darüber habe ebenfalls zu Übergriffen geführt. Vor allem bei der Befreiung der KZs spielte das Motiv der Rache eine wesentliche Rolle. Als die Soldaten erfuhren, welche Verbrechen dort begangen wurden, griffen sie häufig zum Mittel der Selbstjustiz. (Weiterlesen: Der Zweite Weltkrieg im Videospiel: Aufstieg und Niedergang)

Auch die Luftangriffe auf die deutschen Städte werden thematisiert – obwohl umstritten ist, ob sie wirklich als Verbrechen verstanden werden können. Laut Ansicht der beiden Autoren müsste das verneint werden – aus zwei Gründen. Erstens habe es zu dem Zeitpunkt keine Norm gegeben, die die Amerikaner hätten verletzen können. Die Luftwaffe war schließlich ein recht junges Kriegsinstrument – niemand hatte gewusst oder gar festgelegt, wie und unter welchen Umständen die Bombardierung aus der Luft legitim ist. Zweitens haben die Luftangriffe den Krieg verkürzt, so Renz. „Natürlich war es für die Zivilbevölkerung fürchterlich, aber dadurch wurden viele Leben gerettet“, sagt er weiter.

Es gehe nicht darum, mit der Doku den Mythos der Befreier zu zerstören und damit möglicherweise die deutsche Schuld zu relativieren. „Die deutschen Verbrechen waren so schrecklich, dass sie einfach nicht zu relativieren sind“, sagt Renz. Angesichts der Monstrosität des NS-Regimes, seien die Vergehen der Alliierten fast schon eine Randnotiz. Die Verbrechen ändern nichts an der Tatsache, dass die Alliierten das deutsche Volk und Europa von den Nazis befreit hätten. Bei den Vergehen der Amerikaner habe es darüber hinaus einen großen Unterschied zu den Verbrechen der deutschen Soldaten gegeben: „Vergewaltigungen und das Töten von Kriegsgefangenen waren im ,Dritten Reich‘ Teil des Systems. Es war legitimiert, solche Verbrechen zu begehen“, sagt Harlfinger. In den USA drohten den Soldaten dagegen harte Strafen – bei Vergewaltigungen zum Beispiel sogar der Tod.

Alles zum Zweiten Weltkrieg auf unserer Themenseite.

Die Verbrechender Befreier – Amerikas dunkle Geheimnisse im Zweiten Weltkrieg, Dienstag, 20.15 Uhr, ZDF


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