Das Genie braucht noch Auslauf Harald Schmidt macht Alterskarriere als Interviewgast

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Reist durch die Lande und lässt sich interviewen: Entertainer Harald Schmidt. Foto: dpaReist durch die Lande und lässt sich interviewen: Entertainer Harald Schmidt. Foto: dpa

Osnabrück. Seine Show war zuletzt unerträglich, aber dass Harald Schmidt neben dem Ehrgeiz auch den Witz verloren hat, durfte niemand ernsthaft glauben. In den letzten Monaten hat der Humorgroßmeister ein brillantes Interview nach dem anderen gegeben.

Es hat schon etwas davon, einem Kind nach langer Krankheit beim Herumtoben im Garten zuzuschauen. „Also ich habe jetzt eine neue... so was wie jetzt macht mir richtig großen Spaß!“ Das Wort Leidenschaft mag Harald Schmidt im letzten Moment zu groß erschienen sein. Aber wie er da zwei Stunden auf der Bühne eines Wiener Theaters sitzt und auch die dümmsten Fragen eines österreichischen Journalisten vergoldet, wie er mit der alten Verve zerlegt, was zerlegt gehört, wie er dabei ständig lacht – all das sieht doch verdächtig nach einer beginnenden Passion aus. Kleines Beispiel, Schmidt über sein Leben als Privatier: „Ich mache das, was eigentlich Frauen machen: Kinder rumfahren. Natürlich ohne gestresst zu sein, weil ich ja nicht von einer Frauenzeitschrift eingeredet kriege, ich müsste nebenbei noch einen Job haben.“

Die Alterskarriere als Interviewgast ist das Resultat einer Ermüdung. Harald Schmidt sagt, er habe schlicht keinen Bock mehr, sich gute Ideen zu notieren. „Eine Woche später langweilt es mich schon wieder, was ich aufgeschrieben habe.“

Er war schon immer ein schlampiges Genie, doch die Gier nach dem Status Superstar unterdrückte die Bequemlichkeit des Kabarettisten und später des Moderators. Nachdem er aber alle Preise zweimal gewonnen und sich das Feuilleton rettungslos in ihn verliebt hatte, begann er seinen Ruhm zu verwalten. In einem Interview mit Anke Engelke sagte Schmidt vor einigen Monaten: „Dass es zu Ende geht, habe ich die letzten zehn Jahre gespürt.“

Die Zuschauer spürten es auch, doch das war dem König egal. Man musste ihn schon vom Thron stürzen, abzudanken kam für ihn nie infrage . In vielen früheren Interviews erwähnte er seine Bewunderung für Helmut Kohl – weil der alles ausgesessen hat. Was Harald Schmidt nun treibt, erinnert an den alternden Großschriftsteller, der gelegentlich eine Erzählung veröffentlicht, weil die Kondition für die lange Form nicht mehr reicht. Ganz zu verstummen, mit 57 ausschließlich die Kinder zu fahren, wäre Schmidt aber zu wenig. Das Genie braucht noch Auslauf.

Und so sitzt er Mitte Februar im Schweizer Fernsehen und macht mit diebischer Freude seinen Interviewer Roger Schawinski lächerlich. Schawinski hatte 2003 Schmidts Vertrauten Martin Hoffmann als Sat1-Geschäftsführer abgelöst; der Moderator beendete kurz danach seine Show und vermittelte den Eindruck, Schawinskis Inthronisierung wäre dafür verantwortlich. Tatsächlich war Schmidt schon damals müde und brauchte einfach eine Ausrede, wie er später zugab. Weil sich der Entertainer in seinen letzten Folgen auch noch ein bisschen über ihn lustig machte, fühlte sich Schawinski gedemütigt und bezeichnete Schmidt 2012 in einem Interview als „parasitär“, „übelsten Zyniker“ und „geldgeil“. (Video: Harald Schmidt in „Sternstunde Philosophie“)

Ihn danach in seine Talkshow einzuladen war mehr als kühn. Und natürlich bekam Schawinski die Quittung. „Wir haben eine wunderbare Taxifahrt durch Berlin gemacht – und weißt du, welchen Satz du gesagt hast?“ Schawinski weiß es nicht mehr, und Schmidt sagt mit Schweizer Akzent: „Ey fuck, ich leb nur einmal, ich kauf jetzt das Penthouse!“ Der Interviewer lacht überfordert, Schmidt setzt noch einmal nach: „Schneid das nicht raus, schneid das nicht raus, ich will den Satz morgen hören!“

Vor einigen Monaten berichteten die Medien, dass Harald Schmidt seine Show nun als einmaliges Event für Unternehmen veranstalte . Es blieb auch für ihn ein einmaliges Event, nur eine Kölner Kommunikationsfirma buchte die exklusive Show zum Preis von 150000 Euro. „Wahrscheinlich war es doch zu teuer“, sagt Schmidt beim Interview in Wien . Mittlerweile habe er auch seine alte Showkulisse abreißen lassen. „Ich konnte sie einfach nicht mehr sehen.“ (Video: Interview „Ich und Guardiola“)

Es ist erstaunlich, dass bislang niemand diese Informationen vermeldet hat, wo doch sonst jede noch so kleine Nachricht über Harald Schmidt hinausgepustet wird; zuletzt das Gerücht, er könnte möglicherweise als Moderator der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ im Gespräch sein .

Neben seinem Unwillen, sich gute Ideen zu notieren, hat Harald Schmidt in Wien übrigens noch einen weiteren Grund dafür genannt, warum er nie mehr als Kabarettist auf Tournee gehen wird. Und wer Schmidt kennt, weiß, dass dieser Satz nicht ironisch gemeint ist: „Ich will Städte wie Darmstadt oder Bielefeld wirklich nicht mehr sehen!“ (Video: „Nachtcafé mit Harald Schmidt)

EinsPlus zeigt am 31. Mai um 19.30 Uhr ein Interview mit Harald Schmidt an der Universität Mainz.


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