Warum ist Daredevil katholisch? Marvel‘s Daredevil: Charlie Cox im Gewissenstest

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Berlin. „Marvel‘s Daredevil“ ist wenige Tage nach dem Netflix-Launch die meistgeraubte Serie nach „Game of Thrones“. In Berlin stellt Daredevil-Star Charlie Cox sich knallharten Gewissensfragen. Was sagt Cox zu Daredevils Glauben? Was zu Ben Afflecks Daredevil-Flop?

„Marvel‘s Daredevil“ ist erst wenige Tage im Netz und schon auf Platz zwei der meistgeklauten Serien – nach „Game of Thrones“. Jeder zehnte Netflix-Nutzer hatte elf Tage nach der Premiere wenigstens eine Folge gesehen, schreibt „Variety“. Im Gruppeninterview haben wir den Daredevil-Darsteller Charlie Cox einem Gewissenstest unterzogen. Wird Daredevil mit den Avengers kämpfen? Was sagt der Serien-Star zum katholischen Glauben seiner Figur? Was taugt Ben Affleck als Daredevil? Hier kommen die Antworten von Charlie Cox. (Was sagt Showrunner Steven S. DeKnight zu den Folterszenen und dem Marvel Cinematic Universe? Lesen Sie hier seine Antworten.)

Was sagt Charlie Cox ...

... zur Darstellung eines Blinden?

Es ist schwierig, besonders im Fall von Matt Murdock (dem Alltags-Alter-Ego von Daredevil) – weil er trotz seiner Erblindung mehr wahrnimmt als jeder Sehende, aber trotzdem so tun muss, als wäre er behindert. Aber es ist überhaupt schwer, ohne Blickkontakt zu spielen. Mir war nicht klar, wie wichtig Augen für einen Schauspieler eigentlich sind. Ich habe intensiv mit einem Berater gearbeitet, der seit 20 Jahren vollständig blind ist, habe ihn gefilmt, mich gefilmt, mit ihm geübt. Ich habe sogar ausprobiert, mit Kontaktlinsen zu spielen, durch die ich nichts mehr sehen konnte. Leider hat das überhaupt nicht funktioniert. Wenn man die fehlende Mimik kompensieren will, kommt man leicht in Gefahr des Overactings. Die ist in Comicverfilmungen sowieso da. Wenn Daredevil in den Büchern wütend wird, fletscht er die Zähne wie ein Monster. Das sieht bei einem Schauspieler albern aus. Zum Teil haben wir Gefühle durch Nahaufnahmen verstärkt, mit einem Blick auf meine angespannten Kiefer zum Beispiel. Aber in allen Dialogszenen kann man Gefühle schon mit der bloßen Sprache sehr gut transportieren. (Mehr Marvel: „Avengers 2: Age of Ultron“ – hier geht‘s zum empörenden Verriss.)

... über den großen „Daredevil“-Erfolg bei den Fans?

Dass hier etwas Ungewöhnliches passiert, habe ich schon den Drehbüchern angemerkt, ihrer Qualität, ihrer Düsternis, ihrer Brutalität und ihrer ganzen erwachsenen Anmutung. Das passt alles sehr gut zu „Daredevil“. Die Bücher und die Umsetzung haben mich an etwas Gutes glauben und auf etwas sehr Gutes hoffen lassen. Aber diese Reaktion habe ich mir nicht vorstellen können. Das war auf wunderbare Weise überwältigend. In der zweiten Staffel müssen wir es jetzt allerdings wiederholen. Ab jetzt haben wir Erfolgsdruck. (Mehr Comic: Was taugt „Outcast“, das neue Comic vom „Walking Dead“-Autor?)

... über sein Rollenkonzept für Daredevil?

Meine Überlegung damals war: Mit mir muss Daredevil einen anderen Weg gehen als den nächstliegenden. Ich bin nicht groß, nicht eindrucksvoll genug. Matt Murdock hat eine extrem verfeinerte Wahrnehmung, sodass jede Alltagssituation eine Überforderung für ihn ist. Er muss ein Mensch sein, der jeden Raum, den er betritt, in vollkommene Ruhe zwingt – damit niemand auf seine Sinne eindrischt. Deshalb hatte ich die Idee, dass mein Daredevil ein kleines bisschen psychopathisch ist. Matt Murdock lebt sein ganzes Leben als Lüge, keiner weiß, wer er wirklich ist. Er ist großartig darin, normal zu erscheinen, aber das ist ein lebenslanger Kampf. Tief unter der Oberfläche ist er sehr wütend, völlig durcheinander und hochgradig verängstigt. Und er hat kein Ventil dafür. In der ersten Staffel geht es darum, dass er den Teufel rauslässt – und dann versucht, ihn zu kontrollieren. (Mehr Marvel: 5 Gründe für „Avengers 2: Age of Ultron“.)

... zum Erfolg von Serien?

Fernsehen hatte mich nie besonders interessiert, wenn ich gucke, dann Sport. Dann kam das Angebot für „Boardwalk Empire“, das ich annehmen musste. Ich war überrascht, wie sehr ich es mochte. Eine Figur über 13 Stunden zu entwickeln ist großartig. Wir scheinen gerade das Goldene Zeitalter des Fernsehens erfunden zu haben. Die Zuschauer sind von Serien besessen. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Film- und Fernsehschauspiel. Fernsehrollen sind kein Risiko mehr. Nach „Boardwalk Empire“ habe ich auf die nächste Fernsehrolle gehofft. Auch weil Serien den Vorteil haben, dass man länger Arbeit hat. Ich habe viele Monate ohne Arbeit erlebt; eine Serie beschäftigt mich sechs Monate im Jahr, und das mit jeder neuen Staffel wieder. (Marvel’s Daredevil: Zur Serien-Kritik.)

... zu Ben Afflecks „Daredevil“-Flop aus dem Jahr 2003?

Ich habe den Film gesehen, als ich mich auf die Rolle vorbereitet habe; und ich fand, er hat gute Arbeit abgeliefert. Für mein Gefühl ist der Film ein bisschen konfus, weil er zu viel auf einmal will – und das ohne unsere luxuriösen 13 Stunden Spielzeit. Kingpin, Bullseye, Elektra, Foggy, Karen Page – mit all diesen Figuren auch noch eine Geschichte zu erzählen, das geht nicht. (Mehr TV-Serie: „Homeland 5“ entsteht in Berlin – ist das wirklich so toll? Ein Kommentar.)

.. zum Plot der zweiten Staffel von „Daredevil“?

Ich weiß noch gar nichts über die zweite Staffel. Mein Wunsch wäre, dass Matt Murdock sich wirklich angreifbar und verletzlich zeigt, gegenüber einer Frau, die vermutlich Karen Page sein müsste. Es gibt eine großartige Daredevil-Comicserie, „Daredevil Yellow“. Auch wenn es blöd klingt, das ist richtige Literatur. Jeph Loeb erzählt in wahrer Schönheit eine Liebesgeschichte um Daredevil. Wie er das umsetzt, aus der Rückschau, vermittelt durch eine Reihe von Briefen, das hat mich umgehauen. Aber wie gesagt: Ich weiß nicht, was passiert. Die Autoren der Netflix-Serie kriegen ständig verblüffende Wendungen hin, und die erste Staffel steckt voller Eastereggs, die noch zu entdecken sind. Ich wünsche mir, das Matt sich weiterentwickelt. Am Ende der ersten Staffel hat er sich mit sich und seinen Fähigkeiten versöhnt. Er akzeptiert seine Begabungen, nimmt sie als gottgegeben an, und als Katholik, als Anwalt, als Demokrat sieht er sie nun als Aufgabe. Jetzt möchte ich sehen, wohin ihn das führt. Womöglich sehen wir dann auch, dass diese belastete Figur auch Freude erleben kann.

... zu Matt Murdocks katholischem Glauben?

Für einen Schauspieler ist das ein großartiger Stoff. Das katholische Gespür für Schuld bewahrt die Serie von der Action um ihrer selbst willen. Jeder Hieb, jeder Tritt ist mit Schuld und Scham und dem Bewusstsein für die Ambivalenz der Selbstjustiz aufgeladen. Deshalb und nicht nur wegen der Choreografie gefallen mir unsere Actionsequenzen so gut. (Mehr Marvel: Kleine Kinos boykottieren Disney – ist Disney im Recht? Zum Kommentar.)

... zu den Folterszenen in „Daredevil“? Wird der Held sich auch mal irren und einen Unschuldigen foltern?

Zumindest prügelt er in den späteren Episoden der ersten Staffel Informationen aus Leuten, die keine Verbrecher sind, aus einem Junkie zum Beispiel, der selbst nicht dealt. Ich glaube, es gibt in Daredevil ein Verständnis dafür, dass man kein Omelett machen kann, ohne Eier zu zerschlagen. Darin ähnelt er seinem Gegenspieler Wilson Fisk. Man kann so weit links stehen, dass man fast schon wieder rechts ist. Die Extreme ähneln einander. Hier gibt es zwei eingeschworene Feinde, die in allem das Gegenteil tun und am Ende dasselbe erreichen wollen. In solchen Momenten ist „Daredevil“ wirklich raffiniert geschrieben. Die Linie zwischen Richtig und Falsch verschwimmt in der Serie, „Daredevil“ spielt in der Grauzone. Und es gibt Situationen, in denen der Held das Falsche tut. (Mehr zu Daredevil: Seit wann wird bei Marvel gefoltert?)

... zum Karriereschub durch „Daredevil“?

Natürlich weiß ich: Eine Serienhauptrolle, der Eintritt ins Marvel Cinematic Universe hat Folgen. Meine große Liebe ist das Schauspiel. Ich möchte so viele unterschiedliche Rollen wie möglich spielen. Und mein Beruf hat eine Business-Seite, über die ich keine Kontrolle habe. Womöglich habe ich früher Rollen nicht bekommen, für die ich gepasst hätte – weil mein Name für die Finanzierung des Films bedeutungslos war. Wenn sich das nun ändert, wenn „Daredevil“ mich finanzierbar macht, dann ist das ein großartiger Nebeneffekt. Aber die Rolle selbst ist auch schon genug. Ich habe großes Glück gehabt, ich jubele über die zweite Staffel, und ich hoffe, dass wir noch fünf weitere drehen.

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