Bravo gestern und heute Die Bravo von 2015 und 1975: ein Vergleich



Noch immer ist die Bravo die größte deutschsprachige Jugendzeitschrift, die Auflage allerdings ist seit den 70er-Jahren um über 90 Prozent gesunken. Wie hat sich das Magazin in dieser Zeit verändert? Ein Vergleich zwischen 2015 und 1975 bringt interessante Erkenntnisse.

Cover: Zu sehen ist auf dem Titelbild aus dem Januar 1975 ein jugendliches Paar, beide kaum älter als 15, unschuldig dreinblickend, weiche Gesichtszüge – und unbekleidet, jedenfalls im bis zur Brust reichenden Bildausschnitt. So ein Cover hätte im Jahr 2015 Shitstorm-Potenzial. Wir finden ein weiteres Mal bestätigt: Die Enthemmung der Gesellschaft verläuft nicht linear. Und nicht nur die Grünen hatten früher eine Idee von Kindheit und Geschlechtlichkeit, die heute verfemt ist.

Das Cover unserer Vergleichsausgabe aus dem April 2015 zeigt eine beliebige Jungschauspielerin im Tutu, die Fläche drumherum ist mit Themen aus dem Heft nur so zugekleistert. Damals jugendliche Nackedeis und die Titelstory „Im Namen der Liebe – Mädchen nimmt heimlich die Pille“, heute eine hübsche Hupfdohle inmitten gedruckter Reizüberflutung. Fazit: Auch wenn das historische Cover heute ein bisschen verboten aussieht, cooler ist es allemal.

Sexistischer Sprechgesang versus „Tränen lügen nicht“

Musik: Die größten Ferkeleien verbreitet die Bravo im April 2015 über ihre eigenen CDs. Auf der Heftrückseite wird Ausgabe 32 der „Bravo Black Hits“ beworben, jeder vierte Titel enthält den Zusatz „explicit“. Sexistischer amerikanischer Sprechgesang also gegenüber „Tränen lügen nicht“, das war 1975 der „Bravo Hit der Woche“. Ansonsten finden wir in der historischen Ausgabe Würdigungen von Queen, den Stones , Elton John  und Elvis. 2015 sind es Teesy, Chris Brown , Kay One und Lena Meyer-Landrut . Fazit: Die Bravo kann auch nichts dafür, dass Jugendliche heute auf so furchtbare Musik stehen.

Die Bravo liefert zuverlässig Schwachsinn

Foto-Lovestory: Zwei Beispiele aus der Rubrik „Wenn das Journalismus ist, darf sich die Pommesbude um die Ecke auch Drei-Sterne-Restaurant nennen“: 1975 stellt Gerhard P. für die Bravo angeblich einen Fall nach, für den er zweieinhalb Jahre ins Gefängnis musste. P., als Halbstarker Mitglied einer Rockerbande und seitdem vorbestraft, rastet aus, nachdem ihn seine Frau Helga mit seinem Cousin betrogen hat.

„Meine Hände hielten noch immer ihren Hals umklammert und drückten zu. Mit letzter Kraft keuchte sie: Denk an unser Kind“. Gerhard P., die Günter-Netzer-Frisur schon völlig zerzaust, lässt daraufhin ab und versorgt seine Frau mit kalten Umschlägen. Trotzdem steht am Ende der Schutzmann vor der Tür. Ja, diese Geschichte ist tatsächlich eine „Foto-Love-Story“.

Dasselbe Format 40 Jahre später: Die 16-jährige Verena verliebt sich in den 17‑jährigen Lenn. Nach der ersten Nacht, in der beide selbstredend mit beiden Händen über der Bettdecke schlafen (Zitat: „Du bist kein Girl für eine Nacht“), beklaut Verena ihre Eroberung. Der Grund liegt auf der Hand: Ihre Mutter ist spielsüchtig und hat außerdem ein Alkoholproblem.

Nachdem Verena den Diebstahl gestanden hat, fällt ihrem Lover mit dem seltsamen Namen ein, dass sein Vater Psychologe ist und sich die Mutter doch einfach von ihm behandeln lassen kann. Ein debil dreinblickender Mann im weißen Kittel sagt schließlich den epochalen Satz: „Frau Klein, herzlich willkommen in der Franz-Ferdinand-Klinik.“ Fazit: Die Bravo war und ist ein zuverlässiger Lieferant von einer Menge Schwachsinn.

Anbiedern an die Jugendsprache

Sprache: 2015 nennt die Bravo Kommentare „Kommis“, die Schwester ist nur noch die „Sis“, nach dem Diebstahl in der Foto-Love-Story lesen wir „epic shit“ und „Bääm!“ 1975 dagegen lernt ein Lehrling eine „höhere Tante“ kennen und gibt sich deshalb als „reicher Pinkel“ aus, ein Bravo-Buch gibt es „für müde 1 ½ Märker.“ Fazit: Die mediale Imitation von Jugendsprache war zu allen Zeiten lächerlich.

Sexualität: Die Fragen an das Dr.-Sommer-Team sind im Wesentlichen dieselben geblieben. Entscheidend geändert aber haben sich die Antworten. Im Jahr 2015 bedient sich das Dr.-Sommer-Team der Jugendsprache und schreibt Sätze wie: „Es muss für beide geil sein.“  Außerdem ist der typische Bravo-Nackedei 2015, ob männlich oder weiblich, so stark tätowiert, wie es 1975 nur Strafgefangene und Matrosen waren. Fazit: ach, die gute alte Zeit...

Schlussbetrachtung: Dass die Bravo so viele Leser verloren hat, liegt mit Sicherheit nicht daran, dass sie schlechter geworden ist – sondern daran, dass sich das jugendliche Mediennutzungsverhalten so stark verändert hat. Wirklich erstaunlich ist: Zumindest für den Verfasser dieses Artikels, Jahrgang 1981, ist die Bravo von 1975 zwar manchmal etwas wunderlich – die aktuelle aber scheint aus einem Paralleluniversum zu kommen.


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