ARD-Spielfilm am Karfreitag Christian Grzimek: Das wilde Leben meines Großvaters Bernhard


Frankfurt. Bernhard Grzimek ist als Tier- und Naturschützer eine Legende. Die ARD ehrt ihn am Karfreitag mit einem 165-minütigen Spielfilm und einer anschließenden Dokumentation, die auch die Untiefen seines Privatlebens nicht ausspart. Grzimeks Enkel Christian war schon als Elfjähriger gemeinsam mit seinem Großvater und späteren Adoptivvater auf Forschungsreisen unterwegs. In einem Frankfurter Café unterhalten wir uns über diese Reisen und den vielfachen Versuch, das Leben seines Großvaters zu verfilmen:

Herr Grzimek, für die Generation Ü 40 ist Ihr Großvater eine Legende des Tier- und Naturschutzes . Wie würden Sie ihn der Generation U 30 beschreiben?

Mein Großvater und auch mein Vater waren in Deutschland eigentlich die Ersten, die sich für Natur- und Artenschutz eingesetzt haben – zu einer Zeit, in der sonst kaum jemand darüber nachgedacht hat. Sie haben damals schon die Überbevölkerung angeprangert und darauf hingewiesen, welche Probleme in der Zukunft daraus erwachsen werden. Damit haben sie ja recht behalten. Mein Großvater hat sich zudem nach dem Tod meines Vaters sehr stark für den Tierschutz eingesetzt, gegen Legehennenbatterien und die Massentierhaltung in der Kälber- und Schweinemast. Dinge, die wir heute, 40 Jahre später, leider immer noch diskutieren müssen.

Die ARD widmet Ihrem Großvater am Karfreitag einen zweiteiligen Spielfilm über nahezu drei Stunden und eine anschließende Dokumentation . Grzimek von der „Tagesschau“ bis Mitternacht – so viel Ehre im Ersten ist bislang noch niemandem widerfahren.

Ja, das ist wirklich ein tolles Denkmal, das ihm, aber auch meinem Vater da gesetzt wird. Dafür sind wir dem Sender sehr dankbar.

Unterhaltsam ist der Spielfilm allemal, aber ist er auch authentisch? Bildet er tatsächlich ab, was und wie es gewesen ist?

Das tut er schon, allerdings trotz der Länge in sehr verkürzter Form. Die ersten 35 Jahre im Leben meines Großvaters tauchen ja gar nicht auf, darüber hätte man noch einen Film drehen können (lacht). Natürlich muss man Abstriche machen, so ein Film kann nicht alles bis in jedes Detail wiedergeben, sonst müsste er 10 oder 15 Stunden dauern.

Es ist auf jeden Fall der Film mit dem höchsten Zigarettenkonsum seit vielen Jahren. War Ihr Großvater tatsächlich ein solcher Kettenraucher, als der er im Film erscheint?

Soweit ich es von meiner Mutter weiß, hat er vor allem nach seiner Verhaftung so stark geraucht. Er hat ja drei oder vier Tage in Untersuchungshaft gesessen, nachdem im Frankfurter Zoo mehrere Tiere vergiftet worden waren. Damals hat ihn die Polizei nachts um vier aus dem Bett geholt und mitgenommen.

Wieso hat man ihn denn verhaftet? Die Tiere waren doch von einem Pfleger vergiftet worden.

Es war eine Intrige gegen ihn, weil er kein Zoologe, sondern Veterinär war. Und da gab es ein paar Leute, denen das nicht passte. Er hat aber alle Vorwürfe widerlegen können. Letzten Endes ist der Frankfurter Polizeipräsident dank seiner Hilfe wegen der falschen Anschuldigungen in dieser Sache für zwei Jahre ins Zuchthaus gewandert. Meinen Großvater hat es geärgert, dass er dennoch seine Pensionsansprüche behalten hat.

Der erste Teil des Films spielt zu einer Zeit, in der Sie noch gar nicht auf der Welt waren, aber Ihre Mutter hat Ihnen vieles erzählt. War es tatsächlich so, dass im Wohnzimmer der Grzimeks ein Gepard aus dem Zoo neben dem Sessel Ihres Großvaters lag?

Der kam immer mal mit, aber natürlich wurde er nicht als ständiges Haustier gehalten. Mein Großvater hat nie die Tiere vermenschlichen wollen, auch wenn er immer welche mit in seine Fernsehsendung nahm. Die mussten natürlich einigermaßen zahm sein, denn das waren damals ja alles Livesendungen. Der Gepard Cheetah fuhr übrigens leidenschaftlich gerne mit im VW Käfer, somit war es ein Leichtes, ihn ins Studio zu fahren.

Es hat ja schon mehrfach Versuche gegeben, das Leben Ihres Großvaters zu verfilmen, die Ihre Familie immer abgelehnt hat. Warum?

Die Drehbücher waren nicht gut, teilweise sogar geradezu hanebüchen. Einmal gab es die Drehbuchidee, dass ein Löwe aus dem Frankfurter Zoo in der Serengeti ausgewildert werden und der Transport mit einer Do 27 geschehen sollte. Stellen Sie sich mal einen ausgewachsenen Löwen in einem Kleinflugzeug mit sechs Plätzen vor (lacht). Es gab viele von diesen Sachen, die einem die Fußnägel hochgezogen haben.

Und das war diesmal nicht der Fall?

Nein, wir fanden das Drehbuch sehr realistisch und auch von den Dialogen her gut. Manches ist natürlich gerafft und übertrieben, aber wenn ich eingewandt habe, das könne man nicht so stehen lassen, sagte meine Mutter: Es muss doch was passieren, sonst guckt es sich niemand an.

Das Privatleben der Grzimeks nimmt recht breiten Raum ein und wird auch ziemlich schonungslos dargestellt.

Der Film basiert stark auf dem Buch von Claudia Sewig, die vor fünf Jahren die Biografie meines Großvaters veröffentlicht und dafür sehr viel recherchiert hat. Dafür kann man natürlich dankbar sein, andererseits haben wir selbst das Privatleben nie in der Öffentlichkeit ausgebreitet und keine Homestorys gemacht. Auch mein Großvater hat in seiner Autobiografie die ganzen familiären Dinge weggelassen.

Selbst das Presseheft der ARD bezeichnet den Charakter Ihres Großvaters als „widersprüchlich“ und „moralisch ambivalent“. Würden Sie das so unterschreiben?

Er ist eine Person seiner Zeitgeschichte. Er hat sehr früh geheiratet – mit 20, und das in einer Zeit, in der man erst mit 21 volljährig war. Seine Frau Hildegard war damals sogar erst 19. Aus dieser Tatsache ist einiges herzuleiten. Das mag heute ähnlich sein, nur lassen sich Leute dann eben wieder scheiden. Mein Großvater stand immer sehr in der Öffentlichkeit und hatte diese Ehekrisen schon deshalb nicht nach außen getragen. Das wäre in der damaligen Zeit seinem Image sicher nicht zuträglich gewesen.

War Bernhard Grzimek das, was man heute einen Womanizer nennen würde?

Das ist maßlos übertrieben. Er war halt sehr charmant und wirkte auf Frauen.

Der Film legt zumindest die Vermutung nahe, dass er selbst das Eintreiben von Spendengeldern bei Damen der wohlhabenden Gesellschaft zum gelegentlichen Seitensprung nutzte.

Auch das ist übertrieben.

Ist es denn richtig, dass die letzte Unterhaltung zwischen Ihrem Großvater und Ihrem Vater vor dessen Absturztod eine Auseinandersetzung über die Affären des Großvaters war?

Streit ist vielleicht übertrieben, aber sie sind in einer heftigen Diskussion auseinandergegangen, aber nicht zu diesem Thema. Was der Film nicht zeigt, ist: Mein Großvater wollte noch mitfliegen, aber sein Sohn hat ihn nicht gelassen, weil der Sitz ausgebaut war. Mein Großvater wollte sich dann auf den Boden setzen, was mein Vater als sehr sicherheitsbewusster Mann nicht zugelassen hat. Und den Sitz wieder einzubauen hätte zu lange gedauert. Also ist er allein abgeflogen – und abgestürzt. Das weiß ich von meiner Mutter.

Die dann später von Ihrem Großvater geheiratet wurde. Wie haben Sie das erlebt?

Mein Großvater war ja immer zugegen, seit ich ein Kleinkind war. Er kam aus dem Zoo, hat mit uns zu Mittag gegessen, wir haben viele Reisen zusammen unternommen und Wochenenden miteinander verbracht. Deshalb haben wir als Kinder gar nicht darüber nachgedacht. Wir haben das eigentlich als ganz normal wahrgenommen.

Ihre Mutter und Ihr Großvater haben es geschafft, Ihre Beziehung lange Jahre vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten.

Bestimmt 15 Jahre lang. Es wurde erst 1978 bekannt, als sie geheiratet haben. Es war und ist nie das Bestreben der Familie, mit solchen Beziehungsgeschichten in die Medien zu kommen. Das wäre nicht unser Niveau.

Als Sie elf oder zwölf Jahre alt waren, war man als Kind stolz wie Oskar, wenn man mit den Eltern Urlaub auf Mallorca oder in Italien machte. Sie aber sind mit Ihrem Großvater für drei Monate nach Afrika geflogen.

Wir sind immer zu dritt geflogen, meine Mutter war auch dabei. Natürlich war das sehr aufregend und schön, auch weil ich zwischen Dezember und März von der Schule beurlaubt war. Die Reisen waren faszinierend, wir waren in Tansania, Kenia, Ruanda, Zaire und Simbabwe, in Asien und Amerika – fast auf der ganzen Welt zu Hause.

Es waren keine Urlaubsreisen.

Nein, nie. Wir haben immer viel gefilmt und fotografiert. Es wurden Projekte der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft besprochen, wir trafen verschiedene Direktoren von Nationalparks und auch hochrangige Politiker bis hin zu Idi Amin.

Diesen entsetzlichen Diktator?

Mein Großvater sagte immer: Ich kann nicht warten, bis die richtige Regierung am Ruder ist. Um etwas für den Natur- und Artenschutz zu erreichen, muss ich auch mit solchen Leuten konferieren. Das war natürlich umstritten, aber von seiner Warte aus der richtige Weg.

Was hat Sie damals am meisten beeindruckt in dieser völlig anderen Welt?

Natürlich die Serengeti mit ihren großen Mengen an Tieren und deren Wanderungen, das ist ja heute noch sehr beeindruckend. Aber auch die Gorillas in Ruanda und Zaire waren toll, wir waren bei den Forschern Diane Fossey und George Adamson, das hat mich sehr beeindruckt.

Adamson – der Mann, der mit den Löwen lebte?

Er hat mit ihnen gearbeitet, lebte mit seiner Frau im Norden Kenias und hat mit ihr zusammen den Film „Löwin Elsa“ gedreht. Darin ziehen sie ein wildes Löwenbaby auf, das Tier wird erwachsen, in die Freiheit entlassen und kommt eines Tages mit ihren Jungen zurück zur Farm, quasi um sie vorzustellen. Das ist wohl wirklich so passiert.

Verrückt.

Die beiden wohnten in einer gottverlassenen Gegend, George Adamson hat die wilden Löwen dort gefüttert, allerdings geschützt von einem drei Meter hohen Maschendrahtzaun. Aber er ging nie mit einem Gewehr durch die Gegend, sondern nur mit einem großen Knüppel, den er immer dann gehoben hat, wenn ihm einer der Löwen zu nahe kam. Das Traurige ist: Sowohl George als auch seine Frau Joy sind, als sie schon getrennt voneinander lebten, im Abstand von fünf Jahren von Angestellten umgebracht worden.

Wie haben Ihre Mutter und Ihr Großvater es eigentlich hinbekommen, dass Sie immer für drei Monate von der Schule beurlaubt wurden?

Mein Großvater hat an den hessischen Kultusminister geschrieben – das war der Einzige, der das genehmigen konnte. Das hat über all die Jahre funktioniert und in den letzten Jahren hat er dann gar nicht mehr gefragt (lacht). Das war ja sowieso seine Grundeinstellung: Wer viel fragt, kriegt viele Antworten.

Was haben Ihre Mitschüler so gesagt, wenn Sie aus Afrika zurückkamen?

Erst mal sollte ich immer einen Vortrag in Biologieunterricht halten, aber darum habe ich möglichst gedrückt, das war nicht so mein Ding. Und wenn ein neuer Schüler kam und erfuhr, wer ich bin, kam meist die Frage: Hast du auch Tiere zu Hause? Ich hab dann mal erzählt, wir hätten gerade ein großes Problem: Wir müssen den Swimmingpool vergrößern, weil das Flusspferd so gewachsen ist und nicht mehr reinpasst. Eine Mitschülerin, mit der ich heute noch befreundet bin, kam dann Jahre später mal zu uns nach Hause und fragte mich: Wo ist denn euer Flusspferd? Die hatte das tatsächlich geglaubt.

Ihr Großvater ist in den späteren Jahren sehr pessimistisch geworden. Wie sehen Sie das: Erfüllen sich seine düsteren Prognosen?

Leider ja. Alles, was mein Vater und er vorhergesagt haben, ist eingetreten. Und wir haben bis heute keine Lösungen. Dabei ginge vieles ganz einfach über Besteuerungen. Man könnte zum Beispiel bei Massentierhaltung und Benzin einfach an der Steuerschraube drehen und die damit erwirtschafteten Gelder für vernünftige Zwecke einsetzen. Aber wir sind ja nach wie vor diesem Wahnsinn verfallen, dass alles immer wachsen muss. Die Bevölkerung muss wachsen, die Wirtschaft muss wachsen, und wenn es nicht so ist, sind wir traurig darüber. In Europa, wo wir immer weniger Menschen werden, bauen wir immer mehr Straßen. Und auf anderen Kontinenten, wo die Bevölkerung immer stärker wächst, hat niemand eine Lösung für die Frage, wie man diese Menschen alle ernähren soll.

Die Grzimeks

Bernhard Grzimek wird am 24. April 1909 im schlesischen Neisse als Sohn eines Justizrates geboren. Er studiert in Leipzig Veterinärmedizin, arbeitet in der Forschung und übernimmt im Frühjahr 1945 die Leitung des im Krieg völlig zerstörten Frankfurter Zoos, den er wieder aufbaut und erheblich erweitert.

Zusammen mit seinem Sohn Michael unternimmt er zahlreiche Forschungsreisen in die ganze Welt. 1956 drehen sie den abendfüllenden Film „Kein Platz für wilde Tiere“. Bei den Dreharbeiten zum später mit einem Oscar als bestem Dokumentarfilm ausgezeichneten „Serengeti darf nicht sterben“ kommt Michael 1959 durch einen Flugzeugabsturz ums Leben. Seine Frau Erika ist zu dieser Zeit mit Christian schwanger, der seinen Vater nie sehen wird.

Bernhard Grzimeks Privatleben ist von Turbulenzen gezeichnet. Von seiner Frau Hilde wird er 1973 geschieden, sein farbiger Adoptivsohn Thomas nimmt sich 1980 das Leben, 1978 heiratet er seine Schwiegertochter Erika und adoptiert deren Sohn Christian.

In der ARD moderiert Grzimek jahrelang die äußerst populäre Sendung „Ein Platz für Tiere“ und setzt sich auf vielfältige Art und Weise für den Tier- und Naturschutz ein. Sein Enkel Christian, am 22. August 1959 in Frankfurt geboren, wird ab dem elften Lebensjahr zum neuen ständigen Begleiter auf den Reisen Grzimeks rund um den Globus.

Zusammen mit seiner Mutter Erika baut Christian Grzimek (Foto: dpa) „Okapia“, eines der größten Fotoarchive Deutschlands über Tiere und Pflanzen, auf. 1988 moderiert er die 30-teilige Tierfilmserie „Kiebitz“ im ZDF. Heute sitzt er in der Jury der KfW-Bernhard-Grzimek-Stiftung, die alljährlich einen hoch dotierten Preis für Bio-Diversität vergibt und engagiert sich in der stark auf Spendengelder angewiesenen Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.

1987 stirbt Bernhard Grzimek während eines Besuchs des in Frankfurt gastierenden Zirkus Althoff an Herzversagen. Bundespräsident Richard von Weizsäcker würdigt sein Werk als „unschätzbaren Beitrag zur Wahrung der Schöpfung“.


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