Prince of Persia und Co. Warum liegen Retro-Computerspiele im Trend?


Osnabrück. Für viele sind es klobige Pixelbrocken, lächerliche Überbleibsel aus der Prä-Smartphone-Ära und bestenfalls belustigende Zeitvertreibe. Doch Retro-Videospiele schwimmen aktuell auf einer Welle der nostalgisch angehauchten Euphorie – spätestens seit die Macher der Internetseite archive.org Anfang des Jahres rund 2400 Titel frei spielbar im Netz zur Verfügung gestellt haben. Eine Reise in die viereckige Welt der 80er-Jahre – mit garantiert maximal 256 Farben.

Das digitale Zentralgestirn der 80er- und frühen 90er-Jahre war für viele ein grauer Kunststoffkasten, der nach heutigen Design-Maßstäben nicht umsonst den Spitznamen „Brotkasten“ trug: Als 1982 der erste Commodore 64 auf die Märkte gelangte, war spätestens das der endgültige Durchbruch der Videospiele. Der C64 gilt bis heute als der meistverkaufte Heimcomputer weltweit – und ermöglichte erstmals einer breiten Bevölkerungsgruppe den Zugang zum aufkommenden Trend der Videospiele. Amiga 500, der C128 und die ersten reinen Spielkonsolen wie das NES setzten die Reihe fort, als Computer plötzlich nicht mehr nur für Datenverarbeitung genutzt wurden, sondern zum reinen Vergnügen.

Digitaler Werdegang

Commander Keen, Prince of Persia, Maniac Mansion, Boulder Dash und Oregon Trail: Wer in den 80er- und 90er-Jahren auf den abfahrenden Zug der Computerspiele aufsprang, für den sind sie Teil des eigenen digitalen Werdegangs. Auf der Seite archive.org sind diese und weitere Titel kostenlos und ohne Zusatzsoftware im Browser spielbar.

Nicht nur aus nostalgischen Gründen lohnt sich bei vielen dieser Spiele ein genauerer Blick, denn so manch ein Titel galt in seiner Entstehungszeit als nahezu revolutionär – weil es eben so etwas vorher nie gab. Ein Beispiel ist das Point-and-Click-Adventure „Maniac Manson“ , das aufgrund seiner damals neuartigen und intuitiven Spielsteuerung einen wahren Meilenstein darstellt. Wie der Genretitel schon verrät, wählt der Spieler verschiedene Interaktionsmöglichkeiten aus einer Liste aus („Nimm“, „Öffne“, „Gehe zu“) und klickt auf der zweidimensionalen Oberfläche entsprechende Punkte wie Türen oder Gegenstände an. Im Verlauf des Spiels müssen Gegenstände miteinander kombiniert und Rätsel gelöst werden – ein teilweise kniffliges Unterfangen. Innovativ bei Maniac Mansion sind die unterschiedlichen Lösungswege, was die Wiederspielbarkeit fördert.

Pixelige Blockbuster

Ein weiterer Blockbuster ist Prince of Persia , ein Action-Adventure, bei dem der Spieler die Rolle eines Abenteurers übernimmt, der innerhalb von 60 Minuten die Tochter des Schahs retten muss. Mit einer Kombination aus Akrobatik, Kampfelementen und ein wenig Geschicklichkeit müssen unter Zeitdruck zahlreiche Herausforderungen gemeistert werden. Bahnbrechend bei Prince of Persia war, dass die Entwickler die Animationen der Spielfigur auf einen zumindest damals unerreichten Realitätsgrad hoben.

Als ein Wegbereiter gilt auch das Jump-’n’-Run-Spiel „Commander Keen“ , bei dem der Spieler ein Männchen durch eine zweidimensionale Welt mit vielen Aliens und anderen Gefahren steuern muss. Es gab Anfang der 90er-Jahre kaum einen Heimcomputer, auf dem das Videospiel nicht gedaddelt wurde.

Geradezu legendär sind Sportspiele wie Summer Games oder Winter Games – vor allem wegen ihrer Joystick-verzehrenden Steuerung. Bei diesen frühen Sportsimulationen wurden die Aktionen der Spielfigur, ob 100-Meter-Sprint oder Langlauf, oftmals mit einer reißenden Bewegung des Steuerknüppels auf der X-Y-Achse vollzogen. Das führte nach nur wenigen Spielsessions unweigerlich zur Zerstörung des Spielgeräts. Besonders engagierte Spieler mit handwerklichem Geschick bastelten die Joysticks auseinander und integrierten die Technik in aufwendige Holzkonstruktionen. Dadurch konnte die Pendelbewegung zwischen den Achsen schneller ausgeführt werden – was zu bis heute unerreichten Weltrekordzeiten beim 100-Meter-Lauf führte.

Faszination auf der Spur

Doch warum ziehen die nach heutigen Maßstäben fast lächerlich anmutenden Spiele so viele Menschen in ihren Bann? Schließlich verrät ein Blick auf archive.org, dass einige Games bereits Hunderttausende Male angeklickt und gespielt wurden. Der Osnabrücker Mike Hillen ist quasi mit den Urvätern der heutigen Videospiele aufgewachsen – und hat sein Hobby ein wenig zum Beruf gemacht. Hillen ist Inhaber einer Medienagentur, deren Wirken eng mit Entwicklungen in der Spiele-Szene verknüpft ist. „In vielen modernen Spielen findet sich das Prinzip ihrer Vor-Vorgänger aus den 80er- und 90er-Jahren wieder. Die Entwickler hatten damals weitaus nicht die technischen Möglichkeiten, wie es sie heute gibt. Sie mussten deshalb mit einem schlüssigen und motivierenden Spielprinzip überzeugen“, erklärt Hillen den Grund für die Beliebtheit der Retrospiele.

Prinzip setzt sich fort

Und in der Tat: Vieles, was in den Anfangsjahren der Heimcomputer in den Köpfen der Entwickler entstand, setzt sich im Prinzip bis heute fort. So stehen moderne Videospiele wie Grand Theft Auto oder auch Ego-Shooter-Titel in der Tradition von Jump-and-Run-Klassikern wie Giana Sisters oder Mario Brothers. Und auch Point-and-Click-Adventures wie Maniac Mansion setzen sich fort in modernen Ausführungen. Das Prinzip von Fahrsimulationen wie Test Drive gilt in seinen Grundsätzen bis heute, auch wenn Urururenkel wie „The Crew“ in grafischer Hinsicht Lichtjahre entfernt zu sein scheinen. „Test Drive hatte damals eine wirklich revolutionäre Grafik“, lacht Hillen. „Und das Prinzip des Lenkens nach rechts und links hat sich augenscheinlich ja nicht großartig verändert.“ Hillen, der sich selbst regelmäßig mit onlinebasierten Games die Zeit vertreibt, sieht außerdem im Spiel „Ultima“ einen frühen Vorgänger von heutigen Blockbustern wie „League of Legends“ oder „World of Warcraft“. Und noch ein Grund spricht aus Hillens Sicht für die Retro-Spiele: „Früher konnte man nicht mit toller Grafik ablenken. Das Spiel musste wirklich durchdacht sein und den Spieler fesseln.“

Nostalgische Gedanken

Julia Becker von der Universität Osnabrück sieht noch eine andere Ebene bei der Frage, warum sich die Pixel-Klassiker heute wieder großer Beliebtheit erfreuen. „Die Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit und Kontrolle des eigenen Lebens. Die Technisierung und Komplexität unserer derzeitigen Realität führt dazu, dass sich viele Menschen verunsichert fühlen. Darum sehnt man sich dann nach dem Alten, Einfachen zurück und entwickelt nostalgische Gedanken.“ Die Wissenschaftlerin spricht den nostalgischen Gedanken, die manch einem Spieler vor dem Monitor kommen, sogar eine positive Wirkung zu: „Verschiedene Forscher haben herausgefunden, dass nostalgische Gedanken und Gefühle unseren Selbstwert erhöhen. Und neuere Forschung zeigt sogar, dass Nostalgie uns optimistischer macht, was unsere Zukunft angeht.“

Mike Hillen sieht das Wandeln auf den Retro-Spuren dagegen ganz praktisch. Er hat erst vor Kurzem mit seinen zwei Söhnen den alten C64 wieder aufgebaut, angeschlossen und zum Laufen gebracht. „Das war zwar ziemlich viel Aufwand, aber ich wollte den beiden zeigen, was vor iPad und Co. war.“ Staunend hätten die Jungs zugeschaut, wie ihr Vater die Datasette, eine sehr frühe Form eines Datenträgers, in den Leseschacht geschoben hat. „Gefallen hat es ihnen trotzdem“, so Hillen. Der Spiele-Experte hält die Verfügbarkeit der Klassiker im Internet übrigens nicht nur aus Komfort-Gründen für einen Segen, denn einige seiner alten Datenträger würden langsam den Geist aufgeben. „Im Gegensatz zum Internet sind die vergänglich.“

Vergänglichkeit der Speichermedien

Und weil eben im Internet quasi nichts vergänglich ist, kommen Videospielfreunde mit ein wenig Hang zur Nostalgie jetzt wieder in den Genuss der Retro-Spiele aus der Zeit der überbreiten Jackets, knallbunten Kleidung und der Epoche, als noch der 1. FC Nürnberg und nicht der FC Bayern deutscher Rekordmeister war. Skurrilerweise hat in technischer Hinsicht im NOZ-Test nicht jedes Spiel auf archive.org überzeugt, was möglicherweise daran liegt, dass sich die Plattform noch in der Betaphase befindet. Knifflig bis nervig ist außerdem die Tatsache, dass bei keinem Spiel Anleitungen oder die Tastaturbelegungen vorhanden sind.

Wie Commander Keen oder der persische Prinz gesteuert werden, muss daher erst einmal selbst herausgefunden werden. Aber wen die Pixelbrocken und Überbleibsel aus der Prä-Smartphone-Ära nicht stören, gewöhnt sich auch daran. Es geht schließlich um Nostalgie – und die macht bekanntermaßen optimistisch.


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