Das Jenseits als Begleiter Nino de Angelo: Mir fehlte die starke Hand des Vaters

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Berlin. Er stand schon mehrfach mit einem Bein im Jenseits. Der Song „Jenseits von Eden“ hat Nino de Angelo berühmt gemacht. Eine Vita mit extremen Höhen und ebenso auffälligen Tiefen. In einer gemütlichen Hotelsuite in Berlin plaudert der 51-Jährige über seinen riesigen Erfolg, seine Abstürze, über neue musikalische Ziele und die fehlende starke Hand, die er gerne von seinem Vater gespürt hätte.

Herr de Angelo, der Blick in Ihre Krankenakte macht nachdenklich. Die Mappe ist prall gefüllt.

Ja. 1996 wurde Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Da war ich erst mal bis zum Jahr 2000 ausgeschaltet. Danach folgte eine Blutkrebserkrankung. Die Lymphdrüsengeschichte wurde mit einer Strahlentherapie bekämpft, der Blutkrebs mit einer Chemotherapie – mit allen möglichen Begleiterscheinungen bis hin zur Milzentnahme. Damit nicht genug: Es folgte eine Leukoplakie, die Vorstufe zum Kehlkopfkrebs – dann eine Stimmbandlähmung, nachdem ich an den Stimmbändern operiert worden war. Anschließend konnte ich zwischen 2009 und 2011 nicht singen. Als die Stimme wieder funktionierte, habe ich 2012 das Album „Das Leben ist schön“ aufgenommen – mit großen Hoffnungen, aber leider nur mit mäßigem Erfolg.

In den Jahren der Krankheit war an künstlerische Betätigung überhaupt nicht zu denken, oder?

Wie sollte ich das machen? Das geht gar nicht. Hinzu kamen auch noch Eheprobleme, Scheidung und Privatinsolvenz. Unmöglich, dass man da frei arbeiten und Vollgas geben kann. Es war alles bedrückend und schwierig.

Wie fühlen Sie sich aktuell?

Ich fühle mich total fit. Ich lebe mittlerweile ja auch anders – viel ruhiger, weil ich auch weiß, dass ich anfällig für Krankheiten bin.

Und Sie rauchen. Was sagen die Ärzte dazu?

Mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt sieht das nicht gerne. Er sagt schon lange, dass ich damit aufhören solle. Ich reduziere es ja auch. Klar, ich müsste eigentlich aufhören, aber im Moment verursacht mir das zu viel Stress.

Verspüren Sie Angst, dass Sie eine erneute schwere Erkrankung wieder aus der Bahn werfen könnte?

Man kann nie sicher sein. Aber ich denke, wenn ich im Privatleben zufrieden und glücklich bin, dann bin ich nicht so anfällig. Vieles ist meiner Meinung nach seelisch bedingt. Und dafür muss man auch etwas tun.

Ich habe gelesen, dass Ihr größtes Ziel ein Leben ohne Sorgen sei...

Ja. Sorgen sind ja auch eine Art von Angst. Die Angst behindert nur – und ich hatte sehr oft Angst im Leben. Ich fühle mich derzeit wirklich sehr stark und bin gerüstet für alles, was kommt.

Hat es in den vergangenen Jahren Phasen gegeben, in denen Sie den Tag verflucht haben, als Sie den Karriereweg als Musiker eingeschlagen haben?

Nein, die hat es noch nie gegeben. Vielleicht habe ich mal an einen ganz normalen Job im stinknormalen bürgerlichen Leben gedacht. Aber ich könnte jetzt nicht einfach aufhören und in einen normalen Job wechseln. Wie soll denn das gehen? Musik ist einfach mein Leben, meine Passion. Ich glaube schon, dass ich mit meiner Karriere noch sehr viel Spaß haben werde.

Die Schauspielerei wäre auch keine Option? Ihr bürgerlicher Name Domenico Gerhard Gorgoglione wäre für einen Schauspieler doch passend.

(schmunzelt) Der Name klingt gut, aber ich bin kein gelernter Schauspieler. Ich weiß, dass ich ein guter Musiker und Sänger bin.

Mit Ihrem Song „Jenseits von Eden“ wurden Sie 1983 von einem auf den anderen Tag berühmt. Sie wurden als der deutsche James Dean gehandelt – und Sie spielten „wilde Sau“.

Ich war nicht bodenständig. Das habe ich auch nicht gelernt. Ich hatte nicht die Erfahrung, wie man an dem Punkt vernünftig weitermacht. Mit besseren Beratern damals wäre ich sicher viel weiter gekommen. Mein Weiterentwicklungsprozess hat ja viel zu spät angefangen. Ich würde heute vieles anders machen, wenn ich jetzt gerade einen Hit wie „Jenseits von Eden“ hätte.

Sie waren damals aber auch beratungsresistent.

Ja, weil ich eine sehr starke eigene Überzeugung habe. Wenn mich die Meinung meines Beraters nicht überzeugt, dann ist es schwierig, mich zu beraten. Das ist leider so. Aber ich bin, wie ich bin, da kann ich nicht aus meiner Haut.

Und leider ohne die erwähnte Bodenhaftung.

Ja. Ich kannte kein bodenständiges Familienleben. Meine Kindheit hat mich nicht in diese Richtung geprägt. Als sich meine Eltern scheiden ließen, war ich acht Jahre alt. Mir hat zum Beispiel dieses typische Vater-Sohn-Verhältnis gefehlt.

Das Urvertrauen, das ein Kind braucht?

Richtig. Dass dir dein Vater mal erklärt, wie das Leben funktioniert. Solch eine starke Hand hätte ich mir sehr gewünscht. Auch in Zeiten meines großen Erfolgs. Stattdessen hatte ich überwiegend Leute um mich herum, die mir auf die Schulter geklopft haben. Natürlich bin ich größtenteils selbst daran schuld, dass ich mich damals auf meinen Lorbeeren und die Millionen von verkauften Platten ausgeruht habe. Dann ist der Schuss irgendwann nach hinten losgegangen.

Sie wollten seinerzeit ja auch das Image des Schlagersängers abschütteln.

Stimmt. „Jenseits von Eden“ war ein hervorragender Song. Aber danach hat die Qualität der Songs unheimlich nachgelassen. Ich habe mich nicht weiterentwickelt. Es dümpelte alles vor sich hin. Vielleicht hätte ich nach „Jenseits von Eden“ ruhig auch mal eine Auszeit nehmen müssen. Niemand hatte den Mut, aus mir einen Tournee-Künstler mit entsprechender Live-Band zu machen. Stattdessen hat man mich auf Tingeltour mit Halbplayback durch Discos geschickt. Ich hatte leider nicht die Erfahrung und konnte nicht „Stopp“ sagen.

Zurück in die Gegenwart: Mit Ihrem neuen Album starten Sie einen neuerlichen Comeback-Versuch ...

Von Comeback-Versuchen würde ich gar nicht reden. Ich war ja eigentlich immer nur krankheitsbedingt ausgeschaltet. Zwischendurch konnte ich nicht arbeiten, weil ich krank war. Die längste Phase ohne Album war sieben Jahre lang. Das war alles gar nicht so einfach – nicht nur, weil es auch wirtschaftlich den Bach runterging. Um auf die erwähnten Comeback-Versuche zurückzukommen: Ich würde eher sagen, dass ich lange nicht mehr richtig erfolgreich war. Richtigen Erfolg hatte ich zum letzten Mal 1989/1990 mit Produzent Dieter Bohlen und den Top-10-Hits „Samurai“ und „Flieger“.

Würden Sie Ihr neues Album „Meisterwerke – Lieder meines Lebens“ mit zwölf Coversongs als letzten musikalischen Versuch bezeichnen?

Nein. Es gibt immer wieder neue Chancen. Der Ofen wäre dann noch lange nicht aus. Aber das Album wird nicht floppen, dafür ist es viel zu gut. Die Songs sind wie eine musikalische Autobiografie. Jeder Song reflektiert ein Stück meines Lebens. Zwölf Lieder aus fünf Jahrzehnten. Songs, die noch nicht oft oder gar nicht gecovert wurden.

Sie covern zum Beispiel den Neue-Deutsche-Welle-Klassiker „Goldener Reiter“ von Joachim Witt. Ein Lied über einen Menschen, der wegen Schizophrenie in die Psychiatrie eingewiesen wird – „An der Umgehungsstraße, kurz vor den Mauern unserer Stadt, steht eine Nervenklinik, wie sie noch keiner gesehen hat...“

Das sind Situationen aus meinem Leben: ganz oben, ganz unten, Absturz, Kokainmissbrauch, Suizidversuche, Depressionen. Ich kenne das alles ganz gut, was ich da singe.

„Der Spieler“ von Achim Reichel ist ein weiterer Song auf dem Album. Ebenfalls sehr autobiografisch, oder?

Ja. Dieser Wahnsinn, dem man verfällt.

Wissen Sie noch, wie viel Geld Sie damals verzockt haben?

Keine Ahnung. Ich hatte damals oft mein Limit überschritten – und das hat finanziell schon sehr wehgetan. Wenn man verloren hat, sollte man dem Verlorenen nicht hinterherrennen. Das ist letztlich das, was einen ruinieren kann.

Waren Sie spielsüchtig?

Nein. Ich war weder spiel- noch alkohol- und drogensüchtig. Die Grenzen zwischen Genuss und schädlichem Gebrauch waren leider manchmal fließend. Das tat und tut mir nicht gut.

Würden Sie Ihren beiden Kindern raten, eine musikalische Karriere einzuschlagen?

Nö, würde ich nicht. Ich würde es nur unterstützen, wenn sie ein außergewöhnliches musikalisches Talent hätten. Solche Talente haben sie jedoch nicht. Diese Frage stellt sich also nicht. Ich bin froh, dass sie beide im Bereich Grafikdesign Fuß fassen wollen. Meine Tochter ist fertig, die hat ihr Diplom gemacht. Mein Sohn studiert noch.


Nino de Angelo wird am 18. Dezember 1963 in Karlsruhe geboren. Sein bürgerlicher Name: Domenico Gerhard Gorgoglione. Der Sohn des italienischen Gastarbeiterehepaars Stella und Pietro Gorgoglione wächst in Bretten bei Karlsruhe auf. Anfang der 1970er-Jahre lassen sich seine Eltern scheiden. Der kleine Domenico zieht mit seiner Mutter nach Köln. Dort macht er einige Jahre später zunächst auf sein sportliches Talent aufmerksam – und wird westdeutscher All-Style-Karate-Jugendmeister. Karriere will er jedoch als Musiker machen. Anfang der 1980er-Jahre erhält er seinen ersten Plattenvertrag. Unter dem Namen „Nino“ fährt er nur sehr mäßige Erfolge ein. Als Nino de Angelo gelingt ihm 1983 der Durchbruch – mit dem von Drafi Deutscher komponierten Song „Ich sterbe nicht noch mal“. Kurze Zeit später schneidern Drafi Deutscher und Joachim Horn-Bernges für den Jungstar den Superhit „Jenseits von Eden“. Nino de Angelo hat mit diesem Song gigantischen Erfolg (natürlich auch in der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck). In den Jahren danach gelingt es ihm jedoch nie, an diesen Erfolg anzuknüpfen. Versuche, die Musikrichtung zu wechseln, scheitern. Die Songs werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Nino de Angelo hält sich mit kleineren Rollen als Schauspieler (zum Beispiel in der RTL-Soap „Unter uns“) oder als wenig erfolgreicher Rennfahrer über Wasser. Krankheiten und eine Privatinsolvenz werfen ihn immer wieder zurück. Unter den Fittichen des Helene-Fischer-Managers Uwe Kanthak startet er aktuell einen künstlerischen Neuanlauf. Nino de Angelo ist zum vierten Mal verheiratet. Aus seiner ersten Ehe gehen zwei Kinder hervor. al

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