Lieblinge unserer Kritiker Fernsehen kann so schön sein: Die TV-Highlights 2014



Osnabrück. Es war einmal mehr ein bewegtes Fernsehjahr. Hier lesen Sie, welche Sendungen in den Augen der Kritiker unserer Redaktion die TV-Highlights 2014 waren.

Tatort: Im Schmerz geboren (ARD): Es begann wie in einem Italo-Western mit einem tödlichen Treffen am lichtflirrenden Bahnhof und entwickelte sich zu einer Moritat für die vielen Toten der Handlung. Der HR-Tatort „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur um die Rache am Verrat einer Freundschaft war das wohl Sonderbarste und Wunderbarste, was das deutsche Fernsehen 2014 zu bieten hatte. Anspielungen an Meisterwerke der Literatur, des Kinos und der Popkultur sorgten knapp 90 Minuten lang für so viel Staunen, wie es sich beim oftmals braven Sonntagskrimi selten entwickelt. Große Kunst.Corinna Berghahn

Die Bio-Illusion (Arte): Es war reichlich bitter, diesen Beitrag zu schauen: Das Team um den Filmemacher Christian Jentzsch hat aufgezeigt, dass mit Bio-Siegeln inzwischen weltweit Schindluder getrieben wird. Viele Unternehmen sind auf den Zug aufgesprungen, um größtmögliches Kapital für sich herauszuschlagen. Mit Bio und Umweltschutz hingegen haben sie nichts zu tun. Der Beitrag wurde von einigen Seiten kritisiert, als reißerisch oder einseitig dargelegt. Dabei ist es wichtig, Widersprüche und falsche Deklarationen aufzudecken, damit solche Siegel dauerhaft für wirkliche Bio-Qualität stehen können.

Marie-Luise Braun

Das Zeugenhaus (ZDF): Manchmal nerven die vielen Filme zum Nationalsozialismus, manchmal sind aber auch Perlen dabei. Wie „Das Zeugenhaus“, fast ein Kammerspiel, das die meiste Zeit in einem einzigen Haus spielte. Zeugen der Nürnberger Prozesse waren dort untergebracht, Täter wie Opfer. Hochkarätige Schauspieler (Iris Berben, Edgar Selge, Tobias Moretti, Gisela Schneeberger, Matthias Brandt) brachten Fragen von Schuld und Unschuld ins Wort, vom Überleben auf Kosten anderer und vom Wegschauen. Und in der anschließenden Doku über das „echte“ Zeugenhaus konnte man lernen, was wahr war an dem Film – es war erstaunlich viel.

Susanne Haverkamp

Walulis sieht fern (Eins plus): Philipp Walulis gelingt immer wieder ein lockerer, aber stets entlarvender Blick tief in den Bildschirm hinein. Ob Kochsendungen oder Gameshow, ob Öffentlich-rechtlich oder Privatfernsehen: Hier bekommt das Medium 30 Minuten lang das Fett ab, dass es verdient hat. Köstlich-kompetente Analysen ganz nach Walulis’ Motto: Fernsehen macht blöd, aber auch unglaublich viel Spaß.Tom Heise

Der Banker – Master of the Universe (Arte, ARD): Man nehme ein leer stehendes Bankgebäude als Kulisse und lasse darin einen der ehemals führenden Investmentbanker Deutschlands über Banken, Märkte und deren Akteure reden. Filmautor Marc Bauder hat daraus einen anderthalb Stunden langen Monolog extrahiert, der nicht nur erstaunliche Hintergründe aus der Parallelwelt der Hochfinanz offenlegt, sondern auch spannender als jeder Thriller ist. Pflichtfilm für alle, die irgendwas mit Wirtschaft machen. Frank Jürgens

Kommissarin Heller (ZDF): Sie liebt einen Fisch, und ihr Nachname klingt wie ein echter – Kommissarin Heller ist in vielem nicht wie ihre Kolleginnen. Lisa Wagner gibt ihr ein sympathisches und zugleich undurchschauba-res Gesicht, die Romanvorlagen von Silvia Roth liefern Stoff für dichte Figurenzeichnung, und das ZDF zeigte so viel Vertrauen, dass es ohne Quotenparanoia gleich drei Folgen produzieren ließ - mehr von alldem bitte, auch 2015. Marcel Kawentel

Der Rücktritt (Sat1): Kai Wiesinger glänzte als Bundespräsident Wulff in der schlimmsten und finalen Phase seiner Amtszeit. Selten, vielleicht noch nie hat man bei einem Privatsender ein derart starkes Dokudrama gesehen. Der Lohn waren – schwache Quoten. Was sagt uns das? Joachim Schmitz

Endlich Deutsch (WDR): Wenn nur zehn Prozent des Programms der Öffentlich-rechtlichen das Niveau von „Endlich Deutsch!“ erreichen würde, dürfte sich niemand über die Rundfunkge-
bühr beschweren. So aber kommt der Kritiker zu dem Urteil: Unter den fiktionalen Formaten war die vierteilige Mockumentary über einen Einbürgerungskurs mit weitem Abstand das Beste, was es 2014 zu sehen gab. Wie sich da ein Haufen toller Schauspieler unter der Leitung von Mastermind Lutz Heineking jr. in halb-improvisiertem Spiel Stereotype um die Ohren gehauen hat – fan-tas-tisch!

Hendrik Steinkuhl

Es werde Stadt! (WDR): Der Essayfilm von Martin Farkas und Dominik Graf beleuchtete den Zustand des Fernsehens. Anlass war das 50-jährige Bestehen des Grimme-Preises. Dabei berichtet der Film nicht nur vom Niedergang des Austragungsortes Marl, sondern auch vom wachsenden Quotendruck, und wie Redundanz immer mehr über Relevanz siegt. Eine verspielt erzählte Analyse, mal wieder versendet um Mitternacht. Wie so viele andere TV-Schätze auch, die wegen Pilcher und Pilawa an den Rand gedrängt werden.

Tobias Sunderdiek


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