Familiäre Wurzeln in Osnabrück „Mister Brüssel“ Udo van Kampen geht in den Ruhestand

Von Reinhard Lüke

19 Jahre lang hat Udo van Kampen für das ZDF aus Brüssel berichtet und komplizierte Sachverhalte verständlich dargestellt. Nun geht er in den Ruhestand. Foto: Imago19 Jahre lang hat Udo van Kampen für das ZDF aus Brüssel berichtet und komplizierte Sachverhalte verständlich dargestellt. Nun geht er in den Ruhestand. Foto: Imago

Köln/Brüssel. Nach 19 Jahren in Brüssel geht ZDF-Korrespondent Udo van Kampen zum Jahreswechsel in den Ruhestand. Doch die EU wird „Mister Europa“ auch in Zukunft beschäftigen.

Manche Bundesbürger um die 30 könnten der Meinung sein, der Korrespondentenplatz des ZDF in Brüssel sei wie das Papstamt ein Job auf Lebenszeit. Schließlich hat für sie aus der belgischen Metropole eigentlich immer nur Udo van Kampen über die EU berichtet. Insgesamt 19 Jahre lang. Doch Ende des Jahres geht der „Mister Europa“ des Zweiten in den Ruhestand und übergibt seinen Job an Anne Gellinek , die aus Moskau nach Brüssel wechselt.

Ohne Wehmut

Wenige Tage vor seinem Ruhestand zeigt sich van Kampen im Gespräch mit unserer Redaktion ohne erkennbare Wehmut. Dabei hat der gebürtige Pfälzer, dessen Familie aus Osnabrück stammt, eigentlich sein ganzes Berufsleben in Diensten des ZDF verbracht. 1976 wurde er Redakteur beim Wirtschaftsmagazin „Bilanz“, hob später Nachfolgeformat „Wiso“ mit aus der Taufe, ging 1987 erstmals nach Brüssel und übernahm fünf Jahre später die Leitung des dortigen Studios. Ein Job mit sehr speziellen Anforderungen. „Die EU ist“, so van Kampen, „mit ihren inzwischen 28 Mitgliedsländern nun mal ein sehr komplexes Gebilde, in dem sich die vielfältigen Entscheidungsprozesse nicht immer so einfach darstellen lassen. Dass die EU von vielen Bürgern immer noch in erster Linie als Bürokratiemonster wahrgenommen wird, ist schade. Aber das will die neue EU-Kommission unter Jean Claude Juncker ändern: über 80 Richtlinien und Verordnungen sollen ersatzlos gestrichen werden.“ Er habe immer versucht, das Positive an der Europapolitik herauszustellen, betont van Kampen, „denn die Europäische Union ist mehr als Normen und Regulierung, sie ist das größte Friedensprojekt Europas“.

Wo man als Korrespondent in anderen Hauptstädten auf ein überschaubares Netzwerk an nationalen Politikern zurückgreifen kann, gestalten sich in Brüssel die persönlichen Kontakte zu den Vertretern aus all den Nationen vergleichsweise schwierig, sind aber für van Kampen dennoch unverzichtbar: „Ein gutes Netzwerk braucht jeder Journalist in Brüssel. Gute Kontakte habe ich immer gepflegt, und das parteiübergreifend. Mir war zum Beispiel immer wichtig, mich mit Parlamentariern aus Polen und den baltischen Staaten zu treffen, weil die natürlich einen ganz anderen Blick auf Europa haben als wir Deutsche. Ich wünsche mir ein europäisches – und kein deutsches Europa.“ Dabei hat sich während der langen Berufsjahre des ZDF-Journalisten nicht nur Europa, sondern auch seine tägliche Arbeit vor Ort Dimensionen angenommen, die er sich bei seinem Amtsantritt nicht hätte träumen lassen.

„Die Europäische Kommission hat sich“, so der 65-Jährige, „mit der Osterweiterung rasant verändert. Als ich 1987 zum ersten Mal als Korrespondent nach Brüssel kam, gab es gerade zwölf Mitgliedsländer. Es ging in vielerlei Hinsicht noch recht beschaulich zu. Inzwischen hat sich unsere Arbeit aber auch durch die Entwicklung der Medien stark verändert. Heute dreht sich fast alles nur noch um Geschwindigkeit. Die Taktfrequenz ist weitaus höher als früher. Was dem Journalismus nicht immer guttut.“

Neben der nahezu täglichen EU-Berichterstattung ist das ZDF-Studio in Brüssel aber auch für die Innenpolitik und andere Ereignisse in Belgien, Holland und Luxemburg zuständig. Doch dazu ist Udo van Kampen, wie er einräumt, in all den 19 Jahren eigentlich nie gekommen: „Für Berichte über Land und Leute fehlte mir in Krisenzeiten einfach die Zeit. Und für die Königshäuser in Belgien und den Niederlanden haben wir eine Kollegin in unserem Studio, die sich mit solchen Dingen weitaus besser auskennt als ich.“

Den Verdacht, er sei während seiner gesamten Amtszeit aus Brüssel kaum herausgekommen, will der Journalist nicht auf sich sitzen lassen: „Unterwegs war ich wahrlich genug. Ich bin zu den Treffen der Finanz- und Außenminister in den jeweiligen Präsidentschaftsländern gereist, habe über die G-8- und G-20-Treffen der Staats- und Regierungschefs, wie zuletzt in Brisbane, berichtet und bin einmal im Monat nach Straßburg zu den Sitzungen des Europaparlaments gefahren. Das war mir sehr wichtig, denn das Europaparlament hat enorm an Einfluss und Macht gewonnen, und es ist die einzige demokratisch legitimierte Institution in der EU.“

Aber es ist ja auch nicht so, dass Udo van Kampen sein gesamtes Journalistenleben in Brüssel verbracht hätte. Ab 1995 leitete er acht Jahre lang das ZDF-Studio in New York und erlebte die Anschläge des 11. September hautnah mit . „Diesen Tag“, so erinnert er sich, „vergisst kein Journalist, der damals vor Ort war. Wir waren ja praktisch rund um die Uhr live auf Sendung. Das bleibt eindeutig die prägendste Erfahrung meiner journalistischen Laufbahn,“ sagt van Kampen.

An ein anderes Datum möchte er hingegen am liebsten gar nicht mehr erinnert werden. Am 17. Juli 2014 erhob sich während einer nächtlichen Pressekonferenz mit Angela Merkel in Brüssel Udo van Kampen und sang der Kanzlerin ein Ständchen, die an diesem Tag Geburtstag hatte.

Merkel reagierte irritiert bis amüsiert, und van Kampens Journalisten-Kollegen schwiegen beharrlich, obwohl er sie zum Mitsingen aufgefordert hatte. Der Solo-Sänger mag dazu heute nichts mehr sagen. „Kein Kommentar“, bescheidet er knapp, setzt dann aber doch hinzu: „Ich habe mich schon gewundert, dass alle meine Kollegen derart schlecht bei Stimme waren.“

Da seine überraschende Gesangseinlage auf den gängigen Videoplattformen ausgiebig dokumentiert ist, wird es Udo van Kampen wohl nicht erspart bleiben, auch im Ruhestand noch auf dieses journalistisch eher unbedeutende Ereignis angesprochen zu werden.

Hat er konkrete Pläne für die Zeit nach dem ZDF? Vielleicht ein Buch schreiben oder sich wieder hinter das Schlagzeug setzen? Schließlich war er einst Mitglied einer Formation namens „Moodies“. „Nein, nein“, wehrt van Kampen ab. „Meine Aktivitäten als Schlagzeuger liegen schon lange zurück. Das war während meiner Schulzeit in Mainz, wo wir uns mit unserer Band am Wochenende ein paar D-Mark dazu verdient haben.“ Sein neues Thema wird das alte sein: „Europa wird mich auch nach meiner aktiven Zeit beim ZDF nicht loslassen. Ich werde von Brüssel nach Berlin umsiedeln, weil da zwei meiner Töchter wohnen – und Rosen schneiden werde ich mit Bestimmtheit nicht.“


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