„Derrick“ kostete Hollywood-Karriere Um Himmels Willen: Fritz Wepper will Methusalem spielen



München. 70 Auftritte in „Der Kommissar“, 281 Folgen „Derrick“ mit Ausstrahlungen in über 100 Ländern der Erde, im Januar die 14. Staffel von „Um Himmels Willen“, wovon es am ersten Weihnachtstag das 90-minütige Special „Das Wunder von Fatima“ zu sehen gibt: Fritz Wepper ist lebende Fernsehlegende. In München unterhalten wir uns aber auch über seine schönsten Weihnachten als Kind und seine heute gerade mal dreijährige Tochter:

Herr Wepper, welche Erinnerungen haben Sie an die Weihnachtsfeste Ihrer Kindheit?

Es war vor allem traditionsgebunden und familiär. Wir hatten immer einen wunderschönen Weihnachtsbaum, es gab eine Krippe, die jetzt im Besitz meines Bruders ist. Und es gab immer einen Kinderbaum mit herrlichen Kugeln dran. In dieser Tradition hat sich bei mir bis heute nichts verändert.

Verreisen, in die Wärme fliegen ist für Sie zu Weihnachten also kein Thema?

Überhaupt nicht, ich bin noch nie über Weihnachten von zu Hause weg gewesen. Das kann ich gar nicht. Weihnachten ist für mich schon sehr münchnerisch, bayerisch. Am Tegernsee hatten wir meistens den Vorteil, weiße Weihnachten zu haben, auch wenn es in diesem Jahr nicht danach aussieht. Ich bin ein großer Anhänger von Bing Crosbys „Dreaming of a White Christmas“ – in diesem Jahr bleibt es wohl dabei, davon zu träumen. Aber dann mache ich die Augen zu und kann mich an so viele weiße Weihnachten erinnern, dass mir das überhaupt nichts ausmacht.

Was war Ihre schönste Kinder-Weihnacht?

Ganz besonders erinnere ich mich an ein Weihnachten, das sehr pompös war. Das war 1947, ich war sechs Jahre alt und bekam das erste Paar Skier, mit Klappbindung und Haselnussstöcken. Dazu gab es lammfellgefütterte Lederfäustlinge, das war damals absoluter Luxus. Damit sind mein Bruder und ich in den Nymphenburger Park, haben an diesem Pilzhügel die Stöcke wie Slalomstangen in den Schnee gesteckt und sind hindurchgerutscht.

Wenn Sie damals sechs waren, dann war Ihr Bruder Elmar ja erst drei.

Ja, stimmt. Er kam eigentlich immer in den Genuss, etwas früher dabei zu sein, weil ich sein älterer Bruder war.

Sie haben als Neunjähriger in Kindersendungen des Bayerischen Rundfunks mitgewirkt.

Das stimmt nicht, auch wenn es immer wieder erzählt und geschrieben wird. Als Kinder waren mein Bruder und ich im Marionetten- und im Kasperl-Theater. Und für mich war der große Einblick in die Theaterwelt der „Zar und Zimmermann“ im Prinzregenten-Theater. Das war unglaublich beeindruckend und prägend. Zwei Jahre später, damals ging ich in die erste Klasse des Gymnasiums, kam ein Professor Friedrich Eichler und fragte: Wie alt bist du, und wo wohnst du? Das war derjenige, der auch Isa und Jutta Günther 1950 für die Verfilmung von „Das doppelte Lottchen“ entdeckt hatte. Damals habe ich dann angefangen, Theater zu spielen, mein erster Auftritt war mit elf in „Peter Pan“.

Wie ist dieser Professor Eichler denn überhaupt auf Sie gekommen? Damals gab’s doch noch keine Kinder-Castings.

Ich war ein bisschen auffällig, weil ich ziemlich rothaarig war. Man könnte auch sagen: Pipi Langstrumpf war im Vergleich zu mir blond. Dazu war ich mit Sommersprossen übersät, das hat ihn wohl aufmerksam gemacht. Ich wurde dann ins Brunnenhof-Theater geholt, weil das nebenan liegende Residenz-Theater zerbombt war. Wir sind vor der Vorstellung von „Peter Pan“ über Schutthaufen geklettert, das war abenteuerlich. Hans Clarin war damals der Peter Pan, alternierend mit Gertrud Kückelmann, und ich war einer der verlorenen sieben Jungs, Michael Hinz war übrigens einer der anderen.

Wie ging’s weiter auf der Karriereleiter?

Ich habe viele Jahre am Theater der Jugend gespielt, von „Pünktchen und Anton“ bis „Robinson soll nicht sterben“. Das war für mich bewegendes Theater. 1956 kam dann das erste Fernsehspiel – live, das muss man sich heute mal vorstellen. Das war eine echte Pioniertat.

Wissen Sie noch, wie es hieß?

„Das Abschiedsgeschenk“. Ich hatte keine feuchten Hände, sondern Pfützen in den Händen. Es wurden die Nachrichten gezeigt, dann sind die Kameras in ein größeres Atelier rübergefahren worden, im Fernsehen gab’s fünf Minuten Pause. Eine Kollegin sagte: Wenn ich mich verspreche, dann macht bitte eine Sendepause. Und dann musste ich als 15-Jähriger das Stück anfangen.

Ihr Durchbruch?

Noch nicht. Später haben dann mein Bruder und ich bei Trude Kolman im Theater „Die kleine Freiheit“ gespielt: „Eskapade“. Sie hat an diesem Abend kein Kabarett gemacht, sondern sich mit den politischen Unruhen in Ungarn beschäftigt. Von den Kritikern wurden wir beide gelobt, und das wurde dann auch noch bestätigt von keinem Geringeren als Bernhard Wicki. Drei Jahre später gab es dann Probeaufnahmen für „Die Brücke“, und da sagte Wicki zu mir: Fritz, du hast die Rolle schon, auch wenn du jetzt noch mal daran teilnehmen musst.

Sie kamen ja nicht gerade aus einer Schauspielerdynastie, und dennoch hat Ihr Bruder eine ganz ähnliche Karriere durchlaufen wie Sie. Das kann doch kein Zufall sein.

Ich habe ihn schon mehr oder weniger auf dem Gewissen. Trudi Kolman suchte damals ein Bruderpaar für dieses Stück „Eskapade“, ich habe den Elmar dann angeschleppt, und seitdem haben wir beide Theater gespielt. Später hat Elmar dann im „Kommissar“ meinen Part übernommen, als ich zu „Derrick“ ging. Und dann haben wir jahrelang die Reihe „Zwei Brüder“ gedreht. Er als Kommissar mit einem Alkoholproblem und ich als zielstrebiger Staatsanwalt. Das war schon toll.

Sie hatten offenbar nie einen anderen Berufswunsch als den, Schauspieler zu werden.

Wunsch wäre zu viel gesagt. Ich war seit meinem elften Lebensjahr zwar mittendrin in der Schauspielerei, aber ich habe das aus Spaß gemacht. Damals hatte ich aber noch gar nicht dieses Berufsbild vor Augen. Wobei: Als ich zum ersten Mal von einer Kollegin von Ihnen interviewt wurde – ich war damals elf – und sie mich fragte „Seit wann willst du denn Theater spielen?“, habe ich gesagt: Ich wollte immer schon zum Theater. Dieses „schon immer“ hat sie dann in Anführungszeichen gesetzt. So viel habe ich damals schon verstanden, dass die mich jetzt nicht ganz ernst genommen hat. Aber es war tatsächlich so: Nachdem ich diese Premiere von „Zar und Zimmermann“ gesehen hatte, gab es für mich nichts anderes, als dass ich in diese Welt hineintauchen möchte, in der es so tolles Licht gibt, in der gesungen und getanzt wird.

Jahre später, 1972, hatten Sie dann mit Liza Minelli „Cabaret“ gedreht und in Hollywood einen Fuß in der Tür. Warum ist es dazu dann doch nicht gekommen?

Ich war zur Oscar-Verleihung eingeladen, aber unser damaliger „Derrick“-Produzent hat mich nicht gehen lassen. Er sagte sogar: Solche Filme solltest du nicht machen. Das war ein Witz, total daneben. Später war ich dann bei MCA in New York, die mir zwei Filme vorschlugen, einen in Kanada, einen in den USA, zudem ein Theaterstück am Broadway. Da saßen dann acht Anwälte um mich herum, und ich sagte: Ich habe dieses Jahr noch einen Vertrag bei „Derrick“ und eine Option für nächstes Jahr. Hätte ich diese Option nicht gehabt, wäre alles okay gewesen – so aber habe ich den härtesten Satz gehört, den ich in meiner Laufbahn vernehmen musste: „Fritz, forget it.“ Das war’s.

Haben Sie es jemals bereut?

Ich kann ja nichts bereuen, was nicht zustande gekommen ist. Natürlich hätte ich es gerne gemacht, ich war damals gerade mal 33. Jung, neugierig und hatte Amerika schon mal kennengelernt. Ich war fünf Tage in New York und wurde rumgereicht von einer Talkshow in die nächste Radioshow. Ich habe es nicht bereut, aber ich habe es bedauert. Auf der anderen Seite: Welche Rollen hätte ich da als Ausländer bekommen? Hier in Deutschland hatte ich „Derrick“, später „Um Himmels Willen“ und „Mord in bester Gesellschaft“. Eigentlich bin ich hier doch optimal bedient. Also: Kein Grund zur Beschwerde.

Sie verstehen sich ja auch als Komödiant. Weihnachten wird man Sie im Special von „Um Himmels Willen“ in Weihnachtsmann-Kostüm sehen. Ist das Ihre Art von Humor?

Das ist nicht unbedingt der Komödiant, den ich meine. Aber ich habe ja schon gewisse Erfahrungen als Weihnachtsmann, und das tue ich gerne, auch wenn wir uns den Sendetermin am ersten Weihnachtstag mit Helene Fischer im ZDF teilen müssen.

Sind Sie ein Schauspieler, der gerne in einer Rolle verhaftet?

Das kann man so nicht sagen. Aber meine Grundeinstellung ist es, verlässlich zu sein. Als ich für die ersten Folgen des „Kommissars“ unterschrieben habe, wusste ich ja nicht, dass es in der Rolle des Harry Klein 29 Jahre werden. Aber ich brauche eigentlich keine Verträge – wenn ich einmal „Ja“ gesagt habe, dann stehe ich zu meinem Wort.

Kann ich daraus schließen, dass es in „Um Himmels Willen“ noch lange „wöllern“ wird?

Mein Ziel ist es, Methusalem zu spielen. Es macht uns allen einfach großen Spaß. Bei „Derrick“ war die Verabredung mit Tappert, dass wir in dem Moment aufhören, in dem einer von uns die Sache krankheitsbedingt nicht mehr bedienen kann. Das haben wir auch so eingehalten, und das war gut so.

Götz George hat kürzlich seinen Rückzug vom Filmgeschäft verkündet – für Sie ist das kein Thema?

Götz war immer schon eigen. Ich schätze ihn als Kollegen sehr, und deshalb bedauere ich auch seine Entscheidung, sich dem Film quasi zu entziehen. Aber auch das muss man respektieren. Für mich ist das kein Thema, solange ich gesund bin. Dafür macht mir der Beruf zu viel Freude.

Zum Wöller ist vor ein paar Jahren die Figur des Psychiaters Wendelin Winter in „Mord in bester Gesellschaft“ hinzugekommen.

13 Folgen sind es mittlerweile. Und da hat sich durch den Wechsel der Autoren einiges geändert. Die Folge „Die Täuschung“, die Sie am 15. Januar sehen können, finde ich zum Beispiel mehr als sehenswert. Die kann ich nur aufs Spannendste empfehlen. Und jetzt haben wir gerade „Das Scheusal“ gedreht, allein die Teilnahme und mein Bauchgefühl lassen nur das Beste erhoffen.

13 Folgen „Mord in bester Gesellschaft“ heißt auch 13 gemeinsame Filme mit Ihrer Tochter Sophie. Können Sie da die Vaterrolle loslassen und Ihre Tochter als Kollegin ansehen, die ja im Film auch Ihre Tochter spielt?

Mittlerweile gibt es ja eine ganz andere Augenhöhe. Als wir angefangen haben, war Sophie Anfang 20, mittlerweile ist sie eine erwachsene Frau. Aus meiner Sicht war immer auch ein betreuendes Auge und Verständnis dabei. Inzwischen aber würde und darf ich ihr auch gar nicht irgendetwas vorschlagen. Das gebietet sich nicht ihr gegenüber als Kollegin. Das muss ein Vater auch erst mal lernen. Das Einzige, was geblieben ist, ist das Wort „Papi“. Und wenn wir uns umarmen, ist das kein gespieltes, sondern ein echtes Umarmen. Das sind die beiden Pfeiler unserer Beziehung.

Haben Sie die Anrede „Papi“ aus dem wirklichen Leben in den Film transportiert?

Den „Papi“ gab’s natürlich vorher schon. Im Drehbuch stand anfangs „Papa“, aber das wäre ein anderer Vater als der, der ich bin. Den „Papi“ kenne ich in ganz vielen kleinen Momentaufnahmen und ganz vielen Variationen.

Mittlerweile raten ja sogar erfolgreiche Schauspieler ihren Kindern von diesem Beruf ab, weil sich die Situation für viele Kollegen dramatisch verschlechtert hat. Sie gehören offenbar nicht dazu.

Ich habe ihr immer gesagt: Du hast ja verschiedene Optionen – mach das, was dir am meisten Spaß macht. Und genau das tut sie. Ich würde niemals in ihre Wunsch- und Gedankenwelt mit irgendwelchen Streichungen eingreifen. Sie ist schließlich eine erwachsene Frau, um die ich mir keine Sorgen machen muss.

Ihre jüngste Tochter ist gerade mal drei. Wenn sie 18 ist und vielleicht ihr Abi und den Führerschein macht, werden Sie 88 sein.

Hoffentlich (lacht).

Ist der Altersunterschied kein Problem für Sie?

Warum? Ich bin meiner Tochter so nahe, sie hat sogar meinen Humor geerbt.

Wie äußert sich dieser spezielle Wepper-Humor?

Vor Kurzem wurde sie gefragt, wie alt sie sei, und sie antwortete: drei. Daraufhin hat ihre Mutter gesagt: Du bist doch noch keine drei. Wenn sie jetzt nach ihrem Alter gefragt wird, antwortet sie: Noch keine drei. Was sie auch gerne sagt, ist: Das geht doch gar nicht (lacht). Wir beide verstehen uns wie Vater und Tochter.

Verraten Sie zum Schluss noch Ihren Herzenswunsch zu Weihnachten?

Weihnachten sollte man als Familienfest und als ein Fest des Friedens begreifen und zulassen. Das wünsche ich allen Menschen und auch mir.

Fritz Wepper

wird am 17. August 1941 in München geboren, drei Jahre später kommt sein Bruder Elmar auf die Welt, der später ebenfalls Karriere als Schauspieler machen wird. Sein Vater ist Jurist, gilt ab 1944 als in Russland vermisst und kehrt nicht aus dem Krieg zurück.

Die Brüder begeistern sich früh fürs Theater, sein Bühnendebüt gibt Fritz 1952 in „Peter Pan“ am Staatstheater. Ersten internationalen Ruhm erlangt er 1959 in Bernhard Wickis Antikriegsfilm „Die Brücke“, für die Rolle in dem Film „Unternehmen Reiher“ (1964) erhält er den Bundesfilmpreis. 1972 verbucht er an der Seite von Liza Minnelli und Michael York in dem „Cabaret“-Film erneut einen internationalen Erfolg. Bekannt und populär wird der Schauspieler vor allem durch seine Rolle in der beliebten ZDF-Serie „Der Kommissar“, später dann in „Derrick“ (Foto: dpa), wofür er von 1974 bis 1997 in 281 Episoden vor der Kamera steht. Die Serie wird in über 100 Ländern, darunter auch China und Saudi-Arabien, ausgestrahlt und beschert Wepper weltweite Popularität. Ab 1994 stehen Fritz und sein Bruder Elmar Wepper in der Krimireihe „Zwei Brüder“ als gegensätzliche Geschwister vor der Kamera. 2002 beginnt Fritz mit der ARD-Erfolgsserie „Um Himmels Willen“, die im Januar in die 14. Staffel startet. Seit 2007 steht er zusammen mit seiner Tochter Sophie (Foto: Imago) für die Krimireihe „Mord in bester Gesellschaft“ vor der Kamera, deren nächste Folge am 15. Januar zu sehen ist.

Fritz Wepper, ein begeisterter Sportfischer, Hobbyjäger und früherer Trabrennfahrer, ist verheiratet mit Angela von Hohenzollern, die zwei Töchter mit in die Ehe bringt. 1981 wird Tochter Sophie-Margarita geboren. Ende 2011 wird Wepper Vater einer weiteren Tochter, die aus der Beziehung mit der 35 Jahre jüngeren Kamerafrau und Regisseurin Susanne Kellermann stammt. Im Mai 2012 geben Kellermann und Wepper ihre Trennung bekannt, Wepper kehrt zu seiner Frau Angela zurück.


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