Hunger, Not und Willkür Weihnachtsdreiteiler „Sturm über Portugal“ auf Arte

Der Star: John Malkovich als General Wellington (Mitte). Er behält alles genau im Blick. Foto: ArteDer Star: John Malkovich als General Wellington (Mitte). Er behält alles genau im Blick. Foto: Arte

Osnabrück. Raoul Ruiz’ Witwe Valeria Sarmiento verwaltet als Regisseurin von „Sturm über Portugal“ das letzte Projekt ihres berühmten Mannes, der 2011 während der Vorbereitungen zu diesem Historiendrama verstarb.

Wir schreiben das Jahr 1810. Zum dritten Mal versuchen Napoleons Truppen, Portugal zu erobern . Am 28. September gerät der bislang unaufhaltsame Vormarsch der Franzosen unter dem Kommando von General Masséna (Melvil Poupaud) in der Schlacht bei Buçaco ins Stocken. Obwohl das britisch-portugiesische Heer unter General Wellington ( John Malkovich ) die Invasoren in die Flucht schlägt, ordnet Wellington den Rückzug an. Der defensive Stratege weiß, dass der Krieg mit dieser Schlacht gegen den zahlenmäßig weit überlegenen Gegner noch lange nicht entschieden ist.

Während sich Masséna mit seinen Soldaten in einer verlassenen Stadt und bei einer großbürgerlichen Familie einquartieren kann, ziehen die Bewohner der Stadt und die Soldaten der Koalitionsarmee in Richtung Lissabon. Dort wartet ein streng gehütetes militärisches Geheimnis darauf, dem Krieg die entscheidende Wendung zu geben. Die „Linien von Torres Vedras“ bilden eine in Rekordzeit errichtete gigantische Schutz- und Verteidigungsanlage, die sich in drei Ringen um die Hauptstadt legt und eine Fläche von rund 13000 Quadratkilometern umschließt. Im Mai 1811 ziehen die französischen Truppen entmutigt ab.

Die chilenische Regisseurin Valeria Sarmiento präsentiert das Kriegsdrama nach dem Drehbuch von Carlos Saboga als episodisch breit angelegten Historienfilm, der seine Vielfalt aus den unterschiedlichen Perspektiven gewinnt, die er einnimmt. Das macht es nicht immer einfach, dem Geschehen zu folgen, obwohl mit Leutnant Pedro de Alencar (Carloto Cotta) eine etwas übergeordnete Figur hilft, die Erzählstränge zusammenzuhalten.

So landet Alencar nach der Schlacht von Buçaco schwer verwundet in ebenjenem Anwesen, das vom französischen General Masséna in Beschlag genommen wird. Alencar versucht sich – zunächst allein, dann mithilfe eines ehemaligen Jakobiners – nach Torres Vedras durchzuschlagen. Bis dorthin erlebt er stellvertretend für die heutigen Zuschauer eine beachtliche Bandbreite der Wirren jener Zeit.

Im übergeordneten Teil ihrer Geschichte geht es Regisseurin Sarmiento vor allem um die Darstellung der Umstände, unter denen alle vom Krieg Betroffenen auf unterschiedliche Weise getroffen werden. Das trifft auf die portugiesischen Flüchtlinge genauso zu wie auf die Soldaten und Befehlshaber beider Seiten.

Dabei entstehen einige teils surreal anmutende Bilder wie zum Beispiel jenes eines Dichters, der seinen Bücherschrank nebst Büchern und wuchtigem Schreibtisch im Treck mit sich führt. Am seltsamsten erscheint allerdings der von Malkovich kauzig dargestellte Wellington, an dessen Seite stets sein Porträt- und Kriegsmaler damit beschäftigt ist, die Mäkeleien des Generals über sich ergehen zu lassen.

Aber im Wesentlichen überwiegen in dem Dreiteiler die schlimmen Konsequenzen aus Not, Hunger und Willkür, denen vor allem die einfachen Leute ausgesetzt sind. Dass Sarmiento in ihrem Kriegsdrama nichts beschönigen möchte, verdeutlicht sie bereits in der Anfangssequenz. Die Kamera bildet einen schmutzig grauen Ausschnitt einer matschigen Fläche ab, auf den unentwegt Regen fällt. Bis ein tödlich getroffener Soldat in den Ausschnitt stürzt. Die Kamera schwenkt in die Horizontale und zeigt nach und nach das ganze Ausmaß des historischen Gemetzels.

Hinter der Verfilmung dieser geschichtsträchtigen Episode aus der Zeit der Napoleonischen Kriege steckt ein bemerkenswertes Stück Filmgeschichte. Ursprünglich wollte der chilenische Filmautor Raoul Ruiz („Genealogien eines Verbrechens“) dieses Projekt realisieren. Quasi direkt im Anschluss an sein ebenfalls für das Kino und das Fernsehen realisiertes Historiendrama „Die Geheimnisse von Lissabon“ begann er mit den Vorbereitungen zu „Linhas de Wellington“, so der Originaltitel von „Sturm über Portugal“. Leider verstarb der 1974 gemeinsam mit seiner Frau Valeria Sarmiento aus Chile geflüchtete Ruiz während der Vorbereitungen zu diesem Mammutwerk.

Sarmiento, die neben ihrer Tätigkeit als Regisseurin zahlreiche Filme ihres Mannes am Schneidetisch in die Endfassung gebracht hat, übernahm den Nachlass ihres Mannes und führte Regie. Inwiefern das unter anderem mit einem portugiesischen „Autores Award“ ausgezeichnete und für Portugal in das Rennen um einen Oscar geschickte Ergebnis dem Schaffen ihres Mannes gerecht wird, darüber darf ausführlich spekuliert werden. In einem Interview mit dem britischen „Guardian“ gibt sie allerdings zu bedenken, dass trotz aller Kommunikation mit ihrem Mann während der Vorbereitungsphase dieser Film letztendlich von ihr sei. Sie habe die Entscheidungen getroffen, und trotz mehr als 40-jähriger Ehe „bedeutet das nicht, dass wir über den Tod hinaus miteinander kommunizieren können“.

Sturm über Portugal (1–3/3). Arte, 25. Dezember, ab 20.15 Uhr.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN