Das Leuchtturmprojekt Mit „Marco Polo“ will Netflix die Welt erobern

Mit dieser Crew setzte das Videoportal Netflix seinen opulenten Zehnteiler „Marco Polo“ um und hofft nun auf weltweiten Erfolg. Foto: ImagoMit dieser Crew setzte das Videoportal Netflix seinen opulenten Zehnteiler „Marco Polo“ um und hofft nun auf weltweiten Erfolg. Foto: Imago

Osnabrück. Mit der zehnteiligen monumentalen Serienproduktion „Marco Polo“ versucht das Online-Videoportal Netflix, die Welt zu erobern. Und erinnert damit an die guten alten Abenteuer-Vierteiler zu Weihnachten.

Oh, diese nichtsnutzigen Lateiner! 100 christliche Priester hatten die venezianischen Händler zuletzt dem Kublai Khan (Benedict Wong) versprochen. Mitgebracht haben sie lediglich etwas Tand und ein Fläschchen mit heiligem Öl. Dass mit dem Herrscher nicht gut Kirschen essen ist, haben die Reisenden bereits in einem verbrannten Dorf sehen müssen. Trotzdem wird der junge Marco Polo (Lorenzo Richelmy), der sich als Sohn eines der beiden Handelsreisenden heimlich der Exkursion angeschlossen hatte, auch noch vorlaut im Palast. Aber zum Glück mildert das Bürschchen mit seinen blumigen Fabulierkünsten den Zorn des Khans. Onkel und Papa dürfen gehen. Marco muss bleiben. Und erlebt fortan das größte Abenteuer seines Lebens an der Seite des mächtigen Mongolen und späteren Kaisers von China.

Zwar ist Asien noch ein weitgehend weißer Fleck auf der Landkarte des Online-Videoportals Netflix . Aber mit der eigens und exklusiv für die Kunden des Streaming-Dienstes produzierten Serie, an der auch die Weinstein-Company beteiligt ist, soll ein weiterer wegweisender Meilenstein in Richtung Expansion gesetzt werden. Frei nach dem von Kublai Khan in der Serie ausgegebenen Motto, dass dieser nicht nur Kaiser der Mongolei oder von China sein möchte, sondern Herrscher der ganzen Welt.

2014 dürfte als das Jahr in die Geschichte der Unterhaltungsindustrie eingehen, in dem das lineare Fernsehen das Fürchten gelernt hat. In Deutschland sind es nicht mehr nur die Mediatheken von ARD, ZDF, RTL und ihresgleichen, aus denen sich die Zuschauer unabhängig von Sendezeiten bedienen können. Plötzlich stehen mit Netflix und dem Konkurrenzangebot Amazon Prime Instant Video gleich zwei Global Player in der Tür, deren finanzielle Übermacht erdrückend wirkt.

90 Millionen Dollar

So wurde für die Produktion von „Marco Polo“ ordentlich geklotzt. 90 Millionen Dollar sollen die ersten zehn Episoden des üppig ausgestatteten ersten NetflixKostümabenteuers gekostet haben. Geld, das man der Serie in ihren detailverliebten, prunkvollen Kulissen tatsächlich ansieht. Galt bislang „House of Cards“ als – ursprünglich gar nicht für den Streaming-Dienst konzipiertes – Vorzeigeprodukt von Netflix, so wird in Zukunft „Marco Polo“ im gleichen Atemzug genannt werden.

Dabei ist der zehnteilige Historienschinken erzählerisch und dramaturgisch alles andere als innovativ. Über weite Strecken erinnert er vielmehr an die klassischen Weihnachtsvierteiler , nur dass hier nun alles ein paar Spuren schneller, höher und gewaltiger wirkt. Opulenz ist das Stichwort für alles. Opulente Massenszenen an exotischen Schauplätzen wechseln sich ab mit ausgefeilt choreografierten Martial-Arts-Einlagen aller bekannten Kampfkünste in opulent ausgestatteten Palästen. Auch mit Erotik wird nicht gegeizt. Ein Vergleich mit der HBO-Serie „Game of Thrones“ sollte trotzdem vermieden werden. Der könnte in Enttäuschung münden.

Auch Historiker sollten hier nicht jedes Wort, jede Schlacht und jede Thronbesteigung auf die Goldwaage legen. Die Produzenten weisen immerhin darauf hin, dass ihr Produkt sehr frei nach wahren Begebenheiten erzählt wird. So stimmen lediglich einige Eckpunkte mit der ohnehin nicht ganz lückenlosen Geschichtsschreibung überein.

Trotzdem verdient „Marco Polo“ Beachtung. Hervorragend besetzt, brilliert insbesondere der Brite Benedict Wong als schniefender, schnaufender und von Gicht gequälter Kublai Khan. Obwohl die Serie dramaturgisch etwas vorsichtig für einen möglichst massenwirksamen globalen Einheitsgeschmack aufbereitet wirkt, bietet sie exakt das, was eigentlich alle „normalen“ TV-Sender ruhig mal wieder versuchen sollten: gute Unterhaltung für ein erwachsenes Publikum.

Aussterben wird das olle Dampffernsehen trotz seiner mächtigen neuen Konkurrenz noch lange nicht. Aber ein wachsender Teil seiner Zuschauer ist bereits auf der Flucht.


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