Stimmung auf dem Tiefpunkt Streit bei der Deutschen Welle: Mitarbeiter contra Intendant

Von Thomas Klatt

In der Kritik: Intendant Peter Limbourg. Foto: dpaIn der Kritik: Intendant Peter Limbourg. Foto: dpa

Berlin. Die Deutsche Welle steckt in der Krise: Peter Limbourg hat als Intendant des Auslandssenders zahlreiche seiner Mitarbeiter gegen sich aufgebracht. Mittlerweile gehen sie sogar auf die Straße.

Die wenigsten Bürger wissen vermutlich, dass die Deutsche Welle zwar so heißt, Deutsch aber nur eine von 30 Sprachen ist, in denen das Programm des Auslandssenders ausgestrahlt wird. Und die Deutsche Welle wird anders als ARD, ZDF und Deutschlandradio nicht über Gebühren, sondern allein über den Bundeshaushalt von der Steuer finanziert, oder besser gesagt unterfinanziert, denn seit gut 15 Jahren ist der Etat nicht mehr wesentlich angehoben worden. Was bei permanenter Kostensteigerung, Inflation sowie Honorar- und Gehaltserhöhungen faktisch eine Absenkung des Programmetats bedeutet. Nun will Intendant Peter Limbourg alles anders machen. Allerdings: Viele seiner Mitarbeiter in Bonn und Berlin sind davon wenig begeistert.

Es war am letzten Montag der erste öffentliche Protest Hunderter Cutter, Regisseure, Aufnahmeleiter, Kameraleute und Redakteure der Deutschen Welle vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Intendant Peter Limbourg will den Sender hin zu einem englischsprachigen Newskanal umbauen. Woanders soll dafür allerdings gespart werden, vor allem bei den freien Mitarbeitern. Mehr als jedem Zehnten seiner 3000 Mitarbeiter hat Limbourg bereits eine Kündigung oder zumindest eine Einschränkungsmitteilung zugeschickt. Die Stimmung ist auf einem so vorher noch nie da gewesenen Tiefpunkt.

„Die Frage ist, ob ein Land wie Deutschland, das aus der Mitte Europas senden will, nur noch ein von englischen Muttersprachlern gemachtes Programm haben möchte?“ – „Wir haben nichts dagegen, Englisch weiter auszubauen und zur dominierenden Sprache zu machen, aber nicht auf Kosten der anderen Sprachen.“ – „Er sagt immer, wir reden miteinander und ich hab Euch lieb, nur die Fakten sprechen eine andere Sprache“ – das sind nur einige der Stimmen auf der DW-Demo.

Doch den Intendanten ficht die Kritik seiner Mitarbeiter nicht an: „Wir sind keine Beschäftigungsgesellschaft, und das heißt, dass man bei mancher Umstrukturierung auch Personal verliert“, sagt Limbourg kühl.

Ende April 2015 soll der englischsprachige TV-Infokanal „DW News“ starten. Dafür haben der Haushaltsausschuss des Bundestages und das Bundesentwicklungsministerium zusätzlich zehn Millionen Euro bewilligt. Die Anschlussfinanzierung aber ist völlig offen. Die Mitarbeiter befürchten, dass sich die Welle damit übernimmt. „Wir können nicht konkurrenzfähig sein mit BBC World, CNN oder Al Jazeera, weil wir anders als diese Sender das Geld nicht haben. Wir haben kein Korrespondentennetz. Wir sind immer das Stiefkind, wenn es um Schalten geht“, beklagt eine Fernsehmitarbeiterin.

Sollte der Etat durch die Regierung nicht deutlich erhöht werden, schauen die DW-Mitarbeiter in die Röhre. Limbourg kündigte in diesem Fall bereits die Einstellung des linearen deutschen, spanischen und arabischen TV-Programms an. Auch 10 von 30 Online- und Hörfunksprachen sollen gekappt werden. Das Kulturmagazin „Euromaxx“ steht ebenfalls auf der Streichliste.

Limbourg aber gibt sich gelassen. Vor allem will er jetzt neue Märkte erobern, etwa durch die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Staatsfernsehen CCTV. Das kritisierte jetzt „Reporter ohne Grenzen“ (ROG). Limbourg wurde zum Rückzug aus dem Kuratorium der Hilfsorganisation aufgefordert, weil man den Verrat journalistischer Standards wittert. Seit Limbourg das Gremium verlassen hat, sind massenhaft Redakteure in die Organisation eingetreten. Der Intendant versteht aber auch da die Aufregung nicht: „Wir wollen beim nächsten Beethovenfest in Bonn eine Kooperation zwischen dem Bundesjugendorchester und einer chinesischen Dirigentin seitens CCTV und der Deutschen Welle für eine Dokumentation begleiten, das ist das einzige, was zum jetzigen Zeitpunkt angedacht ist“, sagt Limbourg.

Eine weitere journalistisch-redaktionelle Zusammenarbeit kann sich der DW-Intendant aber zurzeit nicht vorstellen. Denn die Deutsche Welle will so etwas wie das multimediale Aushängeschild der demokratischen Bundesrepublik in der Welt sein, und das bedeute das Eintreten für die Menschenrechte, für Presse- und Meinungsfreiheit. Aber auch wenn der Auftrag die Stärkung der eigenen Sprache beinhaltet, so wurde das deutschsprachige Radioprogramm schon längst abgeschaltet. Die Deutsche Welle ist vor allem im Internet präsent. Derzeit hat sie mehr als 100 Millionen Nutzerkontakte wöchentlich, hinzu kommen Millionen Video- und Audio-Abrufe sowie Kommentare auf Facebook oder Twitter.

Die DW muss gegen ein weltweites mediales Wettrüsten bestehen. Sender wie „Russia Today“ gehen derzeit in die Offensive. Dass sich nun in Zeiten der Propaganda gerade die Deutsche Welle etwa im Bereich der ehemaligen Ostblockstaaten zurückzieht, bestätigt Limbourg nicht. Insofern weist er auch diese auf der Demo geäußerten Befürchtungen seiner Mitarbeiter zurück. Gültig seien weiter die im Deutsche-Welle-Gesetz verankerten Ziele, „Deutschland als europäisch gewachsene Kulturnation und freiheitlich verfassten demokratischen Rechtsstaat verständlich zu machen.“

Der Deutsche Bundestag begrüßte jetzt ausdrücklich das kurzfristig ausgeweitete Angebot russischer und ukrainischer Berichterstattung im Umfeld des Russland-Ukraine-Konflikts. Insbesondere russischsprachige Informationsangebote der Deutschen Welle würden die Meinungs- und Informationspluralität in der Region deutlich verbessern, hieß es am Donnerstag in einem Entschließungsantrag der Großen Koalition.

Innerhalb des Senders fallen die Lobeshymnen weit verhaltener aus. Denn Ängste vor einem weiteren Stellenabbau dämpft Peter Limbourg nicht, sondern schürt sie. In der Deutschen Welle gebe es bei allen Umbau- und Sparplänen darum wohl kaum noch Perspektiven für junge Journalisten, befürchtet eine freie Mitarbeiterin: „Ich hab bei der Deutschen Welle volontiert und hatte lange eine starke Identifikation mit dem Sender. Das beginnt jetzt zu bröckeln, wenn man nicht weiß, welche Richtung der Sender inhaltlich einnehmen will. Darüber spricht ja keiner so richtig.“


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