Überleben im Streichkonzert 3-Länder-Sender 3sat wird 30 Jahre alt – und muss sparen

Von Thomas Klatt


Mainz. An diesem Montag feiert der öffentlich-rechtliche Kultursender 3sat seinen 30. Geburtstag. Doch Sparzwänge könnten auch hier die Feierlaune trüben.

Gerne hätte unsere Redaktion mit dem Intendanten der größten Sendeanstalt Europas ein Interview geführt. Aber noch nicht einmal zum halbstündigen Pressegespräch, das punktgenau drei Jahrzehnte nach dem Sendestart an diesem Montag stattfindet, sind Journalistenfragen oder gar Interviews vorgesehen. ZDF-Intendant Thomas Bellut ließ über sein Büro lediglich mitteilen: „Die Erfolgsgeschichte von 30 Jahren 3sat zeigt: Wir haben hier ein einzigartiges Angebot für den deutschsprachigen Kulturraum. Ein kulturelles ,best of‘ der Partner ORF, SF, ARD und ZDF. Darüber hinaus bietet 3sat mit eigenen Formaten wie der Kulturzeit oder nano und mit einer Vielzahl von Thementagen und Programmschwerpunkten immer wieder besondere Akzente. Das werden wir gemeinsam weiterentwickeln.“

Zum Glück zeigte sich der Vorsitzende der 3sat-Geschäftsleitung, Gottfried Langenstein, kooperativer als sein Mainzer Kollege und beantwortete mehr als geduldig Fragen nach Gegenwart und Zukunft des Kulturkanals. „Wir finden für Wissenschaftsthemen eine große Resonanz, gerade auch bei jüngeren Leuten. Zum Beispiel Raumsonde Rosetta, da haben wir einen Thementag zum Weltall gemacht und in der Spitze bis zu 4 Prozent bei den Jugendlichen und bis zu 4,5 Prozent insgesamt im Markt bekommen. Mit spezialisierten Themen kann man hohe Marktanteile holen. Überhaupt ist ja das Modell Thementag eine originäre 3sat-Erfindung, die längst von anderen Anstalten kopiert wurde“, zeigt sich Langenstein stolz.

Doch längst hängen dunkle Sparwolken über dem 3sat-Sendezentrum 2 auf dem Mainzer Lerchenberg. Einerseits, weil die beteiligten Österreicher ihren Anteil zurückfahren, vor allem aber, weil das ZDF nach Vorgaben der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) massiv sparen muss. Bis zum Jahr 2020 sollen im Mainzer Sender 562 Stellen abgebaut werden , verrät Langenstein. Derzeit arbeiten 250 ZDF-Mitarbeiter in den 3sat-Redaktionen – noch. Hinzu kommen indirekte Dienstleistungen wie die Archivarbeit, Honorar- und Lizenzabteilung oder das Justiziariat, die das große ZDF dem kleinen 3sat zur Verfügung stellt.

Klar ist also, dass auch 3sat vom Mainzer Streichkonzert betroffen sein wird. Aber Senderchef Langenstein verspricht, dass es nicht zu Kakofonien oder gar Niveauverlust kommen wird. Nun werden sogenannte Plattform-Redaktionen für Kultur, Wissenschaft und Geschichte aufgebaut. Daneben aber sollen die Kernredaktionen von Kulturzeit und Aspekte erhalten bleiben, um noch eine gewisse Unterscheidbarkeit zu garantieren. „Wir müssen uns weiterhin zutrauen, eigene Autorenhandschriften laufen zu lassen“, sagt Langenstein.

Auch dass das Sendezentrum 2 nun wieder ins ZDF-Hauptgebäude zurückverlagert werde, sei keine Schwächung der bisherigen 3sat-Marke. Dafür würden jetzt sogar neue Dekorationen und ein neues Design entwickelt. Dass sein eigener Vertrag als Vorsitzender der 3sat-Geschäftsleitung 2017 ebenfalls ersatzlos ausläuft, bewertet Langenstein nicht als ein Zeichen des allmählichen Niedergangs. Man spare nicht nur bei den Indianern, also in den Redaktionen, sondern auch bei den Häuptlingen, in der Verwaltung bis zur Intendanz. Es gehe um schlankere Verwaltung, weniger Controlling, mehr Eigenverantwortung in den Redaktionen. Bis jetzt ständen die Finanzen gut, 37 Millionen plus Onlinebudget ergebe einen wohl gefüllten Topf von über 50 Millionen Euro. Er sei im Vergleich zum Vorjahr sogar um fünf Millionen angehoben worden. Man könne nicht sagen, dass das ZDF vorhabe, den Wissenschafts- und Kulturkanal zu schwächen. 3sat habe nach der Chefredaktion sogar den mit Abstand höchsten Eigenproduktionsanteil.

Auch würde man sich nun verstärkt um bessere Produktionsbedingungen für Dokumentarfilmer bemühen, sagt Langenstein. „Wir haben beim ZDF ein Modell gefunden, um kleine Produzenten zu entlasten, indem wir ihnen schon zu Beginn der Produktion erhebliche Beträge geben, damit sie auch ohne Bankgarantie in die Produktion einsteigen können“, sagt Langenstein.

In Konkurrenz zum deutsch-französischen Sender Arte sieht Langenstein seine Dreiländeranstalt nicht. Über Arte erhalte man einen tieferen Einblick in den romanischen bis hin in den arabischen und afrikanischen Raum, eben das Einflussgebiet der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Bei 3sat gehe es eben mehr um den deutschsprachigen Raum. Arte habe etwa nur ein wöchentliches Metropolis-Kulturmagazin, während 3sat von montags bis freitags hoch aktuell seine Kulturzeit sende. So seien beide Sender durchaus komplementär und würden sich gegenseitig keine Zuschauer wegnehmen. Wichtig sei es jetzt aber, eben auch die Jugend an die Hochkultur heranzuführen und sie zu halten.

„Ich glaube, dass TV noch lange eine Bedeutung als Ereignisgenerierer und als Aufmerksamkeitsschaffer hat. Deswegen kaufen die Internet-Companies in den USA Fernsehsender dazu, weil sie diese Schaufensterfunktion zum kreieren von Events wichtig finden. Umgedreht kriegen wir bei den Mediatheken immer mehr Zuschauer über die sozialen Netzwerke und die kleinen Kanäle sind da überproportional mit Reaktionen gesegnet“, weiß Langenstein.

Das Schweizer Fernsehen arbeite gerade an einer virtuellen Schriftsteller-Plattform auf 3sat. Und auch mit dem Städel-Museum in Frankfurt am Main wolle man gemeinsam einen Internet-Auftritt gestalten. Gottfried Langenstein denkt in größeren Dimensionen, wenn er von Kultur spricht, und meint damit nicht einfach nur Fernsehen: „Alle Kulturschaffenden, nicht nur Fernsehen, Radio und Internet, sondern auch die Zeitungen sollten enger kooperieren, um diese hohe Qualität des kulturellen Feuilletons in Deutschland zu halten. Wir dürfen dieses Feld nicht Google und Amazon überlassen, sondern wir müssen uns wechselseitig stützen. Durch das Klima, das die Zeitungen schaffen, sind auch Sendungen wie Kulturzeit erfolgreich. Und umgedreht, das Klima, das Kulturzeit schafft, hilft auch dem Feuilleton.“

Zum Geburtstag an diesem Montag – dem 1. Dezember – taucht 3sat mit einem Thementag in die „Welt der Wissenschaft“ ein, am Dienstag (2. 12.) geht es um „Lebenswelten“.