„Nennen wir es Schlager“ Interview mit Götz Alsmann: Entertainer liebt die Bühne

Von Ralf Döring


Düsseldorf. Götz Alsmann kommt pünktlich auf die Minute, und natürlich ist er perfekt angezogen, mit Anzug und Krawatte. Darüber sprechen wir mit dem Sänger, Moderator, Entertainer –und über den Broadway der Herzen und seinen größtmöglichen Gegensatz, den Münsteraner Prinzipalmarkt. Und natürlich sprechen wir über Musik, über die Bühne und über den deutschen Schlager.

Herr Alsmann, welchen Broadway besingen Sie auf der neuen CD?

Den Broadway in unseren Herzen. Man merkt das bereits an der Covergestaltung. Für das „Paris“-Album war das etwas anders. Denn selbst in den miesesten, verbautesten Ecken von Paris findet sich noch ein schönes Fotomotiv, das unser Klischee von Paris darstellt. Selbst neben dem Betonklotz ist doch ein Bistro mit geflochtenen Stühlen. Warum ist das so? Weil die Franzosen wollen, dass es so ist. Dies wollen Amerikaner nicht. Der Cole-Porter-Broadway, der George-Gershwin-Broadway, den habe ich Anfang der 80er noch gesehen, jetzt ist er verschwunden. Wir konnten tolle Fotos machen in der brodelnden, tollen Super-Metropole New York, aber das war nicht das New York, das wir meinten. Daraufhin hat die Plattenfirma gesagt, „dann malen wir uns den Broadway, so wie wir ihn meinen“.

Hat der Broadway jemals so existiert, oder war das nicht immer eine Art Arkadien des Jazz und der Unterhaltungsmusik?

Der hat schon so existiert. In den Fünfzigern lief in Amerika die Unterhaltungssendung „What’s my line?“ – bei uns wurde daraus „Was bin ich?“. Die war sehr gut, viel witziger, viel kabarettistischer als das, was bei uns daraus wurde. Im Rate-Paneel saß Arlene Francis und manchmal auch ihr Mann Martin Gabel. Das waren absolute Broadway-Stars; Francis kennt man bei uns als Darstellerin der Frau von James Cagney in Billy Wilders „Eins, zwei, drei“. Dann war da Dorothy Kilgallen, die Autorin einer berühmten Klatsch-Kolumne „The Voice of Broadway“, die in ganz Amerika gelesen wurde – dabei ging es nur um den Broadway. Dann wurden Prominente eingeladen, die gerade am Broadway Erfolge feierten. Das heißt, diese selbst referenzielle Gestaltung der Sendung ergab sich aus dem Umstand, dass diese Broadway-Stars eben Broadway-Stars waren. Oder stellen Sie sich vor: „My Fair Lady“ wurde 1956 aufgeführt, und der Film ist erst 1964 gedreht worden. Aber ab 57 wurden die Melodien weltweit gesummt und gepfiffen und auf dem Leierkasten gespielt. Also der Broadway hatte früher die Kraft, Theaterstücke und Musik um die Welt zu schießen. Das war der Durchlauferhitzer für Weltschlager.

War es für Sie etwas Besonderes, ein Album über den Broadway, mit den Hits des Broadway zu machen?

Ja. In vielerlei Hinsicht. Als ich mich vor vielen, vielen Jahren fest entschlossen habe, nur noch in meiner Heimatsprache zu singen, hatte ich das Gefühl, diese Lieder gingen mir verlustig. So konnte ich mir sie zurückerobern. Zum anderen: Die Idee, ähnlich, wie wir es für „In Paris“ gemacht haben, in einer Art klösterlicher Gemeinschaft wirklich rund um die Uhr zu arbeiten, in dem Studio schlechthin, das war total inspirierend. Das ist gar nicht so mythisch: die Stadt, das Flair – ja, klar. Aber entscheidend war, mit diesem Team in diesem Studio zu arbeiten. Wenn Sie bedenken, wer da seit 1958 ein und aus gegangen ist, und mal die Liste lesen, dann denken Sie, Heidewitzka, Herr Kapitän!

Wer steht auf dieser Liste?

Alles, was auf Blue Note Records aufgenommen hat. Es war das Lieblingsstudio von John Lennon, aber bleiben wir aktuell: Direkt vor uns war Yoko Ono für zwei Monate da, am Tag nach uns kam Paul Simon.

Auf Ihren Alben, in Ihren Radiosendungen, in Ihren Konzerten spielt auch der deutsche Schlager der 40er-, 50er-Jahre eine Rolle. Werden denn heute noch gute Schlager geschrieben?

Ja. Es ist nur die Frage, wie weit wir den Begriff „Schlager“ fassen. Annett Louisan, Stefan Gwildis, Reinhard Mey, Udo Jürgens: Es gibt viele! Max Raabe, Ulrich Tukur, warum wollen wir das nicht alles Schlager nennen? Der Franzose nennt ja auch alles Chanson.

Für uns gilt ja Helene Fischer als Inbegriff des zeitgenössischen Schlagers. Würden Sie die mit einer Rita Paul, einer Friedel Hensch, einem Bully Buhlan vergleichen?

Das muss ich. Denn der Sound des Bully Buhlan war zu seiner Zeit der aktuellste Sound. Das war so ein Spät-Swing, in der Regel mit dem Werner Müllers Rias Tanzorchester oder Erwin Lehns Südfunk Tanzorchester eingespielt. Es war für Jazzmusiker normal, mit Schlagersängern ins Studio zu gehen. Schlager heißt doch nur: populäre Musik in deutscher Sprache. Sonst kann ich keine Verbindung ziehen zwischen René Carol, Marianne Rosenberg und Helene Fischer. Das Einzige, was die verbindet, ist die deutsche Sprache. Die Musiken klingen völlig unterschiedlich.

Sie haben ja einmal gesagt, der deutsche Schlager hätte sich in den 60er-Jahren aufgegeben...

...entmannt. Er hat sich seiner Vielfalt beraubt.

Hat er denn wieder dahin zurückgefunden?

Ja. Vielleicht nicht im Œuvre von Jürgen Drews. Aber generell schon, durch die Namen, die ich gerade nannte. Oder Anna Depenbusch, Roger Cicero... Es fallen mir viele Namen ein. Selbst Reinhold Beckmann – ich weiß nicht, ob er sich gerne als Schlagersänger bezeichnen lassen würde. Aber wenn er’s täte, täte es dem Schlager gut.

Sie sind aber ziemlich einzigartig, wenn sie den Begriff Schlager so weit fassen.

Eigentlich nicht. Kaufen Sie ein Schlagerlexikon – da stehen sie alle drin.

Sie haben Preise mit Ihrer Musik gewonnen. Sie waren aber auch Krawattenmann des Jahres. Welcher Preis ist Ihnen wichtiger?

Wir haben zwei Echos bekommen – das macht einen stolz. Es hat die Goldene Stimmgabel gegeben, Jazz-Awards – das sind Dokumente der Wertschätzung. Aber um es auf den Punkt zu bringen: Den Preis als Krawattenmann des Jahres wollte ich schon als Junge haben. Der erste Krawattenmann des Jahres war 1968 Hans-Joachim Kulenkampff, das wurde im Fernsehen zelebriert. Da dachte ich, das ist geil. Ich fand Krawatten schon immer super, mein ganzes Leben lang. In den Siebzigern war es dann Dieter Kürten vom „Aktuellen Sportstudio.“ Ich habe das jedes Jahr aufmerksam verfolgt. Ab Ende der Neunziger war ich sauer, dachte mir, jetzt müsste es doch passieren. 2004 war es dann endlich so weit. Es lief zwangsläufig auf mich zu.

Wie haben Sie sich die Wartezeit vertrieben? Indem Sie Krawatten kauften?

Gekauft, geschenkt bekommen – und geerbt. Ich habe sehr viele Krawatten geerbt.

Die kann man auch heute noch tragen?

Ich schmeiße keine Krawatten weg. Die, die ich nicht tragen will, kommen in Schachteln, die beschriftet sind, damit ich weiß, was drin ist. Ab und zu suche ich mir zwei oder drei aus, die ich dann in meine „hot rotation“ aufnehme.

Wie viele Krawatten haben Sie?

Ich weiß es nicht. Ich habe die Krawatten meiner beiden Großväter, meines Vaters, einige von meinem Schwiegervater, sehr viele selbst gekaufte. Mir macht man auch immer eine Freude mit einer Krawatte als Geschenk. Auch wenn ich im Moment nicht weiß, was ich damit mache – es kommt immer der Tag, wo’s passt. Vorausgesetzt, man ist gewillt, eine zu tragen.

Sie leben nach wie vor in Münster. Wäre es nicht leichter, in der Anonymität einer Großstadt wie Köln zu leben?

Fragen Sie mal Henning Krautmacher von Höhner, ob er in Köln anonym ist, oder Wolfgang Niedecken.

Können Sie denn unbehelligt über den Prinzipalmarkt gehen?

Behelligt klingt mir zu negativ. Unerkannt – nein. Werde ich behelligt? Nein. Aber ich werde angesprochen. In der Regel von Leuten, die mir etwas Nettes sagen wollen. Ich kann nicht sagen, dass das Behelligen ist. Wer mich anspricht, will vielleicht ein Foto machen oder ein Autogramm haben oder einfach was Nettes sagen. Das ist doch Kundendienst! Wir sind in der Öffentlichkeit, wir wollen den Menschen Freude bereiten, Unterhaltung schenken. Wir wollen ihnen Platten verkaufen, wir wollen, dass sie unsere Fernsehsendungen sehen, wir wollen, dass sie meine Radiosendungen hören – da fühle ich mich doch nicht behelligt. Ganz im Gegenteil: Wenn einer zu mir sagt, „ich habe eine Radiosendung gehört, das fand ich ganz toll“: Wer sich da behelligt fühlt, der hat es nicht verdient, von seinem Publikum geliebt zu werden. Meine Frau läuft zu großer Form auf, wenn ich keine Autogrammkarten habe. Die notiert den Namen und fragt mich fünfmal, „hast du jetzt die Karte abgeschickt?“

Haben Sie nie daran gedacht, aus Münster wegzuziehen?

Doch. Als ich in den Achtzigern anfing, regelmäßig in den Medien zu arbeiten, gab es die Überlegung, ob es nicht sinnvoll sei, nach Köln zu ziehen. Ich habe damals für „Spex“ geschrieben, habe angefangen, Rundfunk und Fernsehen für den WDR zu machen; für den Deutschlandfunk habe ich viel gearbeitet, zwischendurch für den BFBS. Vor der Zeit des Privatfernsehens und von Internet war Köln die Medienhauptstadt Deutschlands, Köln und München. Berlin spielte eine absolute Nebenrolle. Aber ehrlich gesagt, habe ich mich gefragt: Was zieht dich hierher? Ich hatte wunderbare Abende mit meine Kölner Freunden in Kölner Lokalen. Und da habe ich mir gedacht, wenn ich hier lebe, kann ich auch nur ab und zu mal, wenn ich Zeit habe, mit meinen Freunden etwas machen. Das kann ich jetzt auch. Schön war dann auch, dass man nicht Teil des Flurfunks war.

Sie machen nach wie vor „Zimmer frei“, „Dr. Bop“...

.„Professor Bop“! So viel Zeit muss sein!

Verzeihung. „Professor Bop“, CD-Aufnahmen, Konzerte: Gab es nicht mal den Wunsch, etwas aufzugeben?

Nein – gab es nicht. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, Fernsehen hört auf, würde mich das schrecken, weil ich Fernsehen lieb gewonnen habe und glaube, dass ich in den dreißig Jahren, die ich jetzt Fernsehen mache, dem Fernsehen auch eine Farbe gegeben habe. Behaupte ich. Es muss ja nicht jeder diese Farbe lieben. Radio würde mich schrecken, weil Radio Ausdruck meines Sendungsbewusstseins ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Und aufhören zu musizieren kommt überhaupt nicht in die Tüte.

Was ist das Besondere am Musizieren?

Sie sind auf Tour und spielen in der Aula der Gesamtschule Sowieso, und es ist November. Es ist der fünfte Tag am Stück und Sie denken, „jetzt zu Hause sein, bei meiner süßen Frau, einfach nur einen Whiskey trinken und die Beine hochlegen, einfach den Lieben Gott einen guten Mann sein lassen...“ Sie haben vielleicht noch eine Grippe im Anflug, so ein Kratzen, und müssen da jetzt raus. Sie spielen ein Programm, von dem Sie seit zwei Jahren nicht mehr so überzeugt sind. Und dann treten Sie durch den Vorhang, und der ganze Saal steht kopf – alle 580 Plätze in der Aula der Gesamtschule sind seit Monaten ausverkauft – und dann verbringen Sie den geilsten Abend, den man sich vorstellen kann!

Woher rührt das?

Die Präsenz des Publikums haut es in Bruchteilen von Sekunden total raus. Ich komme raus, der erste Applaus, dann spielen wir das erste Stück, immer etwas leicht Fassliches, in ansprechendem Tempo, und dann sehen wir, wie in der ersten Reihe die Füße anfangen zu wippen, oder wie eine Dame in den besten Jahren einem zulächelt und den Pulli noch ein bisschen tiefer zieht, damit der Musiker auch was Schönes zu gucken hat – dann denke ich: Das ist es. Ich bin ja überzeugt, dass niemand im Showbusiness, im Profisport und in der Politik ist, der nicht eine komplette Persönlichkeitsstörung hat, vollkommener Egomane ist, zumindest einen egomanischen Zug hat. Man könnte doch auch zu Hause am Steinway sitzen und den ganzen Tag darauf spielen, ohne dass es einer hört – nein: Lieber spiele ich auf der hinterletzten Klimperkiste vor ein paar Hundert Leuten. In „Zimmer frei“ sagte Klaas Heufer-Umlauf , um als Moderator vor die Kamera zu treten, müsse man drei Menschen besonders lieben: Ich, ich und ich. Und ehrlich: Ja, das ist so. Das ist nicht einmal böse gemeint. Ich gehe zum Beispiel relativ unauffällig durchs Leben, bin im normalen Leben nicht sehr laut, eher zurückhaltend. Aber wenn eine Kamera an ist, bin ich das Gegenteil davon.

Deswegen haben Sie von frühester Jugend an Ihrer Showkarriere gebastelt.

Vielleicht ist das so.

Was hat Sie motiviert?

Aufmerksamkeit. Ich bin schon als Kind zum Kinderkarneval gegangen und habe dort Klavier gespielt. Ich habe ein Foto auf meinem iPhone nach meinem allerersten Auftritt, das war: Kindergarten, Nikolausfeier, Heinzelmännchen-Ballett. Das Ballett war abgetanzt, alle Kinder legten ihre Zipfelmützen und Kragen ab, nur ich sitze da, und habe Mütze und Kragen aufbehalten. Das ist ein entscheidendes Foto, um mich zu verstehen. Da war ich fünf.


Götz Alsmann wird am 12. Juli 1957 in Münster geboren. Er lernt früh Klavierspielen, bald kommen Gitarre, Banjo und Ukulele dazu. Mit 15 tritt er der ersten Band bei, nimmt auch die ersten Platten auf. Nach dem Abitur studiert er Musikwissenschaft; 1986 promoviert er mit einer Arbeit über amerikanische Independent Labels zwischen 1943 und 1963. In der Zeit seines Studiums spielt er auch in der Osnabrücker Blues Company, zusammen mit dem Bassisten Mike Müller – der noch heute in der Götz Alsmann Band spielt. Diese Band gründet er 1989. Früh schon moderiert Alsmann als „Professor Bop“ Radiosendungen, die er bis heute ausschließlich mit Musik aus seinem eigenen Schallarchiv bestückt. 1986 holt ihn der WDR erstmals vor die Fernsehkamera; Zehn Jahre später startet er zusammen mit Christine Westermann das Erfolgsformat „Zimmer frei“. Ein Jahr später, 1997, wagt er eine kleine musikalische Revolution: Auf der CD „Gestatten ... Götz Alsmann“ singt er ausschließlich auf Deutsch. Das Wagnis lohnt sich: Er erhält für dieses Album den deutschen „Jazz-Award“ – wie für jedes weitere Album, das er mit seiner Götz Alsmann Band herausbringt. Er arrangiert darauf Musik vorzugsweise der 40er- und 50er-Jahre, mit einem Schwerpunkt auf dem deutschen Schlager jener Zeit. Auf seinem neuesten Album covert Alsmann Klassiker vom Broadway – natürlich auf Deutsch. dö