Plötzlich soll sich Mama verschleiern Differenziert: Das ARD-Radiofeature „Neue Heimat Salafismus“

Von Hendrik Steinkuhl

In deutschen Großstädten verteilen Salafisten kostenlose Koran-Exemplare an Passanten. Foto: dpaIn deutschen Großstädten verteilen Salafisten kostenlose Koran-Exemplare an Passanten. Foto: dpa

Osnabrück. Warum werden junge Deutsche Salafisten, weshalb ziehen einige von ihnen sogar in den heiligen Krieg? Das aktuelle ARD-Radiofeature „Neue Heimat Salafismus“ widmet sich Fragen, die relevanter kaum sein könnten. Das Ergebnis: 53 Minuten überragendes Radio.

Es klingt wie eine Parodie, als würde sich ein mittelmäßiger Komiker über den Islam lustig machen – doch die Figur „Supermuslim“ ist völlig ernst gemeint. „Er trinkt Tee wie ein Türke, er rezitiert wie ein Araber, er kämpft wie ein Tschetschene. Man nennt ihn: Supermuslim.“ Sehen kann der Radiohörer die Propaganda-Zeichentrickfigur naturgemäß nicht; doch in dem Zwang, sich nur auf die Sprache konzentrieren zu müssen, steckt das größte Potenzial des Hörfunks.

Das ARD-Radiofeature „Neue Heimat Salafismus“ von Irene Geuer und Paul Elmar Jöris nutzt dieses Potenzial. Die Autoren lassen die Propaganda ausführlich zu Wort kommen, und wer nicht selbst mit dem Dschihad liebäugelt, wird sich vor dem Getöse der radikalen Salafisten einfach nur gruseln.

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Dass „radikaler Salafist“ keine Tautologie ist wie der weiße Schimmel, erfährt der Hörer schon zu Beginn. In Deutschland leben vier Millionen Muslime, knapp 40000 von ihnen sind Salafisten, unter denen wiederum laut Verfassungsschutz etwa 6600 dem politischen und dschihadistischen Salafismus zuzuordnen sind. Vor knapp zwei Jahren waren es noch 3800. „Aus unserer Sicht ist das die am schnellsten wachsende extremistische Bewegung in Deutschland“, sagt Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen.

Verfassungsschutz ist besorgt über wachsende Salafistenszene

Die enorme Bedeutung des radikalen Salafismus, auch das erfährt der Hörer, wurde dem deutschen Inlandsgeheimdienst allerdings erst bewusst, als die Behörden die „Sauerland-Gruppe“ auffliegen ließen. Die Mitglieder der Terrorzelle kamen aus einem fundamentalistisch-salafistischen Umfeld – so wie alle islamistischen Terroristen aus Deutschland.

Eine große Stärke des Features ist, dass die beiden Autoren beim Erklären der Zusammenhänge die Pointierung nicht scheuen. „Der Weg in den heiligen Krieg ist kurz. Häufig beginnt er an einem Info-Stand in einer deutschen Fußgängerzone, wo an Passanten kostenlos der Koran verteilt wird.“ An einer anderen Stelle heißt es, die radikalen Salafisten würden die Lehre des Islam auf Kleidungs- und Verhaltensvorschriften reduzieren. „Sie folgen ganz einfachen Regeln – wie im Computerspiel, wo man sich einen Avatar mit Bart und Kaftan kreieren kann, um dann auf die Bösen zu ballern.“

Salafisten, Dschihadisten - Eine Szene und ihre Gefahren

Wer danach noch daran zweifelt, dass man den extremen Salafismus auf diese Essenz einkochen kann, den belehrt Ottmar Breidling eines Besseren. Der pensionierte Richter, der etwa das Verfahren gegen die Sauerland-Gruppe leitete, kommt nach zahlreichen Prozessen gegen islamistische Terroristen zu dem Fazit, dass die Religion für diese Männer im Grunde keine Rolle spielte. Sie hätten sich aus dem Islam nur das herausgegriffen, was zu ihrem selbst erteilten Mandat als heiliger Krieger passt.

An dieser Stelle ist die Erklärung noch eindeutig. Doch die Frage, warum um alles in der Welt junge Deutsche Salafisten und sogar Dschihadisten werden, lässt keine einfachen Antworten mehr zu. „Das wirkliche Leben ist nicht schwarz und weiß“, sagt Wissenschaftler Thomas Schwer, der an der Universität Duisburg-Essen die „Soziologie abweichenden Verhaltens“ untersucht. Es gebe Menschen, bei denen bis zu einem gewissen Punkt in ihrem Leben alles in Ordnung sei. „Der eine geht ins normale Leben, der andere wird Terrorist.“ Echte Religiosität, so Schwer, spielt bei dem Weg in den Terror keine Rolle. Viel eher ist es der Wunsch, wie Mohammed Atta oder Osama bin Laden eine Figur der Geschichte zu werden; oder, noch banaler, mit Gleichgesinnten ein Abenteuer zu erleben.

Wie das Abdriften in den fundamentalistischen Salafismus äußerlich vonstattengehen kann, schildert eine anonyme Frau, deren Sohn sich in kurzer Zeit radikalisiert hat. Benjamin sei ein Mitläufer gewesen, habe zurückgezogen gelebt, sei nicht ambitioniert gewesen und habe zuletzt auf 400-Euro-Basis in einem Möbelhaus gearbeitet. Dann lernte er Muslime kennen, die ihn in die Moschee mitnahmen. Kurz darauf begann er zu fasten und ließ sich einen langen Bart stehen. „Als er mir dann vorgehalten hat, mich gefälligst zu verschleiern, wenn ich nicht als Prostituierte gelten wolle, war es mit dem Familienfrieden vorbei.“

Mehr Einblicke, mehr Erkenntnis und mehr Differenzierung kann man sich von einer Radiosendung nicht wünschen. Irene Geuer und Paul Elmar Jöris haben den von der ARD formulierten Anspruch, das neunmal
im Jahr ausgestrahlte Radiofeature sei „ein Solitär des
öffentlich-rechtlichen Radios“, mehr als erfüllt. Ein weiteres Argument dafür, dass viel mehr Rundfunkgebühren in den Hörfunk fließen sollten.

Das Radiofeature „Neue
Heimat Salafismus“ läuft
am 30. November um 11.05 Uhr und am 1. Dezember um 20.05 Uhr auf WDR5. Es ist in der ARD-Mediathek abrufbar.