Der Doc aus dem Knast Joe Bausch über sein Leben als Gefängnisarzt

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Man kennt ihn als knarzigen Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth aus dem Kölner „Tatort“. Im wahren Leben ist Joe Bausch alias Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff leitender Arzt im Hochsicherheitsgefängnis von Werl. Bei einem anderthalbstündigen Rundgang durch den Knast muss der Sohn eines Bauern mindestens 50-mal den langen Schlüssel ziehen, aufschließen, abschließen.

Anschließend sprechen wir in seinem Arztzimmer über Mörder, Drogen und Drohnen:

Herr Bausch, habe ich richtig gelesen, dass Sie mal lange rote Haare hatten?

Ja, sogar schulterlang. Bis einen Tag, bevor ich zur Bundeswehr gegangen bin. Ich habe sie mir damals zu „In-A-Gadda-Da-Vida“ von Iron Butterfly runterschneiden lassen. Das Stück dauert 17 Minuten, und ich kann es bis heute nicht mehr entspannt hören, weil so eine Matte ja auch eine Aussage war (lacht).

Ihre heutige Glatze ist also eine rasierte?

Nö, ich habe wirklich nur noch ein bisschen auf dem Kopf. Wenn ich es wachsen ließe, würde es gerade noch reichen, um eine Perücke zu befestigen.

„Tatort“-Fans kennen Sie als Joe Bausch, hier im Knast sind Sie der Leitende Regierungsmedizinaldirektor Hermann-Joseph Bausch-Hölterhoff.

Auf den Hermann verzichte ich, also Josef Bausch-Hölterhoff, aber die meisten meiner Patienten sagen „Herr Bausch“ zu mir.

Das eine klingt schön knackig, das andere ein bisschen komplizierter.

Schon deshalb, weil ich damals noch den Namen meiner Frau drangepackt habe. Das war mir wichtig, und das behalte ich auch bei – allein schon, weil meine Tochter auch Hölterhoff heißt. Richtig schön wird es, wenn ich bei Lesungen mit vollem Namen vorgestellt werde: Hermann-Joseph-Bernhard-Anton-Maria Bausch-Hölterhoff. Wenn ich in Ägypten meinen Pass vorlege, denken die, das wäre Name und Adresse in einem.

Gibt’s dazu auch noch einen Doktortitel?

Nein, aber ich arbeite ja auch wissenschaftlich und hoffe, dass ich meine Veröffentlichung machen kann, bevor mein Doktorvater nächstes Jahr im September die Segel streicht. Ich habe mich zusammen mit Professor Bogerts aus Magdeburg über Hirnforschung ausgelassen und mit einigem Aufwand Auffälligkeiten bei gewalttätigen Insassen untersucht. Das haben wir bereits veröffentlicht, und er sagte: Du schreibst dicke Bücher, jetzt schreib doch auch noch das bisschen Vorwort und das bisschen Betrachtung, und dann sind wir endlich mal fertig. Durch Filme, Buch, Lesungen und alles Mögliche zieht sich das mittlerweile schon seit Jahren hin. Aber ich habe den Ehrgeiz, auf den letzten Metern den Doktor noch zu machen. Das sehe ich als sportive Herausforderung, auch wenn ich manchmal denke: Wozu eigentlich?

Sie wollten zu Beginn Ihrer medizinischen Laufbahn mal zu den „Flying Doctors“ nach Australien.

Das war der Plan, das fand ich spannend. Ich gehöre eben zu der Generation, die nach Indien und Persien gefahren ist und sich die Welt angeguckt hat. Abenteuer Australien, das war wirklich ein Gedanke, ich habe auch meine Famulatur in Australien gemacht, aber irgendwann hatte ich dann auch eine Freundin in Deutschland, habe hier geheiratet, und dann war Australien auf einmal ganz weit weg. Dafür fliege ich heute ab und zu mal nach Cebu auf den Philippinen, impfe dort Kinder, und hier im Knast fliegt quasi die ganze Welt zu mir ein – ich habe ja Patienten aus 47 Nationen.

Hier geht es zur Kritik des letzten Kölner „Tatorts“

Ihre Kindheit und Jugend haben Sie auf dem elterlichen Bauernhof im Westerwald verbracht.

Das war auch der erste Beruf, den ich gelernt habe. Zwischen dem 5. und dem 18. Lebensjahr war ich halt auch Bauer.

Können Sie heute noch problemlos eine Kuh melken?

Natürlich. Ich kann Kühe melken, ich kann ackern und säen – das geht alles noch, auch wenn ich mich heute vielleicht ein bisschen mehr anstrengen müsste. Das hat mir auch nicht geschadet, es erdet ungemein. Und ich finde diese Drei-Generationen-Haushalts-Geschichte heute noch toll. Man erwirbt ein gemeinsames Einkommen – wenn man eine gute Ernte hat, dann hat man viel Geld, wenn sie schlecht ist, hat man weniger.

Ihre Eltern wollten vermutlich, dass Sie Bauer werden und den Hof übernehmen.

Das war klar. Ich war der älteste Sohn und werde Bauer. Aber wir hatten damals auch einen Hausarzt, der noch zu uns nach Hause kam und auch mal mittags mit uns gegessen hat. Und der hat meinen Vater überredet: Der Junge ist klug, schick den aufs Gymnasium. Mein Vater hat das gemacht, aber mir gleich am Anfang gesagt: Wenn du einmal sitzen bleibst, dann bist du wieder hier auf dem Hof. Das war seine letzte Ansage, zu einem Elternsprechtag ist er nie gegangen. Und es war natürlich klar, dass ich nebenbei zu Hause arbeite. Aber im Nachhinein rechne ich es meinem Vater ungeheuer hoch an – der war Jahrgang 1913, und was der uns in den Siebzigerjahren zugestanden hat, ist unglaublich.

Was hat den Mediziner Bausch eigentlich in den Knast gebracht?

Es war damals die Zeit der Ärzteschwemme, und ich hatte mich im frisch eröffneten Justizkrankenhaus Fröndenberg beworben. Die Behörde hatte mir schon eine Zusage gegeben, aber dann schrieb der Chefarzt einen Brief, man solle mich auf keinen Fall einstellen. Ich hätte bereits jetzt aufgrund meines Aussehens und meines Auftretens eine so verdächtige Nähe zum Klientel, dass er dringend davor warne, mich jemals im Knast zu beschäftigen.

So kann’s kommen.

Ja, und ich hatte schon alle anderen Jobs, die ich hätte haben können, abgesagt. Die Behörde hat mir dann angeboten, vorübergehend hier in Werl als Vertragsarzt zu arbeiten. Ich fand das spannend und kam hier auch ganz gut an – bis dahin hatte ich auf der Bühne ja nur Vergewaltiger, Mörder und Totschläger gespielt. Der Chefarzt in Fröndenberg ging dann ein Jahr später, und ich konnte dort dann meine Fachausbildung beginnen. 1992 habe ich mich dann entschieden, dauerhaft in den Orden einzutreten, und bin dann auch verbeamtet worden. Hier in Werl habe ich dann vieles aufbauen können, wir haben hier die Entwicklung von der Knastmedizin zur Medizin im Gefängnis vorangetrieben. Der Plan war höchstens zwei Jahre, jetzt sind es 26.

In Ihrem Buch bezeichnen Sie den Knast hier in Werl als „Vorhof zur Hölle“.

Damit meinte ich vor allem die Gemeinschaftsunterbringung, Zellen, in denen mehrere Männer untergebracht sind. Knast ist ja auch für die Insassen eine Ausnahmesituation. Draußen hat man eine normale Umgebung mit Frau, Kindern und Nachbarn – hier weißt du genau: Der Typ, der neben dir schläft, und der, der über dir schläft, ist kriminell. Und manche sind härter als du. Die Hölle sind nicht die Gitter und nicht die Beamten, sondern die anderen Kriminellen. Mit denen gehst du duschen, zum Sport und zur Arbeit. Das ist die eigentliche Hölle.

Beschreiben Sie doch mal Ihre Sprechstunde. Kommt da erst ein Mörder, dann ein Totschläger und als dritter Patient der Kinderschänder?

Draußen gibt’s die Wartezellen, da kommen die Leute in kleinen Gruppen hinein. Andere werden alleine gebracht, begleitet von Beamten, weil sie als besonders gefährlich gelten. Und dann kommt einer nach dem anderen dran. Der eine hat Kopfschmerzen, der nächste Rücken, der Dritte Herzinsuffizienz, viele psychosomatische Geschichten, aber auch HIV, Hepatitis oder auch mal Malaria, weil die Leute ja aus der ganzen Welt kommen. Mit manchen kann ich mich nicht mal unterhalten – da muss ich dann fühlen, tasten, gucken. Da kann’s auch schon mal laut werden. Hier im Knast gibt’s Arbeitspflicht, und wer sich draußen gerne mal einen Krankenschein geholt hat, bei mir aber nicht damit durchkommt, wird schon mal ungemütlich.

Wo sind die Grenzen Ihrer Schweigepflicht?

Eigentlich ist es genauso wie draußen. Allerdings gibt es Ausnahmetatbestände, wo ich die Schweigepflicht brechen darf.

Wenn Sie von einer Straftat erfahren?

Von einer geplanten erheblichen Straftat, durch die die Gesundheit eines Dritten bedroht wäre. Dann kann, soll, darf ich die Schweigepflicht brechen, ohne befürchten zu müssen, dass ich selbst bestraft werde. Wenn mir aber jemand über etwas erzählt, was zurückliegt, und er mich zum Schweigen verpflichtet, dann kann mich das in Verlegenheit bringen. Ich muss mich dann auch fragen: Halte ich das aus? So ging mir das zum Beispiel bei einem ehemaligen Kindersoldaten. Oder bei einem Menschen, der mir von der Vergewaltigung berichtete, die er begangen hatte.

Was machen Sie dann?

Ich sage ihm: Passen Sie mal auf, ich bin jetzt an einer Grenze, und ich möchte, dass wir da was unternehmen. Wenn der mir dann sagt, das will ich aber nicht, dann habe ich ein Problem. Ich muss ihn dann davon überzeugen, dass er sich damit einverstanden erklärt, einen Sicherheits- oder Polizeibeamten zu informieren. Und wenn er es sich dann wieder anders überlegt, wird’s schwierig. Aber toi, toi, toi – in den meisten Fällen war es nicht so. Bisher habe ich es noch nicht ausreizen und jemandem sagen müssen, dass ich es erzähle, ganz gleich, ob ihm das passt. Aber es gibt eben Fälle, bei denen geht es an die Grenze.

Sie schreiben, die Angst sei hier im Knast allgegenwärtig, auch wenn niemand davon spricht.

Man guckt anders, hat eine andere Wahrnehmung, ich bin quasi immer mit dem Weitwinkelblick unterwegs. Angst sollte man hier nicht haben, ich habe sie auch noch nie gehabt. Aber ich bin wacher und konzentrierter. Auf diesen Tanz zwischen Distanz und Nähe muss man sich einlassen. Sozialisieren können nicht die Mauern und die Gitter, das müssen Menschen versuchen. Es gibt hier eine Kultur des Misstrauens – derselbe, der uns beide gerade noch freundlich gegrüßt hat und mir das Loblied singt, kann derjenige sein, der mich irgendwann mal packt und mir ein Messer an den Hals hält. Man muss seine Professionalität behalten, aber keine Angst haben. Wenn ich Angst hätte, würde ich aufhören.

Es gibt Gefangene, bei denen stehen Sie auf der Todesliste – und die haben ihren Entlassungstermin vor Augen.

Es gibt immer Leute, die sagen: Ich krieg dich irgendwann, und dann mach ich dich platt. Ich bin auch am Telefon schon nächte- und wochenlang beschimpft und bedroht worden, aber gut: Natürlich gibt es wütende Leute, die sich wichtig tun. Ich versuche das realistisch einzuordnen und habe einigen auch schon gesagt: Ich stehe auf so vielen Listen, da müssen Sie sich aber beeilen.

Ich hätte schon Muffensausen.

Na ja, neben den Telefonterroristen gibt’s auch diejenigen, die man dann draußen trifft und die sagen: Ich sollte dir eigentlich in die Schnauze hauen, du Arschloch. Aber noch fühle ich mich kräftig genug, um mich wehren zu können. Man kann es nicht ausschließen, aber die Leute, die so etwas sagen, wollen dich ja erst mal beeindrucken und erreichen, dass du die Eier einziehst. Erst wenn die merken, dass so etwas klappt, hast du hier verloren.

Wenn Sie mal drei Wochen Urlaub gehabt haben – gehen Sie dann gerne wieder in den Knast?

So lange Entwöhnungsphasen kenn ich ja gar nicht, weil ich dauernd noch mit anderen Sachen beschäftigt bin. Schwierig fand ich es vor anderthalb Jahren, als ich auf den Philippinen war und dort dieses unglaubliche Elend gesehen habe. Wenn ich dann höre „Ich hab Rücken, ich habe dieses und jenes“, dann wird’s schwierig für mich. Aber das wäre draußen nicht anders. Da kann man schon ein bisschen ungehalten werden, wenn man sich solche Befindlichkeitsstörungen anhört. Dann muss man den Leuten auch mal widerspiegeln, mit welchen Bagatellen sie sich teilweise beschäftigen angesichts des Elends in der Welt.

Viele Ihrer Patienten sind drogenabhängig. Erklären Sie mir doch mal, wie bei all diesen Kontrollen und Sicherheitsvorkehrungen so viele Drogen in den Knast kommen können.

Wir haben jeden Monat 1700 bis 1800 Besucher, manche davon bringen in ihren Körperöffnungen die Drogen mit. Wir haben Lkw, die hier reinfahren, manchmal findet man in den Paletten irgendwelche Aushöhlungen, in denen Drogen versteckt sind. Und das nächste Spektakel, das uns bevorsteht, sind diese kleinen Drohnen, die man für ein paar Euro kaufen kann. Die bringen das Zeug in den Knast, und wenn sie nicht mehr zurückkehren, ist’s auch wurscht – bei der Gewinnmarge. Wenn es so weitergeht, liefern die Drohnen die Drogen demnächst bis ans Zellenfenster.

Was ist, wenn Sie als Arzt feststellen, dass ein Insasse auf Droge ist?

Wenn ich das sehe, sage ich ihm vor den Kopf: Sie nehmen Drogen. Dann sagt er: Stimmt. Aber es ist alles ein bisschen leichter geworden, seit Anfang der Neunzigerjahre die ersten Patienten in Nordrhein-Westfalen mit Methadon substituiert wurden. Heute haben wir jeden Morgen im Schnitt 135 Patienten, die ihr Methadon bekommen. Aber man kriegt die Drogen nicht aus dem Knast raus, das schaffen nicht mal die Amis mit ihren Hochsicherheitsgefängnissen. Wenn wir hier einen Drogenhund im Einsatz haben, ist der nach einer halben Stunde so ballerbreit, dass man ihn auch nicht mehr gebrauchen kann.

Wie viele Insassen sind abhängig?

Im Frauenvollzug sind 76 Prozent der Insassinnen drogenabhängig, hier bei uns sind es immerhin schon etwa 50 Prozent, die eine positive Drogen-Anamnese haben, also mit Drogen zu tun hatten, als sie in den Knast gekommen sind. Ich würde sagen, 25 bis 30 Prozent konsumieren während der Haft immer mal wieder oder dauernd. Das führt natürlich zu Verelendung, Prostitution und so weiter. Und das kann man nur bekämpfen, indem wir sagen: Okay, wir kapieren das. Früher waren die Gefangenen für die Beamten einfach nur „Knackis“, heute sind das kranke Drogenabhängige. Das hat auch den Knast verändert – es wäre früher unvorstellbar gewesen, dass man hier morgens mal eben 135 Gefangene zur Substitution bringt.

Sie wohnen einen Steinwurf entfernt gleich hinter der Knastmauer. Aus reiner Bequemlichkeit?

Es hat sich so ergeben, jetzt wohne ich hier seit 14 Jahren. Anfangs habe ich noch in Bochum gewohnt, aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, jeden Tag stundenlang im Auto zu sitzen. Unterwegs habe ich versucht, mit Kassetten Spanisch und Italienisch zu lernen – und habe dabei einen Auffahrunfall gebaut. Und dann wurde dieses Haus frei, und ich habe meine Familie überreden können, da einzuziehen. Wenn ich den Knast verlasse, ist er weg – auch wenn seine Mauer an das Grundstück grenzt. Und ich habe heute viel mehr Zeit, weil ich nur noch drei Minuten zur Arbeit laufe.

Sie teilen sich das Haus mit dem Gefängnispfarrer.

Ja, der katholische Pfarrer wohnt unten. Da treffen dann Schweigepflicht und Beichtgeheimnis aufeinander. Wenn wir also was miteinander zu besprechen haben, ist das absolut top secret.

Gibt es Gefangene, die Ihr Buch gelesen haben?

Ja, sogar einige. Einer meinte: Ganz ordentlich, es hätte ein bisschen mehr über die Beamten drinstehen können. Ich habe ihm dann gesagt: Lies mal ein bisschen genauer, dann siehst du schon, dass ich einen Weg gefunden habe, die zu beschreiben. Ich habe sogar Gefangene, die sich das Buch signieren lassen, weil ihre Mutter sie nicht mehr besuchen würde, wenn sie das nicht täten (lacht). Und es gibt Angehörige von Gefangenen, die finden es toll, dass sie mal einen anderen Blick in den Knast bekommen. Die kommen ja nur bis in die Besuchsabteilung und sehen nicht das, was ich Ihnen heute alles gezeigt habe. Und die sagen, jetzt hätten sie mal eine Version, die sich dann doch ein bisschen von dem unterscheidet, was ihnen ihr Sohn oder Mann so erzählt.