Täter und Opfer an einem Tisch Im ZDF-Film „Zeugenhaus“ wirft schwierige Fragen auf

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Gespannt verfolgen die Gäste im Zeugenhaus die Radioberichterstattung zum Beginn der Nürnberger Prozesse. Foto: ZDF/Daniela IncoronatoGespannt verfolgen die Gäste im Zeugenhaus die Radioberichterstattung zum Beginn der Nürnberger Prozesse. Foto: ZDF/Daniela Incoronato

Osnabrück. Eigentlich unvorstellbar: Da sitzen KZ-Überlebende und KZ-Aufseher an einem Tisch beim Abendbrot, Widerstandskämpfer und NS-Größen, Offizier und zerschossener Soldat. Im „Zeugenhaus“ in Nürnberg war das Alltag. Ein Spielfilm erzählt nun davon.

Der Fotograf Heinrich Hoffmann ( Udo Samel ) sitzt am Tisch und erzählt von dem „netten Herrn Hitler“. So kinderfreundlich sei er gewesen, so sanftmütig. Görings ehemalige Privatsekretärin Gisela Limberger (Gisela Schneeberger ) stimmt in die Hymnen ein: Göring, das sei noch ein echter Kerl. Erwin Lahousen ( Matthias Brandt ) sitzt schweigend daneben. Der Generalmajor der deutschen Wehrmacht war an der Stauffenberg-Verschwörung beteiligt und hat nachts Albträume von seiner eigenen Hinrichtung. Die Hausdame, die deutsch-ungarische Gräfin Belavar (Iris Berben), versucht die Gespräche auf neutrales Terrain zu leiten, während der seltsame Herr Gärtner (Edgar Selge ) lieber gleich in der Küche beim Personal isst.

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„Die Amerikaner sind Pragmatiker, das Zeugenhaus hatten sie aus ganz bestimmten Gründen eingerichtet“, sagt Christiane Kohl im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Journalistin hat ein Sachbuch gleichen Namens geschrieben, auf dem der Spielfilm basiert. „Nürnberg war ja fast komplett zerstört, und die Zeugen bei den Nürnberger Prozessen mussten irgendwo untergebracht werden.“ Gerade auf die Aussagen von Nazis der früheren Führungsriege waren die Alliierten angewiesen. „Sie in diesem relativ komfortablen Haus unterzubringen, abgeschirmt, aber gut versorgt, war ein Teil der Strategie, sie zum Reden zu bringen.“

Christiane Kohl, Jahrgang 1954 , ist durch Zufall auf das „Zeugenhaus“ gestoßen: bei einem abendlichen Gespräch mit ihrem Vater und einem anderen alten Herrn, Bernhard von Kleist, der als Hausgast bei ihren Eltern lebte und bei den Nürnberger Prozessen als Dolmetscher gearbeitet hatte. „Irgendwann ging Bernhard raus und tauchte mit einem abgegriffenen Album wieder auf, in hellbraunes Leder mit schmaler Goldkante gebunden“, erinnert sie sich an die Situation, die für sie „ein ganz entscheidender Moment meines Lebens“ war. Es war das Gästebuch des Zeugenhauses. Seitdem hat Christiane Kohl recherchiert, jahrelang, immer mal wieder. Traf sich mit Gästen des Zeugenhauses, mit ihren Nachkommen und mit der Gräfin, die es einige Zeit lang führte und später in die USA auswanderte. „Das Zeugenhaus ist die Mutter all meiner Bücher“, sagt Kohl, die einiges zum Nationalsozialismus veröffentlicht hat und deren Sachbuch „Der Jude und das Mädchen“ bereits von Joseph Vilsmaier unter dem Namen „Leo und Claire“ verfilmt wurde. „Welche Möglichkeiten des Verhaltens hatten Menschen damals?, das ist immer meine Frage.“

„Ein Film muss immer seine eigene Sprache finden“, betont Kohl, die im Vorfeld des „Zeugenhauses“ intensiv mit Drehbuchautor Magnus Vattrodt gesprochen hat. „Es ist spannend zu sehen, wie der Film mit Elementen der Wahrheit spielt.“ Mit Personen, die wirklich im Zeugenhaus lebten; mit Originalzitaten aus den Nürnberger Prozessen; und mit filmischer Fantasie. „Filme müssen emotionale Nähe aufbauen. Und das ist Regisseur Matti Geschonneck und dem Team gut gelungen, obwohl die kammerspielartige Dramaturgie nicht einfach war.“

Das stimmt, auch wenn die ersten zwanzig Minuten etwas zäh daherkommen. Doch je näher die Bewohner des Zeugenhauses sich kommen, je offener sie sprechen, je mehr wird man auch selbst mit hineingenommen in die Situation und in die schwierigen moralischen Fragen der Nachkriegszeit. „Es gibt keine Unschuld mehr. Und auch keine Schuld. Nur grau in grau“, sagt etwa Rudolf Diels (Tobias Moretti), Gründer der Gestapo und Gast im Zeugenhaus. Und als zwei KZ-Opfer darüber sprechen, dass sie es nur mit brutalem Egoismus und auf Kosten anderer geschafft haben, selbst zu überleben, sagt der eine: „Überleben: eine Schande. Du schämst dich dafür vor Gott und den Menschen.“

Ein Film, sagt Christiane Kohl, kann solche Fragen ins Bewusstsein holen und neu zum Nachdenken bringen. Und wer ganz genau wissen will, was im Spielfilm Fiktion und was Historie ist, kann um 22 Uhr die anschließende Dokumentation schauen, mit Zeitzeugen, Nachkommen der Bewohner und mit Christiane Kohl.

Das Zeugenhaus, ZDF, 20.15 Uhr, anschließend um 22 Uhr die Dokumentation zum Film


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