ARD-„Großstadtrevier“ Maria Ketikidou: Frauenpower von der Waterkant

Von David Sarkar

Maria Ketikidou am Set mit ihren „Großstadtrevier“-Kollegen Jens Münchow und Wanda Perdelwitz. Foto: David SarkarMaria Ketikidou am Set mit ihren „Großstadtrevier“-Kollegen Jens Münchow und Wanda Perdelwitz. Foto: David Sarkar

Hamburg. Wer Maria Ketikidou zum Interview trifft, sollte Stift und Papier zur Seite legen und zum Aufnahmegerät greifen. Denn die quirlige Hamburger Schauspielerin spricht schnell und viel. So wie die Zivilfahnderin „Hariklia ‚Harry‘ Möller“ – mit 20 Berufsjahren und 294 Folgen die dienstälteste Polizistin im Hamburger „Großstadtrevier“. Ab Montag, 24. November, um 18.50 Uhr sind 16 neue Folgen in der ARD zu sehen.

Das „elbgold“ im Schanzenviertel. Menschen sitzen an hellen Holztischen und genießen die Herbstsonne. Ein paar Hundert Meter weiter dreht das „Großstadtrevier“-Team auf dem Gelände des Fleischgroßmarktes Szenen für die 28. Staffel der Serie. Maria Ketikidou hat eine Stunde Pause, hat es sich in einem Stuhl bequem gemacht und trinkt Cappuccino.

Im Jahr 1993, Mareike Carrière hatte als „Ellen Wegener“ aufgehört, und Motorradpolizist Kay Sabban war an einem Herzinfakt gestorben, sollte sie „die Neue“ an Jan Fedders Seite werden. Fedder hatte sich als sympathisches Raubein „Dirk Matthies“ ab Folge 37 schnell zum Zugpferd der Serie entwickelt. Ketikidou und „Janni“, wie sie ihn nennt, kannten sich bereits vor dem Casting, hatten 1987 den ARD-Zweiteiler „Das Traumauto“ gedreht. „Wir mochten uns von Anfang an und haben uns super verstanden“, sagt die 48-Jährige. Doch aus den geplanten gemeinsamen Fahrten im Streifenwagen wurde nichts.

Ketikidou, die Anfang der 90er als Animateurin in der ZDF-Serie „Sterne des Südens“ bekannt wurde, zog die grüne Uniform an, setzte sich die Mütze auf, trat vor den „Großstadtrevier“-Schöpfer Jürgen Roland – und erntete Gelächter. Doch nicht etwa, weil sie schlecht spielte – bereits 1991 hatte sie in einem Gastauftritt als Prostituierte in der Folge „Sonntagsfrühstück“ und ein Jahr später als Tochter eines griechischen Wirtes in der Folge „Schutzgeld“ ihr Talent bewiesen. Der Grund war optischer Natur: „Ich sah so bekloppt in dieser Uniform aus. Wie ein kleiner Giftzwerg. Das ging gar nicht“, erzählt sie lachend. Doch das optisch missglückte Casting wurde für die Halbgriechin zum Glücksfall.

Mit „Harry“ wurde ihr eine Figur unter großem Mitspracherecht auf den Leib geschrieben – eine Figur, die sich, zu Beginn von ihren Kollegen als „Schülerlotsin“ verspottet, mittlerweile zur gestandenen Polizistin hochgearbeitet hat. Eine toughe Frau, die sich mit Einfühlungsvermögen, Herz und einem großen Gerechtigkeitssinn in ihre Fälle stürzt.

Doch manchmal wird trotz aller Erfahrung das Privatleben der Figuren stärker belastet, als ihnen lieb ist. Diese Erfahrung macht „Harry“ schon früh in der 28. Staffel. Sie verliert die professionelle Distanz und beschuldigt einen verzweifelten Vater, am Verschwinden seines Sohnes beteiligt zu sein. Zudem wirft sie ihm vor, sein Kind misshandelt zu haben. Ihre Kollegen kommen nicht mehr an sie heran. Sie ahnen nicht, dass die Zivilfahnderin den aktuellen Fall mit der Erinnerung an ein traumatisches Kindheitserlebnis vermischt. Als kleines Mädchen hatte sie vergebens versucht, einen Freund vor seinem prügelnden Vater zu beschützen.

„Besonders in dieser Staffel entstehen viele Brüche. Jeder ist da und macht seinen Job, aber ist irgendwie auch einsam“, sagt Ketikidou. So muss sich Sven Fricke alias „Polizeikommissar Daniel Schirmer“ mit den Trümmern seiner Ehe beschäftigen, und Wanda Perdelwitz lässt sich als „Polizeimeisterin Nina Sieveking“ zu einem illegalen Autorennen hinreißen. Ketikidou sieht die menschlichen Fallhöhen jedoch als Gewinn für die Serie: „Jeder hat Fehler und Schwächen. Wir sind Menschen. Wir sind nicht immer alle gut. Das geht gar nicht.“ Sie halte nichts von Serien, in denen nur schöne Menschen und schöne Bilder ohne Ecken und Kanten gezeigt würden: „Beim ‚Großstadtrevier‘ sind die Guten nicht immer die Guten und die Bösen nicht immer die Bösen. Das macht den Kult aus.“

Ein Herz für Menschen, „die verkorkst und ein bisschen fertig sind“, hatte die überzeugte Hamburgerin schon immer. Schon als Kind war sie in Quasimodo verliebt: „Ich war 11 und dachte: Quasimodo ist doch so ein guter Mensch, es ist doch völlig egal, wie der aussieht.“

Ketikidou hält nichts von Oberflächlichkeit, Eitelkeit und Schönheitswahn – auch wenn sie Teil einer Branche ist, in der ebendiese Attribute eine große Rolle spielen und auch schon mal unverblümt zur Sprache kommen: Vor sechs Jahren habe ein Produktionsleiter der Serie zu ihr gesagt: „Mary, du musst langsam mal was tun, sonst passiert dir das Gleiche wie…“, erzählt sie, ohne Namen zu nennen. Der Kollegin sei gekündigt worden, weil sie optisch nicht mehr ins Konzept gepasst habe.

Der Produktionsleiter empfahl Ketikidou ein Gespräch mit den Beleuchtern oder einen Arztbesuch. „Hauptsache, du machst was“, habe er gesagt. Zwischen Tür und Angel bei einer Cola. Menschenverachtend sei das gewesen. „Der Produktionsleiter ist mittlerweile weg, aber ich bin immer noch da. Ich habe gar keinen Bock, mich so behandeln zu lassen“, sagt sie heute selbstbewusst. Sie habe gelernt, sich nur noch mit Menschen zu umgeben, die ihr guttäten. Heute sei sie ganz bei sich. Mal quirlig und enthusiastisch. Dann wieder ganz still und nachdenklich. Aber immer authentisch. Typisch hamburgisch eben.