ARD-Fernsehfilm: „Die Sache mit der Wahrheit“ Bieder und voller Klischees

Von Hendrik Steinkuhl


Osnabrück. Am Freitag, 21. November um 20.15 Uhr blamiert sich die ARD auf ein Neues: Im Zentrum des Fernsehfilms „Die Sache mit der Wahrheit“ steht eine krankhafte Lügnerin – deren Darstellerin in einem Interview empfiehlt, sich von solchen Menschen bloß fernzuhalten. Weil der Film außerdem eine satte Portion Schwulen-Stereotype enthält, ist er ein würdiger Abschluss der missratenen ARD-Themenwoche Toleranz.

Christiane Paul spielt die Kellnerin Katrin Schmitz, die Stewardess Vivien Garnier und die Musikmanagerin Michelle Fargent – in ein und demselben Film. Die multiple Persönlichkeit ist Ausdruck einer Krankheit, die knappe hundert Jahre lang den viel zu schönen Namen Pseudologia phantastica trug. Mittlerweile ist sie eher unter der Bezeichnung Pseudologie zu finden. Hinter beidem versteckt sich dasselbe: Die betroffenen „Pseudologen“ sind krankhafte Lügner. Sie erfinden die absurdesten Geschichten über ihr Leben, weil sie nicht anders können. „Langstrecke London–Singapur hört sich einfach besser an als Spätschicht im Schrammelwirt“, sagt Katrin alias Vivien, als ein Therapeut sie fragt, was all die Lügerei soll.

Laut dem Psychiater Hans von Stoffels leiden Pseudologen unter einem unstillbaren Verlangen nach Geltung und Anerkennung. Dahinter stecken fast immer eine als traumatisch empfundene Kindheit, ein Minderwertigkeitskomplex und nicht zuletzt ein hohes Maß an Kreativität. Man muss der ARD an dieser Stelle ein großes Lob aussprechen: Sie liefert einen großartigen Einblick in die Krankheit Pseudologie – allerdings nicht in dem unendlich platten Film „Die Sache mit der Wahrheit“. Das SWR-Radiofeature „Ich lüge, also bin ich“ (gesendet am 2. Oktober) aber nimmt den Hörer mit in die so faszinierende wie abstoßende Welt von Luisa, die ihrem neuen Partner Georg eine groteske Unwahrheit nach der anderen auftischt. Mehrfach erkrankt sie an Krebs und überwindet die Krankheit; mehrfach stellt sie einen Geldsegen in Aussicht, der nie kommt. Nacherzählt wird die große Hochstapelei von deren Opfer mit dem Pseudonym Georg, einem Freund der Journalistin Ines Molfenter, die dieses preiswürdige Stück Radio produziert hat.

„Die Sache mit der Wahrheit“ bietet dagegen nur eine mittelmäßig schauspielernde Christiane Paul, von deren chronischer Lügnerin keine Faszination ausgeht. Und, ach ja, all die Legenden haben ihren Ursprung darin, dass ihre reiche böse Mutter sie als Kind ins Heim gegeben hat. Klingt wie von einem Pseudologen erfunden – steht aber leider so im Drehbuch.

Die Krönung steht allerdings mal wieder im Presseheft zum Film. Auf die Interview-Frage, was sie einem chronischen Lügner wie ihrer Figur Katrin raten würde, antwortet Christiane Paul: „Ich würde eher mit den Menschen aus ihrem Umfeld sprechen. Da Pseudologie so schwer zu therapieren ist, kann man ihnen – ehrlich gesagt – nur raten, sich von dieser Person zu distanzieren.“ Eine nachvollziehbare Aussage – wenn dieser Film nicht gerade in der Themenwoche Toleranz liefe.

Es geht allerdings noch peinlicher. Nach einem zufälligen Treffen quartiert sich Dauerlügnerin Katrin spontan für einige Tage bei ihrer Freundin Doro ein, die sie 20 Jahre lang nicht gesehen hatte. Doro ist Mutter von Jakob und Frau von Matthias, und über Letzteren weiß Katrin noch Folgendes: „Der war doch immer so klemmig!“ Aber hallo! 40 Filmminuten später stellt sich heraus, dass der klemmige Familienvater Matthias eine Affäre mit seinem Polizisten-Kollegen Winnie hat und damit laut Szenesprache eine Klemmschwester oder ein Klemmschwuler ist. Lover Winnie übrigens trägt schulterlanges, goldgelocktes Haar, hat ungeheuer weiche Gesichtszüge und ist die Höflichkeit in Person. Als Winnie beim Familiengrillen – noch hält man ihn nur für den Kollegen – hört, dass es Nachtisch gibt, sagt er: „Nein danke. Morgen beim Squash merke ich es dann wieder.“ Eigentlich erstaunlich, dass Winnie nicht sagt: „Aber einen Prosecco würde ich schon noch nehmen!“

Als Katrin wiederum in der Garage ein Magazin mit lauter nackten Jungs findet, verdächtigt Mutter Doro zunächst ihren Sohn. Gatte Matthias findet ihren Furor („Wenn ich mir vorstelle, wie Jakob mit einem anderen Mann – da wird mir ganz anders“) verständlicherweise völlig überzogen und macht während Doros Wutausbruch unter anderem was? Richtig, er zupft sich die Augenbrauen. Als Matthias’ Doppelleben auffliegt, bekommt seine betrogene Frau die Opferrolle exklusiv. Dass Familienvater Matthias unter seiner versteckten Neigung gelitten haben muss – für den Abschlussfilm der Themenwoche Toleranz offenbar uninteressant.

Peinliche Plakate, ein willkürlicher Toleranzbegriff, latente Ausländerfeindlichkeit im Film „Das Ende der Geduld“ – und nun auch noch das: „Die Sache mit der Wahrheit“ ist der groteske Gipfel von sieben ARD-Tagen, die man nachträglich in „Themenwoche Inkompetenz“ umbenennen müsste.

Die Sache mit der Wahrheit. ARD, Freitag, 21. November, 20.15 Uhr.