Als das Waldsterben politisierte Doku „Generation Waldsterben“ zeigt Aufwachsen der Babyboomer

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Filmemacher Reinhard Kungel verbrachte in seiner Jugend viel Zeit im Wald. Wie hier am Vatertag 1977.Foto: WDR/Reinhard KungelFilmemacher Reinhard Kungel verbrachte in seiner Jugend viel Zeit im Wald. Wie hier am Vatertag 1977.Foto: WDR/Reinhard Kungel

Osnabrück. Kahle Baumwipfel, die in einen grauen Himmel ragen: Mit solchen Bildern kam die Nachricht vom Waldsterben Anfang der 1980er-Jahre in die Öffentlichkeit. Es sei das Thema gewesen, durch das er politisiert wurde, sagt der Filmemacher Reinhard Kungel (Jahrgang 1962). Angeknüpft daran, erzählt er teils sehenswert, teils belanglos die Geschichte seiner Generation.

Die Deutschen und ihr Wald. Es ist eine Beziehung, die oft beschrieben wird, die Eingang in Lexika und Sozialisationsstudien erhalten hat. Auch für Reinhard Kungel ist sie ganz zentral, nicht nur weil der Dokumentarfilmer oft im Wald joggt, sondern vor allem weil er dort viel Zeit in seiner Kindheit und Jugend verbracht hat. Und so wird klar: Der saure Regen, die Schäden am Wald, die zuerst in den 1980er-Jahren dokumentiert wurden, bedrohten auch seine persönliche Sicherheit, sein Gefühl von Geborgenheit.

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Denn der Wald war nicht nur Abenteuerspielplatz, sondern auch Zufluchtsstätte und in der Jugend Abstandshalter vor dem Zugriff seiner Eltern.

Überwiegend augenzwinkernd erzählt Kungel, der vornehmlich Dokumentarfilme im Ausland dreht, vom Aufwachsen in der Bundesrepublik zwischen 1960 und 1980. Dabei bringen die Bilder aus familieneigenen Super-8-Filmen bereits die entsprechende Stimmung mit. Es gab wohl kaum eine Familie, in der der Vater nicht mit Filmkamera und Tonbandgerät das Leben seiner Liebsten festgehalten hat. „Wir waren die erste Generation, deren Kindheit umfassend dokumentiert wurde“, lässt Kungel den Sprecher des Films, Christian Baumann, sagen.

In den 90 Minuten, die der WDR in der Reihe „Kinozeit“ zeigt, vergisst Kungel kaum ein Detail. Er geht auf die Jagd nach RAF-Terroristen ein, deren Konterfeis auf Plakaten in jeder Post gezeigt wurden. Er schildert die Eroberung der Welt mit Motorrädern, die Reise in Länder, deren Details nicht bereits vorher über das Internet erkundet werden konnten. Er zeigt, wie das Zurückhalten von Information durch die Politik seine Einstellung noch befeuerte.

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Doch ab und an bleibt er im Plakativen stecken. So lässt sich nicht jede Disziplin, die im Turnverein eingefordert wurde, auf die Nazi-Vergangenheit der Elterngeneration zurückführen. An einigen Stellen mutet der Film wie eine Aufzählung an, die sich mühsam in einen Scherz oder ins Philosophische retten soll, wie die Frage: „Was lehrt uns der Baum? Vielleicht, dass Wurzeln Halt geben.“ Ein Gewinn aber ist der Film, wenn Kungel verdeutlicht, wie die Teilnahme an der großen Politik scheitert, weil im Leben der meisten Menschen die Bewältigung des Alltags Vorrang hat.

Generation Waldsterben, 23.15 Uhr, WDR


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