Verpatzter Film über Kirsten Heisig „Das Ende der Geduld“: Richter Andreas Müller kritisiert Film

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Martina Gedeck spielt die Jugendrichterin Corinna Kleist. Die Figur ist angelehnt an die 2010 verstorbene Kirsten Heisig. Foto: BR/CWP-Film/Oliver VaccaroMartina Gedeck spielt die Jugendrichterin Corinna Kleist. Die Figur ist angelehnt an die 2010 verstorbene Kirsten Heisig. Foto: BR/CWP-Film/Oliver Vaccaro

Osnabrück. Mit ihren Plakaten für die Themenwoche Toleranz ist die ARD ins Fettnäpfchen getreten – jetzt suhlt sie sich darin: Der Film und Themenwochen-Beitrag „Das Ende der Geduld“ über die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig ist schlecht, tendenziös und bedient Verschwörungstheorien. Der bekannte Jugendrichter und Heisig-Weggefährte Andreas Müller zeigt sich enttäuscht.

Größer kann die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht sein: „Der Film setzt der Berliner Richterin ein beeindruckendes Denkmal“, schreibt die ARD über ihre Fiktionalisierung von Kirsten Heisigs Sachbuch „Das Ende der Geduld“. „Ich erkenne Kirsten und ihr Werk in dem Film nicht wieder“, sagt dagegen Heisigs Kollege und enger Freund Andreas Müller.

Unsere Redaktion hatte den bekannten Jugendrichter aus Bernau bei Berlin gebeten, sich den Film vorab anzusehen. Die ARD zeigt „Das Ende der Geduld“ am Mittwoch um 20.15 Uhr, im Anschluss greift Anne Will das Thema noch einmal auf. Die Berliner Jugendrichterin Heisig war bekannt geworden durch das von ihr initiierte Neuköllner Modell, bei dem sich jugendliche Kriminelle nach einer Straftat so schnell wie möglich vor Gericht verantworten müssen. Damit soll verhindert werden, dass die Jugendlichen bis zur Hauptverhandlung weitere Straftaten anhäufen und das ursprüngliche Vergehen am Ende so weit zurückliegt, dass die Bestrafung jeden erzieherischen Effekt verliert. Im Jahr 2010 beging Kirsten Heisig Suizid. Posthum erschien ihr Buch „Das Ende der Geduld“, das ein Bestseller wurde.

Obwohl Kirsten Heisig Depressionen hatte – eine Krankheit, deretwegen sich jährlich Tausende Menschen das Leben nehmen –, heizt „Das Ende der Geduld“ die Spekulationen an, ihr Tod könnte andere Motive gehabt haben. „Es kommt so rüber, als hätte sie einfach aufgegeben“, sagt Andreas Müller. „Kirsten Heisig war aber krank und sonst nichts.“ Der Film thematisiert die Krankheit nicht, im Presse-Heft ergeht sich die ARD in wilden Mutmaßungen: „Ist ihr Tod als eine Reaktion auf eine gesellschaftliche Fehlentwicklung zu sehen, die letztlich unumkehrbar ist?“

Gleichzeitig suggeriert der Film eine mögliche Ermordung Heisigs. Die von Martina Gedeck gespielte Jugendrichterin, die den Namen Corinna Kleist trägt, wird mehrfach bedroht. „Mir sind solche Bedrohungen aus Kirsten Heisigs Leben nicht bekannt“, sagt Andreas Müller. Bei Gedecks letztem Auftritt folgt ihr ein arabischer Jugendlicher mit einem Schwert; eine Szene, die lächerlich bizarr wirkt und zudem Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker ist, die behaupten, die unbequeme Kirsten Heisig sei getötet worden.

Nicht zuletzt ist der arabische Schwertträger wenig toleranzfördernd – und das gilt für den gesamten Film. Die arabische Sippe, mit der sich Corinna Kleist anlegt, ist so verkommen, dass alle Vorurteilsträger ihre helle Freude daran haben werden. Unstrittig ist, dass es gerade in Berlin viele kriminelle arabische Clans gibt; das schreibt auch Kirsten Heisig in ihrem Buch. Doch während Heisig immer wieder betont, dass es auch deutsche Intensivtäter gibt, vermittelt der Film den Eindruck, als wäre Schwerkriminalität ein arabisches Privileg. „Ich bezweifle, dass dieser Film etwas für die Toleranz tut“, sagt Andreas Müller. Dass Corinna Kleist alias Kirsten Heisig zu einer Muslimin sagt, sie brauche kein Geld, sondern einen Deutschkurs, ärgert Müller ebenfalls: „So etwas hätte Kirsten nie gesagt.“ Noch schlimmer findet Müller nur, wie der Film die richterliche Befragung eines 13-jährigen Vergewaltigungsopfers inszeniert. Das Mädchen muss seine Aussage vor Publikum und insbesondere in Gegenwart der mutmaßlichen Täter abgeben. „Das würde es in der Realität nie geben.“ Als die 13-Jährige plötzlich behauptet, der Sex sei einvernehmlich gewesen, wird sie von der Jugendrichterin hart angegangen und unter Druck gesetzt. „So wäre Kirsten nie im Leben mit einem Kind umgegangen“, sagt Andreas Müller.

Das beliebte Argument, es handele sich immer noch um Fiktion, verfängt in diesem Fall nicht. In einem Interview mit der ARD sagt Regisseur Christian Wagner, er sei zur Vorbereitung des Films häufig im Gericht gewesen und habe dabei gedacht: „Ja, wirklich, die Zuschauer sollen das zu sehen bekommen, wie es hier drinnen zugeht!“

Weil „Das Ende der Geduld“ auch noch langweilig ist, wird der Film niemandem gerecht. Dass die ARD das Werk als einen Höhepunkt ihrer Themenwoche Toleranz bezeichnet, ist in jeder Hinsicht grotesk. Der Film über Kirsten Heisig zeigt nur eines: wie man bei der Verfilmung eines Sachbuchs und des Lebens einer Person der Zeitgeschichte eigentlich alles falsch machen kann.

„Das Ende der Geduld“ läuft Mittwoch um 20.15 Uhr in der ARD. Um 21.45 Uhr greift Anne Will das Thema auf.


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