Faszinierendes Spiel mit dem Bösen Edin Hasanovic wurde berühmt mit „Schuld sind immer die anderen“

Von David Sarkar

Spielt gern den Bösewicht: Edin Hasanovic.Spielt gern den Bösewicht: Edin Hasanovic.

Berlin. Edin Hasanovic wurde in den Bosnienkrieg hineingeboren. Seine Mutter flüchtete mit ihm nach Berlin. Hier entdeckte der 22-Jährige die Liebe für das Schauspiel. In „Schuld sind immer die Anderen“ bewies er vor zwei Jahren als Gewalttäter Ben sein beeindruckendes Talent.

Edin Hasanovic hat seiner Mutter nicht nur das Leben zu verdanken, sondern auch das Überleben. Im Juni 1992, Edin war gerade einmal zwei Monate alt, traf seine Mutter eine Entscheidung, die ihr und ihrem Sohn das Leben rettete.

Im heutigen Bosnien-Herzegowina tobte der Krieg, große Teile der Serben kämpften um den Verbleib in der jugoslawischen Föderation, die Bosniaken für den Wunsch nach einem eigenen Staat. Familie Hasanovic geriet zwischen die Fronten. „Meine Mutter wollte, dass wir überleben. Wir sind mit dem Deutschen Roten Kreuz als Flüchtlinge nach Berlin gekommen. Wären wir dort geblieben, hätten wir das nicht überlebt“, sagt Edin. Den Vater mussten sie zurücklassen. Am 1. Juni 1992 überfielen Serben das Dorf der Familie, verschleppten 750 Männer, darunter Edins Vater und zwei seiner Brüder. „Meine Mutter sah ihn nie wieder“, sagt Edin. Bis heute gibt es kein Grab.

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22 Jahre später, das me-Café in der Auguststraße in Berlin-Mitte. Entspannt sitzt Edin in einem braunen Sessel. Vor ihm ein großer Eichentisch. Er trägt ein schwarzes Poloshirt und bestellt Tee. Vor zwei Jahren war er zuletzt in Bosnien, wo viele seiner Familienmitglieder bis heute leben. „Bosnien ist schön, aber ich verbinde mit diesem Land auch immer Krieg und Trauer“, sagt er. Intensiv habe er sich in den vergangenen Jahren mit dem Krieg beschäftigt. „Ich habe viele Bücher gelesen und Dokumentationen angeguckt. Ich wollte diese Zeit verstehen und begreifen“, erzählt er. Erinnerungen an den Krieg hat Edin nicht: „Meine Mutter erzählte mir später, dass ich als Kleinkind bei jeder Granate zusammengezuckt bin.“

Der heute 22-Jährige genießt das Aufwachsen in der Hauptstadt und beginnt das Spielen zu lieben, die Arbeit mit Körper und Stimme. „Schon in der Schule war ich in Theatergruppen. In jedem meiner Zeugnisse stand: ‚Er liebt das Singen und Tanzen!‘“, erzählt er. Edin nimmt die kindliche Begeisterung mit in die Pubertät. Er ist 13, als er sich bei einer Berliner Castingagentur vorstellt. „Das werde ich nie vergessen. Die wollten einfach sehen, ob da jemand Bock hat und aus sich herauskommen kann“, sagt Edin. Er sprüht vor Spiellust und erhält noch in der gleichen Woche zwei Einladungen – für ein Casting beim Berliner Ensemble und für die ZDF-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“. Beides klappt.

Rolle in ZDF-Serie

Die Rolle als halbwüchsiger Bosnien-Flüchtling Enes in allen drei Staffeln der mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten ZDF-Serie wird für Edin zum großen Wurf. „Diese Serie hat mir alle Türen geöffnet. Da hatte ich Blut geleckt“, sagt er. Ein Fan der Serie ist der damalige Filmregiestudent Lars-Gunnar Lotz. Er sucht einen Hauptdarsteller für seinen Abschlussfilm „Schuld sind immer die anderen“ über den jugendlichen Straftäter Ben und findet ihn 2012, zwei Jahre nach Ende der Serie, in Edin – ein Glücksfall für Regisseur und Zuschauer: Nach einem brutalen Überfall auf die schwangere Eva wird Ben festgenommen und kommt ins Jugendgefängnis. Doch im abgelegenen „Waldhaus“ bekommt er eine zweite Chance. Die Situation eskaliert, als er in der Hausmutter sein früheres Opfer wiedererkennt. Edin stattet seine Rolle mit Gewalt und Wut, Hass und Selbstzweifeln und einer schier unbändigen Energie aus. Das zu spielen, ist auch körperlich eine anstrengende Sache: „Bei aggressiven Szenen bist du einfach aggro. Dein Herz rast, der Puls geht schneller, und wenn du vor der Kamera traurig bist, bist du auch traurig“, sagt Edin. Und dann ist da auch noch die Sympathie, die er als Schauspieler für einen Gewalttäter wie Ben entwickeln muss: „Du musst deine Rolle mit all ihren Macken und Eigenschaften lieben. Auch wenn es dir manchmal schwerfällt.“

Mit seinem Kinodebüt begeistert Edin Zuschauer und Kritiker. Auf dem São Paulo International Film Festival erhält er den Darstellerpreis, wenig später den Günter-Strack-Fernsehpreis, den Günther-Rohrbach-Filmpreis und eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis. Etwas unheimlich fühlte sich der Erfolg an, weil er nicht wusste wofür: „Ich habe einfach gespielt, habe da kein Training für genommen. Die Leute fanden das unheimlich gut, aber ich konnte diesen Erfolg nicht greifen“, sagt er. Heute gelinge ihm das besser.

Edin hat schon viele Bösewichte gespielt – einen mordverdächtigen Ganganführer im ZDF-Fernsehfilm „Kommissarin Lucas: Aus der Bahn“ (2010), den Entführer der ARD-„Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) in „Der Wald steht schwarz und schweiget“ (2012) und einen U-Bahn-Schläger neben Jannik Schümann im viel diskutierten Berliner „Tatort: Gegen den Kopf“ (2013). Am Anfang hätten ihn diese Rollen beleidigt. Er wollte raus aus der Schublade der Gewalt. Heute sieht er es differenzierter und nennt sie „bombastisch“. Edin hat erkannt, dass böse nicht nur böse ist, dass es dazwischen viele Schattierungen gibt. „Heute sehe ich den inneren Kampf, den diese Figuren mit sich ausfechten. Meine Rollen sind voller Charakter“, sagt er. Und sie sind voller Edin. Voller Kraft und Leidenschaft für das Spiel.