„Ich verstehe Frauen“ Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy erklärt ihren Erfolg

Von Corinna Berghahn

Die Autorin Ildikó von Kürthy. Foto: dpaDie Autorin Ildikó von Kürthy. Foto: dpa

Hamburg. Seit ihrem ersten Roman „Mondscheintarif“ ist Ildikó von Kürthy eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Im Samstagsinterview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung erzählt sie, wie die Blindheit ihres Vaters ihr Talent zur Beobachtung und Beschreibung gefördert hat und warum sie es lustig findet, das Literaturkritiker Dennis Scheck findet, sie schreibe wie „Inge Meysel auf Ecstasy“.

Erster Eindruck: Ildikó von Kürthy ist groß. Zweiter Eindruck: Sie lacht viel. Wir treffen uns mit der Bestsellerautorin in einem Café im Herzen von Hamburg-Eppendorf. Von Kürthy frühstückt, sehr gesund übrigens: Rührei, Krabben, Schwarzbrot – und verspricht, trotz vollen Mundes deutlich zu reden. Dann kann es ja losgehen.

Frau von Kürthy, Sie schreiben Bücher, in denen sich Tausende Frauen wiederfinden. Verstehen Sie Frauen?

Ja, und zwar jede. Ich fühle mich auch von den meisten Frauen oder Freundinnen gut verstanden. Aber das ist auch keine Kunst. Wenn ein Mann Frauen versteht, dann ist das schon etwas ungewöhnlicher.

Wenn es nichts Besonderes ist, was macht Sie dann erfolgreich?

Ich habe tatsächlich nur eine überschaubare Anzahl von Talenten. Ich konnte in der Schule kein Mathe, keine Erdkunde, keine Chemie, keine Informatik. Insofern ist das einzig Besondere an mir, dass ich das aufschreiben kann, was mir begegnet und was mich beschäftigt. Und das, was mich beschäftigt, ist meist durchschnittlich.

Hat die Blindheit Ihres Vaters dieses Talent zutage gebracht?

Zwangsweise, ja. Ich habe ihm die Augen ersetzt und ihm alles beschrieben. Damit bin ich aufgewachsen. Ich musste immer sprechen, weil für einen blinden Menschen nur jemand lebendig ist, der spricht. Wir konnten nicht mit Blicken oder Gesten kommunizieren. Sprache war unser einziges Medium. Dass ich nun auch noch das aufschreibe, was ich ausspreche, ist einfach nur der nächste Schritt.

Warum war er blind?

Er war Halb-Ungar und hat in Ungarn studiert. Nach dem Krieg ist er, ein kraftstrotzender junger Mann von 26 Jahren, unschuldig als politischer Häftling ins Gefängnis gekommen. Dort hatte er eine Augennerv-Entzündung, die wurde nicht behandelt, und er ist erblindet. Dass er sich trotz seiner Behinderung nicht aufgegeben hat und Professor für Erziehungswissenschaften wurde, ist eine wahnsinnige Lebensleistung. Aber als Kind hat man keinen Respekt vor der Lebensleistung der Eltern. Das kommt erst jetzt. Und es tut mir leid, dass ich ihm die jetzt brennenden Fragen nicht mehr stellen kann.

Wie ist das Leben als kleines Kind mit einem blinden Papa?

Kinder empfinden ihre Eltern nicht als behindert, weil sie sie nicht anders kennen. Ich hatte ja auch gar keine andere Wahl. Ich kannte ihn nicht anders und habe nichts vermisst.

Ihr Vater Professor, ihre Mutter Buchhändlerin: Wurde bei Ihnen viel gelesen?

Von morgens bis abends. Da mein Vater ja nicht selber lesen konnte, wurde ihm ständig vorgelesen. Es waren ständig Studenten bei uns, die ihm vorlasen. Insofern bin ich einer Dauerberieselung hochwertigster Sprache ausgesetzt gewesen, umgeben von Büchern.

Waren Ihre Eltern stolz auf Ihren Erfolg?

Die waren immer stolz auf mich, auch wenn ich keinen Erfolg hatte. Ich bin ein sehr geliebtes Kind gewesen und hatte immer das Gefühl, ich habe es mir verdient, geliebt zu werden, auch wenn ich nichts geleistet habe. Daher rührt mein mangelnder Ehrgeiz.

Mangelnder Ehrgeiz? Seit 1999 schreiben Sie quasi alle zwei Jahre ein neues Buch.

Aber das ist etwas, was ich kann und was ich gerne mache. Da beiße ich mich selten durch. Ich habe wenig Durchhaltevermögen. Da ist es von Vorteil, dass ich einen Beruf habe, der mir liegt und der mir Spaß macht. Ich bin nicht der Typ für lange Durststrecken. Ich habe immer etwas gemacht, was ich sowieso schon konnte.

Sind Sie emanzipiert?

Nicht genug. Ich finde, es reicht nicht, dass man sein eigenes Geld verdient. Man muss auch innerlich seine Rollenbilder überprüfen und erweitern. In mancher Hinsicht bin ich jedoch noch sehr engstirnig in meiner Vorstellung, wie Männer und Frauen zu sein haben. Aber ich arbeite daran.

Warum stehen Ihre Heldinnen eigentlich so oft am Rande des Nervenzusammenbruchs, fühlen sich dick und ungeliebt, obwohl es immer kluge Frauen sind?

Möchten Sie ein Buch lesen, wo eine Frau ständig mit sich selbst zufrieden ist und sagt: „Ich finde mich toll. Ich habe keine Probleme.“ Ich nicht. Jeder Roman hat im besten Fall eine Entwicklung und ein Problem, das es zu lösen gilt.

Was lesen Sie selbst gerne?

Das kommt sehr auf meine Lebensphase an. Im Moment habe ich den Winter eingeläutet. Ich werde dicker und ich lese dicke Bücher mit Landhäusern drauf, die mir keine Angst machen. Im Frühling lese ich wieder herausfordernde, ungemütliche Bücher.

Und Frauenromane?

Lese ich nicht. Sie interessieren mich nicht. Ich schreibe sie gerne, aber es ist wahrscheinlich so, wie mit selbst gebackenen Plätzchen. Da isst man auch die eigenen am liebsten. Mit einer Ausnahme: Kurz bevor ich „Mondscheintarif“ geschrieben habe, habe ich „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ auf Englisch gelesen. Das fand ich sehr gut und sehr, sehr lustig.

Ärgert es Sie, dass Literaturkritiker auf Sie und auf das ganze Genre Frauenroman herabblicken?

Nein, das ärgert mich überhaupt nicht. Ich schreibe nicht, um den Literaturkritikern zu gefallen. Im Gegenteil.

Literaturkritiker Dennis Scheck sagte, Sie schreiben wie „Inge Meysel auf Ecstasy“…

Das finde ich gut. „Inge Meysel auf Ecstasy“ sagt zwar nichts aus, klingt aber sehr, sehr lustig. Und ich hatte mal erwogen, es hinten auf meinen Büchern zu zitieren, jedoch als Lob. Kritiker gehören nicht zu meiner Zielgruppe. Es würde mich in der Tat sehr beunruhigen, eine Eloge auf einer Doppelseite in der „FAZ“ zu meinem neuen Buch zu lesen. Dann hätte ich mein Ziel verfehlt.

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Lustige, selbstkritische, an sich, dem Leben und den Männern immer wieder verzweifelnde Frauen, mit Rückgrat und Zuversicht. Ich bin ganz stolz auf meine Zielgruppe, wenn ich sie bei Lesungen treffe. Dann gebe ich mir extra viel Mühe, schreibe immer den Namen rein und einen kleinen Spruch, auch Zeichnungen. Ich kann auch sehr schöne Penisse malen, so wie früher an der Tafel…

Wird Ihre Zielgruppe mit Ihnen auch älter?

Es gibt keine demografischen Studien. Doch da meine Heldinnen sich verändern und Probleme bekommen, die 20-Jährige nicht haben, nehme ich an und hoffe, dass meine Zielgruppe mich bis zur Kiste begleitet.

Sie sind Mutter geworden und schreiben in dem dazu erschienenen Buch „Unter dem Herzen“ über Ihre eigenen Eltern und deren Tod. Hat das eine mit dem anderen zu tun?

Ich habe jetzt ein viel größeres Interesse an meinen Eltern. Als sie gestorben sind, war ich 25 Jahre alt. In dem Alter tut einem ja nichts wirklich weh, ich war traurig, aber ich blieb unverletzt, weil das Leben mir gerade zu Füßen lag. Was der frühe Tod meiner Eltern bedeutet, verstehe ich jetzt viel besser, wo ich Kinder habe. Ich blicke oft ins Leere, wenn ich zurückschaue, und Fragen bleiben unbeantwortet. Die profanen – hatte ich als Kind eigentlich die Masern? Und die existenziellen – woher komme ich, woher kamt ihr und was kann ich von euch lernen?

In „Sternschanze“ dreht es sich neben dem Tod der Eltern auch um eine Fehlgeburt. Experimentieren Sie mit der Tragik?

Experiment ist dafür das falsche Wort, weil es sowieso an der Zeit war für mehr Ernsthaftigkeit. Es kam sozusagen aus mir auch heraus, und ich war umso gespannter, wir es ankommt. In „Unter dem Herzen“ gab es schon ein paar Stellen, die sehr zu Herzen gehen. Ich habe gute Resonanz darauf bekommen, sodass ich ermutigt wurde, in dieser Richtung weiterzumachen. In „Sternschanze“ waren dann zum ersten Mal explizit Stellen in einem meiner Romane, die wirklich und unironisch und schwer verdaulich ans Eingemachte gehen.

Der Brief über die nicht verarbeitete Fehlgeburt, den die Heldin an ihrem Mann schreibt, ist wahnsinnig emotional und nimmt viele Leser sehr mit.

Mich auch. Ich habe beim Schreiben geweint. Als wir das Hörbuch eingelesen haben, konnte ich die Stelle, an der die Mutter stirbt, nicht vorlesen. Wir mussten bestimmt zehnmal ansetzten, bis ich das durch hatte.

Ist das Buch nah an Ihrem eigenen Leben?

Ich arbeite immer mit Versatzstücken aus meinem eigenen Leben oder aus dem Leben von Freundinnen und Freunden. Vieles ist erfunden, manches nicht. Aber ich kann mich auch so reinsteigern, dass ich mittlerweile fast selber glaube, mein Vater sei ertrunken. Das ist nicht so, trotzdem habe ich sehr geweint, als ich die Stelle in der Uni-Bibliothek geschrieben habe. Vor allen Leuten.

Sie schreiben in der Uni-Bibliothek?

Für mich war das die Entdeckung schlechthin, weil es da so ruhig ist. Zu Hause bin ich immer abgelenkt: Kühlschrank, Kinder, Bügelbrett, Mann. Ich lasse mich jedoch auch gerne ablenken, deswegen gehe ich seit dem letzten Buch zu den Juristen in die Universität. Das ist ein toller Arbeitsplatz.

Sie beobachten unglaublich viel, weil Sie das von Kindheit an gewohnt sind, oder?

Ja. Ich habe meinem Vater die Welt beschrieben, Gesichter, Bilder, Landschaften unseren ersten gemeinsamen Flug. Das war mein Alltag und eine gute Übung.

Jetzt beobachten Sie auch Ihre Kinder, thematisieren Sie in Ihrer Kolumne in der „Brigitte“ und berichteten in „Eltern“ über das „ 1. Jahr mit Kind“. Meinen Sie nicht, dass Ihre Söhne sich irgendwann darüber beschweren werden?

Bestimmt. Die werden sich über alles irgendwann beschweren, was ihre Mutter macht. Ich versuche aber, mich in ihrer Beschreibung auf das zu beschränken, was allgemein gilt. Beispielsweise über das Problem, wie es ist, Jungen zu haben, die Furzwettbewerbe machen und als Action-Helden auf die Welt kommen. Das sind große gemeinsame Nenner, die alle Jungs-Eltern kennen. In der Pubertät scheint es ja genauso zu sein. „Das Pubertier“ wäre kein Besteller, wenn die Eltern von Pubertierenden nicht alle durch dieselbe Hölle gehen.

Hat die Schwangerschaft und Mutterschaft Sie verändert?

Leider eher wenig. Ich habe gedacht, man könnte zum Beispiel automatisch Kekse backen, wenn man ein Kind hat. Ich hingegen nehme immer Backmischungen, und ich vergesse selbst da noch die entscheidende Zutat. Neulich die Schokostreusel, die da dringend rein müssen, oder die Eier. Ich habe auch gedacht, man würde mütterlicher, geduldiger, weiser. Ich bin eher ungeduldiger geworden, weil Kinder einem ja auch so auf die Nerven gehen können. Daher bin ich manchmal ein bisschen enttäuscht, dass meine Söhne aus mir keinen besseren Menschen gemacht haben. Das schiebe ich ihnen auch stets gern in die Schuhe.

Welcher Ihrer eigenen Romane ist Ihr liebstes Kind?

Das ist wirklich wie bei Kindern, da kann man auch nicht sagen, welches das Liebste ist. Der päsenteste ist mir natürlich immer der letzte Roman. Weil der am nächsten ist, an dem, was gerade in meinem Leben und dem Leben mir Nahestehender los ist. Ich habe jetzt „Mondscheintarif“ als Hörbuch eingelesen und das ist wie in alten Fotoalben blättern. Ich würde es jetzt anders schreiben und lächle wohlwollend, manchmal auch ein bisschen peinlich berührt darüber. So wie man früher Schulterpolster in den Blazern hatte und sich darin sehr schick vorkam.

„Mondscheintarif“ ist 1999 erschienen und allein schon vom Titel aus einer Zeit, als die technische Kommunikation noch anders war.

Das Buch würde heute gar nicht mehr funktionieren. Man sitzt nicht mehr zu Hause und wartet. Man wartet jetzt immer und überall. Ein Fluch und ein Segen. Es gibt nichts Schlimmeres, als mit einer Freundin in Urlaub zu fahren, die gerade frisch verliebt ist und durch den Vorderen Orient rauscht und ständig auf Netzsuche ist. Mich strengt die Erreichbarkeit irre an, und ich merke, wie sich mein Gehirn unschön verändert. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich dafür gemacht bin ständig aus so vielen Quellen zugedröhnt zu werden.

Die Zeiten ändern sich, aber in fast jedem Ihrer Romane kommt der türkische Homosexuelle „Erdal Küppers“ vor. Gibt es ihn wirklich?

„Erdal“ hat viel von mir. All die Neurosen, die meine Heldin nicht haben darf, weil die ja relativ normal sein soll. Alle meine schrägen und schwer vermittelbaren Seiten. Und ich denke bei „Erdal“ immer auch an meinen Freund Guido Maria Kretschmer. Er sagt oft rasend witzige Dinge, und die klaue ich dann ohne schlechtes Gewissen. Zum Beispiel: „In meinem Herzen trage ich bauchfrei. Da bin ich für die Zucht gemacht und nicht für die Mast.“ Aber Guido ist natürlich nicht der Einzige, den ich schamfrei benutze, sondern viele von meinen Freunden – und meinen Feinden. Ich schreibe gerade ein Theaterstück und habe drei meiner engsten Freundinnen eingeladen, denen die Rollen meiner drei Protagonistinnen zugewiesen und die mussten die Standpunkte dieser Frauen vertreten. Wir haben uns drei Stunden die Köpfe heiß geredet.

Worum geht es in dem Stück? Gibt es schon einen Namen?

Es geht um Treue, falsche Wahrheiten und wohlmeinende Lügen. Es gibt einen Namen, aber wie bei ungeborenen Kindern verrate ich den noch nicht. Keine Ahnung, wann und wo die Premiere sein wird. Es ist nicht so wie mit Büchern, wo der Erscheinungstermin weit vorher bekannt ist. Hier wird erst einmal geguckt, welches Theater Interesse hat und wo es hinpasst.

Wie geht es dann weiter?

Jetzt Theater, dann ein absolut unsachliches, aus meinem Leben gegriffenes Sachbuch und dann wieder ein Roman. Das ist die Abfolge, wie ich sie mir vorstelle. Und dazwischen mache ich lange und regelmäßige Pausen, in denen ich meinen Kindern und meinem Mann auf die Nerven gehe und versuche, Plätzchen zu backen. Irgendwann muss es ja mal klappen.


Ildikó von Kürthy wird am 20. Januar 1968 als Tochter einer Buchhändlerin und des ungarischstämmigen Hochschullehrers Tamás G. Kürthy in Aachen geboren. Nach ihrem Abitur in Aachen und einem Praktikum bei der Zeitschrift „Eltern“ besucht sie die Henri-Nannen-Schule für Journalistik in Hamburg. Anschließend arbeitet sie bei der „Brigitte“ und bis 2005 beim „Stern“.

1999 erscheint ihr Roman „Mondscheintarif“. Seitdem veröffentlicht von Kürthy fast alle zwei Jahre einen neuen Roman, der sich um die Irrungen und Liebesnöte von Frauen dreht. 2012 setzt sie sich in „Unter dem Herzen. Ansichten einer neugeborenen Mutter“ mit ihren Erfahrungen während der Schwangerschaft auseinander. 2014 erscheint ihr bisher letzter Roman „Sternschanze“. Zudem veröffentlicht sie seit dem Jahr 2009 eine regelmäßige Kolumne in der „Brigitte“. Die Gesamtauflage ihrer Bücher, die in rund 30 Sprachen übersetzt wurden, beträgt mehr als sechs Millionen.

Ildikó von Kürthy lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Söhne, die 2006 und 2010 geboren wurden.