Brigitte Janner beim Speed-Dating Das Erste zeigt mit „Altersglühen“ einen Film ohne Drehbuch

Von Reinhard Lüke


Osnabrück. Sie haben alle schon glücklichere Tage gesehen. Aber jetzt wollen es die sechs Männer und sieben Frauen im fortgeschrittenen Alter noch einmal wissen. So haben sie all ihren Mut zusammengenommen und nehmen an einem so genannten Speed-Dating teil, um ihrer Einsamkeit zu entfliehen. Das mag nicht nach einem Drehbuch für einen packenden Film klingen. Doch herausgekommen ist bei diesem Experiment eine der besten Fernsehproduktionen des Jahres – für die es gar kein Drehbuch gab.

Ein Experiment waren die Dreharbeiten deshalb wirklich. Denn Autor und Regisseur Jan Georg Schütte schaffte es, eine erlesene Darstellerriege zu überreden, sich auf einen Film ohne Drehbuch einzulassen. Sämtliche Dialoge in diesen 90 Minuten sind frei improvisiert. Neben Mario Adorf, Senta Berger, Angela Winkler, Michael Gwisdek, Matthias Habich und Hildegard Schmahl zählt auch Brigitte Janner zu den Mitwirkenden. Janner hat bereits unter Regisseuren wie Peter Zadek und Claus Peymann an verschiedenen Häusern Theater gespielt und in einer Vielzahl von Filmen vor der Kamera gestanden.

Hat sie sich spontan auf das Wagnis dieses Films eingelassen? „Da es kein Drehbuch gab“, sagt Janner im Gespräch mit dieser Zeitung, „habe ich mich erst mal mit Regisseur Jan Georg Schütte getroffen. Wobei er mich witzigerweise überhaupt nicht kannte, weil er kein Theatergänger ist. Soweit ich weiß, hat mich der NDR für den Film ins Gespräch gebracht. Aber nach dem Treffen habe ich dann ziemlich schnell zugesagt, weil ich das Projekt überaus spannend fand.“ Wenn es schon keine festgelegten Dialoge gab, wird es aber doch andere Vorabsprachen gegeben haben. Brigitte Janner: „Schütte und ich haben uns gemeinsam überlegt, wie die Figur, die ich spielen sollte, gestrickt ist und welche Biografie sie haben könnte. Und so hat er auch alle anderen Mitwirkenden nacheinander besucht. Was meine Rolle angeht, habe ich mich mit ihm nach unserem Treffen noch ein paar Mal ausgetauscht, aber das war’s dann auch schon mit den Vorbereitungen.“

Auf welche Figuren sie beim Speed-Dating treffen würde, davon hatte sie keinen Schimmer beteuert die 69-Jährige: „Ich kannte natürlich einen Großteil meiner Kollegen, mit denen ich schonmal zusammengearbeitet hatte, aber in welcher Rolle sie mir beim Dreh gegenübersitzen würden, war mir nicht bekannt.“ Das sei gut so gewesen. Hätte sie sich auf die einzelnen Figuten einstellen können, hätte das der Spontaneität geschadet.

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Was die versierten Mimen aus dieser kühnen Versuchsanordnung herausholen, ist über weite Strecken schlicht hinreißend. Da sind der zurückhaltende Nikos (Adorf), der von seinem Sohn zur Teilnahme an der Veranstaltung überredet wurde, die abenteuerlustige Aussteigerin Clara (Winkler), die eine Reisebegleitung nach Russland sucht, und der joviale Volker (Gwisdek), der in Holzfällerhemd und Basecap erscheint und erzählt, er begleite eigentlich nur seinen schüchternen Freund. Und dann ist da noch die distinguierte Maria (Berger), die mit jedem Augenaufschlag kundtut, dass sie die Veranstaltung und die anderen Teilnehmer für deutlich unter ihrem Niveau hält. Nicht zu vergessen die verheiratete Christa (Janner), die unmissverständlich zu verstehen gibt, dass sie vor allem ein erotisches Abenteuer sucht.

Die Idee zu dieser Figur stammt von der Darstellerin selbst. „Ich wollte auf keinen Fall eine Not leidende Bittstellerin spielen. Den Part hat ja dann netterweise Christine Schorn übernommen und das sehr charmant und witzig gemacht“, sagt Janner, die auf keine Angst vor Improvisation hat – im Gegensatz zu Mario Adorf, dem vor Drehbeginn schon mulmig gewesen sei. „Wenn Sie am Theater lange mit einem Regisseur wie Peter Zadek gearbeitet haben, gehört Improvisation zum Handwerkszeug einer Schauspielerin. Auch bei ’Heimatabend‘ gab es da allenfalls ein paar vage Absprachen technischer Art, aber keine vorgegebenen Dialoge“, erklärte Janner. „Heimatabend“ – das waren jene kultigen, satirischen Jahresrückblicke, die der NDR von 1990 bis 2009 unter der Leitung von Horst Königstein für Fernsehen veranstaltete und in denen Janner neben Martina Gedeck und Ulrich Wildgruber eine tragende Rolle spielte.

Obwohl sie seit Jahrzehnten zu den großen Charakterdarstellerinnen auf deutschen Bühnen gehört, hat Brigitte Janner aber auch keinerlei Berührungsängste mit dem vermeintlich Trivialen. So wirkte sie beispielsweise vorübergehend in der Daily Soap „Rote Rosen“ mit. „Ich fand jene Margit Roth, die ich da gespielt habe, eine durchaus interessante Figur, weil sie im Laufe der Folgen eine bemerkenswerte Entwicklung durchmacht“, sagt Janner. Natürlich sei so eine Daily Soap eher Fließbandarbeit als große Kunst, aber die Produktionsbedingungen hätten ziemlich hohe Anforderungen an alle Beteiligten gestellt. „Von daher war die Serie für mich eine neue, durchaus interessante Erfahrung und ein gutes Training.“

In „Altersglühen“ muss die Mimin allerdings den besten Satz ihrem Kollegen Michael Gwisdek überlassen, der sich schon vor Beginn der Speed-Datings als Frauenversteher zu erkennen gibt. „Frauen wollen zugehört werden“, nuschelt er, um dann aber gleich nachzulegen, er habe immer viel zu viel gequatscht, um bei ihnen landen zu können.

Altersglühen, 20.15 Uhr, ARD. Ab 13. November zeigen NDR und WDR zusätzlich sechs Folgen der Serie „Altersglühen“, die sich jeweils konsequent auf eine der beteiligten Figuren konzentrieren.