Radikalinski mit Radiogesicht Kabarettist Volker Pispers ein Medienphänomen

Von Hendrik Steinkuhl

Polit-Erklärbär mit tiefschwarzem Humor: Kabarettist Volker Pispers. Foto: Elvira PartonPolit-Erklärbär mit tiefschwarzem Humor: Kabarettist Volker Pispers. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Keiner sieht schwärzer, keiner ist bei Youtube häufiger vertreten, keiner verweigert sich so konsequent Interview-Anfragen wie er: Der Kabarettist Volker Pispers ist ein Mann der Extreme und sieht dabei aus wie ein Sozialkunde-Lehrer. Porträt eines Künstlers, der mit Genuss die Hand beißt, die ihn füttert.

Ist Google kaputt? Wer nach den Stichworten „Interview“ und „Volker Pispers“ sucht, bekommt zunächst Zweifel an der Suchmaschine, denn sie wirft genau ein verwertbares Ergebnis aus. Vor sechs Jahren sprach der Düsseldorfer Kabarettist mit der „WAZ“ – und bereits seine erste Antwort entlastet (zumindest in dieser Angelegenheit) Google: „Wissen Sie, ich gebe eigentlich seit Jahren keine Interviews mehr. Und zwar wegen genau solcher Fragen, entschuldigen Sie.“

Der „Kollege“ wollte von Pispers wissen, ob er sich als politischer Kabarettist „als letzte Bastion einer Kunstform – so eine Art Dino kurz vor dem Meteoriteneinschlag“ fühle. Man hätte auch verstanden, wenn Volker Pispers nach so einer Frage einfach gegangen wäre. Geschadet hätte es dem 56-Jährigen nicht. Seit 30 Jahren steht er auf der Bühne, seine Programme sind immer ausverkauft, und für nicht wenige sind Pispers’ Worte ein Evangelium. Dabei ist seine frohe Botschaft tiefschwarz: Wir rasen auf den Abgrund zu, und niemand wird uns stoppen. Erst frisst uns der Kapitalismus auf, dann gibt uns der Klimawandel den Rest – und wovor hat der Deutsche am meisten Angst? Dass am Ende noch Rente übrig ist.

Ein Solitär im deutschen Polit-Kabarett ist Pispers nicht, weil er die Apokalypse noch lauter als alle anderen beschreit. Sein Alleinstellungsmerkmal ist: der Humor. Ohne den geht es zwar auch, wie unzählige deutsche Kabarettisten beweisen. Aber mit Witz rutscht die Empörung einfach deutlich besser durch.

Ende Oktober war Volker Pispers in der Osnabrückhalle zu Gast

„Angela Merkel ist der FC Bayern der deutschen Politik. Nur eben ohne Pep.“ Man mag das witzig finden oder nicht. Tatsache ist, dass die wenigsten von Pispers’ Berufskollegen solche Wortspiele zu Werke bekommen, erst recht nicht in hoher Frequenz. Volker Pispers’ Gag-Dichte dagegen erreicht beinahe die von amerikanischen Sitcoms, und gerade deshalb dürfte er bei der Generation Youtube so beliebt sein. Die Zahl der Videos von Richard Rogler, Mathias Richling, Georg Schramm und Urban Priol erreicht selbst zusammengerechnet nicht im Ansatz die von Volker Pispers.

Unter einem seiner Clips schreibt ein User: „Ich wette, seit wir schnelles Internet haben, hat sich der Bekanntheitsgrad von Pispers mindestens verzehnfacht, wenn er nicht gerade sogar auf’s 100fache angestiegen ist.“ Eine sehr gute Analyse. Viele würden vermutlich auch einen Haken hinter diesem Kommentar setzen: „Der Mann durchschaut alles, keine Frage! Irgendwie wünscht man sich ihn als Weltkanzler.“

Zum Universalregenten der Herzen qualifiziert sich Pispers, indem er wie kein anderer den Polit-Erklärbär gibt. Steuersystem, Kopfpauschale, Riester-Rente – alles hat der Kabarettist schon didaktisch hochwertig auseinandergenommen und danach mit tiefrotem Anstrich wieder zusammengebaut. Pispers steht noch weiter links als die meisten seiner Kollegen, das ist hinlänglich bekannt. In den vergangenen Jahren baut sich der Radikalinski allerdings noch ein zweites Standbein als Verschwörungstheoretiker auf. Und wo trifft man nach Pispers’ Meinung wohl die meisten modernen Illuminaten? Richtig, in den Medien. Nur ein Beispiel: Dass die Riester-Rente seiner Auffassung nach von den Zeitungen ausnahmslos hochgeschrieben wurde, erklärt Pispers bis heute damit, dass die Verlage sonst die Anbieter der privaten Altersvorsorge als Anzeigenpartner verloren hätten; außerdem wollten sie in gemeinsamer Absprache dem Volk den politischen Willen diktieren. Das ist, mit Verlaub, dummes Gerede. Natürlich gibt es in den Massenmedien auch Massenbewegungen. Doch die sind in der Regel anders motiviert. Fehlende Zeit zur Recherche, fehlender Mut oder fehlende intellektuelle Fähigkeiten, um eine komplexe Materie zu durchdringen – alles tausendmal häufiger als die Anbiederung an mögliche Anzeigenkunden oder gar die große Verbrüderung im Hinterzimmer.

Wenn man Hufgetrappel hört, sollte man zuerst an Pferde denken und nicht an Zebras.Interessant ist noch eine moralische Frage: Sollte man Pispers schelten, weil er die Medien verbal vernichtet und ihre Interview-Anfragen ignoriert, obwohl doch genau diese Medien ihn richtig reich gemacht haben? Seit einer Ewigkeit tourt Pispers durch die öffentlich-rechtlichen Kanäle, fünf Jahre lang hatte er eine Sendung bei 3sat, 13 Jahre lang eine wöchentliche Glosse bei WDR2. Dank dieser Präsenz macht Volker Pispers ohne weitere Werbung die größten Hallen voll – um dort wieder die Medien lauter zu hassen als andere Kollegen.

Am Ende ist dieser Mann nicht zuletzt deshalb die lebende schallende Ohrfeige ins Gesicht des Fernsehens, weil er dort optisch nichts verloren hat. Das Waldschratgesicht, die Plauze, die unmöglichen Pullover: Wie kaum ein anderer widerlegt Pispers die Schwätzer, die behaupten, vor der Kamera könne man gerade heute nur mit einem untadeligen Äußeren Karriere machen. Man kann Volker Pispers’ Humor und seine Haltung finden, wie man will: Dafür sollte man ihm dankbar sein.


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