Aus dem Giftschrank Emma Peel zensiert: DVDs hebeln Sendepraxis aus

Von Harald Keller

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Einige Folgen der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ mit Diana Rigg als Emma Peel und Patrick Macnee als John Steed galten als nicht sendbar. Foto: dpaEinige Folgen der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ mit Diana Rigg als Emma Peel und Patrick Macnee als John Steed galten als nicht sendbar. Foto: dpa

Osnabrück. Findige DVD-Anbieter haben eine Marktlücke entdeckt: Sie machen zugänglich, was dem TV-Publikum einst vorenthalten blieb – als die Sender meinten, die Zuschauer vor frivolen, aber auch manchen politischen Inhalten bewahren zu müssen.

1971 zeigte das ZDF am Vorabend die japanische Serie „S.R.I. und die unheimlichen Fälle“ – zur Hälfte. Dreizehn Folgen wurden gar nicht erst synchronisiert, zwölf davon sind jetzt auf DVD erhältlich. Sie wurden laut Beiblatt „aufgrund ihrer Brutalität und Grausamkeit“ ausgelassen. Ein wenig reißerisch formuliert – für Grusel sorgen unerklärliche Ereignisse, deren Untersuchung dem „Science Research Institute“ (S.R.I.) obliegt. Oft findet sich eine wissenschaftliche Erklärung. Aber nicht immer.

In den jetzt erstmals verfügbaren Episoden schmelzen menschliche Körper dahin, ein andermal spuken Köpfe durch die Nacht. Verständlich, dass das ZDF auf eine Ausstrahlung am frühen Abend verzichtete.

Emma Peel, die „Königin der Sünde“

Die Praxis, Serien nur auszugsweise zu senden, war indes in den 60ern und 70ern sehr verbreitet und manchmal einkaufs- oder programmpolitisch begründet. Doch es gab auch bewahrpädagogisch motivierte Eingriffe. „Sie können sich nicht vorstellen, was das zauberhafte Mädchen für Sachen macht“, klagte 1967 ein ZDF-Mitarbeiter im „Spiegel“. Gemeint war die Serienheldin Emma Peel (Diana Rigg), die in der als nicht sendbar eingestuften Episode „A Touch of Brimstone“ der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ leicht geschürzt und mit Stachelhalsband die „Königin der Sünde“ mimte. Im Giftschrank landete auch jene Folge, in der sie ihrem Partner John Steed (Patrick Macnee) nach einer vorgetäuschten Ermordung aus dem Sarg heraus zuprostete.

Sehr modern wirkt bis heute die britische Krimiserie „Der Mann mit dem Koffer“ aus dem Jahr 1967: Die Vergangenheit der Hauptfigur McGill (Richard Bradford) blieb zunächst verborgen. Somit erscheint McGill in der Auftaktepisode als rätselhafte Figur, die es erst zu ergründen gilt. Umso spannender, wenn ihn ehemalige Kolonialbriten im surrealen Pilotfilm „Brainwashed“ zu brechen versuchen. Kolonialisten als Terroristen – nicht zumutbar, wird sich das ZDF gedacht haben und begann die Serie lieber mit einer anderen Folge.

Noch nicht bereit

Ausgespart wurde ferner eine packende Episode, in der McGill in der DDR neben finsteren Kommunisten auch unbelehrbaren Nazis begegnete. Ein Abenteuer, das dem geplagten McGill und damit dem Zuschauer nur ein ‚halbes Happy End‘ gewährte.

Ähnlich glücklos blieb Patrick McGoohan in der Serie „Nummer sechs“ . Der namenlose Titelheld war nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst in eine Art Feriendorf entführt worden, in Wahrheit ein Gefängnis. Zwar gab es hier Wahlen, aber die waren inszeniert – eine Farce. Vielleicht war das westdeutsche Publikum damals noch nicht bereit für diese bissige Kritik am demokratischen System. Jedenfalls verzichtete das ZDF vorsorglich auf dieses beunruhigende Kapitel.

„Dallas“ – „Supercocktail aus Perversionen“

Ein Sittengemälde aus den USA sorgte in der ARD für ähnliche Beklemmungen. Anfang der 80er hatte der Senderverbund die Premium-Soap „Dallas“ eingekauft. „Bild am Sonntag“ warnte schon vor der Premiere vor einem „Super-Cocktail aus Perversionen, Begierden, Orgien und hemmungsloser Gewalt“. Der damalige ARD-Programmdirektor Schwarzkopf versuchte, den grellen Berichten mit einer Richtigstellung zu begegnen. Und ließ sieben Episoden ungesendet – Inhalte wie eine Vergewaltigung und eine Entführung hätten die einseitigen Darstellungen vermutlich nur genährt.

Ebenfalls in der ARD kürzte man die Detektivserie „Magnum“ um Szenen und ganze Episoden und tilgte so die Vietnam-Vergangenheit des Titelhelden. RTL veranlasste später eine originalgetreue Bearbeitung, die das ZDF derzeit wiederholt.

Einige ungesendete Serienepisoden wurden als Folge der Zensur quasi zum Mythos, so „Patterns of Force“ aus der Kultserie „Star Trek“, in der Captain Kirk ein neues Nazi-Regime bekämpft, ebenso die unterdrückte Folge „The Germans“ der Sitcom „Fawltys Hotel“. Dort fasst der von John Cleese verkörperte Hotelier den Vorsatz, vor seinen deutschen Gästen keinesfalls den Zweiten Weltkrieg zu erwähnen. Es kommt anders…

Mit dem technischen Fortschritt wurden solche Eingriffe sinnlos. Erst gab es Kultserien wie „Star Trek“ ganz auf Videokassette, dann kamen DVD und Internet. Wer heute seinem Publikum etwas vorenthalten möchte, kann sicher sein, dass es anderweitig fündig wird.


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