Schauspieler spielt jetzt in „Boy7“ „Der Vorleser“ machte David Kross weltbekannt

Von David Sarkar

An der Seite von Hollywoodstar Kate Winslet wurde David Kross bekannt, an der Seite seiner Freundin Agnes Lindström Bolmgren (Bild) zeigt er sich bei Filmpremieren. Foto: ImagoAn der Seite von Hollywoodstar Kate Winslet wurde David Kross bekannt, an der Seite seiner Freundin Agnes Lindström Bolmgren (Bild) zeigt er sich bei Filmpremieren. Foto: Imago

Berlin. „Morgen ein Star?“ ist eigentlich die falsche Frage bei David Kross. Der ist zwar erst 24, aber seine Rolle in „Der Vorleser“ an der Seite von Oscar-Gewinnerin Kate Winslett machte ihn schon vor fast sechs Jahren weltbekannt.

Es gibt Orte, die werden erst durch bestimmte Menschen bekannt. Bargteheide ist so einer. 45 Autominuten vom Hamburger Stadtzentrum entfernt liegt das Städtchen in Schleswig-Holstein. Rund 15800 Einwohner zählte es vor einem Jahr. Die meisten Menschen würden Bargteheide wohl bis heute nicht kennen, wäre hier vor 24 Jahren nicht Deutschlands hoffnungsvollster Shootingstar geboren worden.

David Kross debütierte 2006 in Detlev Bucks Drama „Knallhart“, verzauberte 2008 Teenager und Kritiker in Marco Kreuzpainters „Krabat“ und schaffte im selben Jahr mit Stephen Daldrys Welterfolg „Der Vorleser“ den großen Durchbruch. Zum Interview im „me Cafe“ in Berlin-Mitte erscheint er betont lässig. Graue Wollmütze auf dem Kopf und eine Flasche Club Mate in der Hand.

„Erfolg ist etwas Schönes, aber man kann ihn nur bis zu einem gewissen Punkt genießen“, sagt er über die Zeit, als der Rummel begann. Kross war noch nicht einmal 18 Jahre alt, als er von „Billy Elliot“-Regisseur Stephan Daldry für die amerikanisch-englisch-deutsche Ko-Produktion „Der Vorleser“ ausgewählt wurde. Er gab dem 15-jährigen Romanhelden Michael Berg, der sich in die 20 Jahre ältere Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz verliebt, ein Gesicht. Ihre Liebe hat keine Zukunft, denn Hanna muss sich als ehemalige KZ-Aufseherin vor Gericht verantworten. An seiner Seite brillierte US-Weltstar Kate Winslet, die für ihr Spiel unter anderem den „Oscar“ als „Beste Hauptdarstellerin“ bekam. Gemeinsam lieben und leiden sie, kommen sich näher und stoßen sich wieder ab. Am Ende bleibt nur das Leiden übrig, getrennt voneinander im Gerichtssaal. Hanna auf der Anklagebank, Michael als Jurastudent auf der Zuhörertribüne.

Öffentliche Aufmerksamkeit

Der Junge aus Bargteheide und der Hollywoodstar – die Romanverfilmung des Millionen-Bestsellers von Bernhard Schlink bekam jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit. Mehr, als Kross zu dem Zeitpunkt aufnehmen konnte. Auf der Berlinale 2009 erlebte der Film seine Weltpremiere, und Kross wurde von der European Film Promotion als einer von zehn Shootingstars des europäischen Films ausgezeichnet. Interview reihte sich an Interview, dazu Fotoshootings und Fernsehauftritte. „Der Presserummel nach der ‚Shootingstar‘-Auszeichnung war schon krass. Ich habe zwei Wochen lang nur über mich geredet und wusste am Ende nicht mehr so richtig, wer ich überhaupt bin. Das war heftig“, beschreibt er den damaligen Zustand. David fühlte sich zunehmend wie ein Kassettenrekorder: „Das Schlimmste ist ja, dass Du irgendwann immer das Gleiche sagst. Du spulst wie ein Kassettenrekorder die Antworten ab, kannst versuchen, die Sätze zu variieren, aber der Inhalt bleibt der gleiche.“ Nach der Berlinale ging der Wirbel weiter. Auf den 62. Filmfestspielen von Cannes erhielt Kross die „Trophee Chopard“. Und wieder folgte Interview auf Interview. Und immer wieder diese eine Frage: „Wie war es, mit Kate Winslet in der Badewanne zu sitzen?“ Kross findet diese Frage „absurd“. Er könne die Frage verstehen, wie es sich angefühlt habe, mit Kate Winslet zu spielen, aber im Endeffekt sei sie ja auch nur ein Mensch. Doch: „Ab dem Moment, wo jemand ein Superstar ist, wird der Mensch von den Medien oft zu einem unantastbaren Wesen hochstilisiert“, sagt Kross.

Absurde Momente

Absurd sei auch die Situation gewesen, als er im Flugzeug nach Australien saß, um Nicole Kidman zu treffen, die eigentlich als seine Filmpartnerin vorgesehen war, aufgrund ihrer Schwangerschaft jedoch absagen musste. „Das war der Moment, wo ich gemerkt habe, wie krass das ist. Das war schon absurd, für eine halbe Stunde Kennenlernen einmal um die Welt zu fliegen. Da dachte ich ‚Wow‘ und bin innerlich fast durchgedreht“, sagt er und lacht. Heute würde er vielleicht anders an den Rummel herangehen „Ich habe das damals vielleicht zu ernst genommen. Hätte ich das nicht so an mich herangelassen, wäre ich vielleicht entspannter damit umgegangen.“

Heute, sechs Jahre später, wirkt Kross sehr entspannt. Seit vier Jahren wohnt er in Berlin. Doch ein paar Mal im Jahr zieht es ihn in die alte Heimat, in der er mit neun Jahren als Tausendfüßler im „Aschenputtel“ in der Kindertheatergruppe „Blaues Wölkchen“ seine ersten Erfahrungen sammelte. „Es ist immer schön, einen Ort zu haben, an dem man sich ausprobieren kann. Die Leute in dem Theater waren sehr engagiert. In andere Rollen zu schlüpfen hat mir damals schon großen Spaß gebracht“, erinnert sich der 24-Jährige.

Einen großen Anteil am heutigen Erfolg trägt der Regisseur Detlev Buck. Dieser lebt in der Nähe von Bargteheide auf einem Bauernhof, Davids Eltern kannten ihn. 2005 schickte Buck seine Tochter Bernadette bei Familie Kross vorbei. Buck suchte einen Hauptdarsteller für seinen Film „Knallhart“ und wurde von seiner Tochter auf David aufmerksam gemacht. „Die Tochter kam bei uns vorbei, und einige Tage später war ich auf seinem Hof und hatte ein Casting mit ihr“, erzählt Kross. Nach weiteren Castings durfte er als „Michael Polischka“ vor die Kamera, um sich im damaligen Berliner Problemstadtteil Neukölln seinen Platz zu erkämpfen.

Viele Emotionen

Wut, Trauer, Ärger und Glück – Kross lieferte die gesamte Bandbreite an Emotionen. Er nennt diesen Film einen „Glücksfall“ und die Arbeit mit Buck „inspirierend“. Mit ihm drehte er außerdem „Hände weg von Mississippi“ (2007), „Same Same but Different“ (2009) in Kambodscha und vor zwei Jahren „Die Vermessung der Welt“. „Wir kennen uns und wissen, wie der andere tickt“, sagt Kross.

In seinem neuesten Film „Boy 7“ wird David nun erstmals in einem Thriller zu sehen sein. Er spielt einen 18-jährigen Jungen, der ohne Erinnerung in einer überfüllten U-Bahn aufwacht und nach Hinweisen auf seine Vergangenheit sucht. „Das war reizvoll, immer wieder diesen Aha-Effekt erzeugen zu müssen“, berichtet er. Der Film wird voraussichtlich im kommenden Jahr ins Kino kommen.

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