Reise durch Lokalredaktionen Jessica Schober ist die Frau auf der Wortwalz

Von Marcel Kawentel

Reiselustig und wissbegierig: Die junge Journalistin Jessica Schober hat sich in der Handwerkstradition der Walz zu einer Tour durch deutsche Lokalredaktionen aufgemacht. Foto: Frank SeibertReiselustig und wissbegierig: Die junge Journalistin Jessica Schober hat sich in der Handwerkstradition der Walz zu einer Tour durch deutsche Lokalredaktionen aufgemacht. Foto: Frank Seibert

Osnabrück. Kaum ein Tag vergeht ohne Meldungen zum Niedergang der klassischen Presse. Inmitten dieser Umbrüche hat sich die Journalistin Jessica Schober in der Handwerkstradition der Walz zu einer Tour durch deutsche Lokalredaktionen aufgemacht.

Es ist nicht leicht, Jessica Schober zu erreichen. Zwar arbeitet sie zum Zeitpunkt unseres Gesprächs gerade bei der „Thüringischen Landeszeitung“ in Weimar, trotzdem sagt der Dame am Telefon ihr Name nichts. Denn Jessica Schober ist auf „Wortwalz“. Das heißt, sie zieht von Ort zu Ort, ohne Handy, ohne Laptop, ohne Geld für Zugreisen oder Hotelzimmer. In jeder Lokalredaktion bleibt sie nur für etwa eine Woche, dann geht es weiter. Die Unterkünfte reichen von einer leer stehenden Fünfzimmerwohnung über die Gartenlaube eines Chefredakteurs bis zum Baumhaus vom Feuerwehrmann. „Erst mal sind alle irritiert“, erzählt Schober im Gespräch mit unserer Redaktion über die Reaktionen in den Lokalzeitungen. „Wer ist das Mädchen mit dem Rucksack? Was machen wir mit der? Aber dann lassen sie sich darauf ein. Ich wurde noch nirgendwo abgewiesen.“

Seit Juli wandert die Absolventin der Deutschen Journalistenschule durch die Welt des Lokaljournalismus und orientiert sich dabei an der spätmittelalterlichen Tradition der Handwerksgesellen. „Ich habe ein Interview mit einer Bäckergesellin gemacht, die auf der Walz war“, erinnert Schober sich. „Das war so faszinierend, dass ich das auch machen wollte. Vorher wusste ich gar nicht, dass auch Frauen auf die Walz gehen können.“

Drei Jahre und einen Tag dauert die echte Walz. Dahinter steht die Idee, dass die Ausbildung mit dem Ende der Lehre noch nicht vorüber ist. Das gefiel Jessica Schober, auch wenn ihre Walz nur drei Monate und einen Tag dauern sollte.

Blogg über die Reise

„Am Anfang dachte ich noch, ich muss möglichst viele Redaktionen besuchen“, so Schober. „Aber ich habe von den Gesellen gelernt: Pläne sind gut, Termine sind schlecht.“

Mit einem Crowdfunding-Projekt bekam sie das Startkapital für ihre Tour zusammen. Auf wortwalz.de bloggt sie aus den Redaktionen heraus über ihre Reise. Die Texte, die sie in den jeweiligen Lokalredaktionen schreibt, veröffentlicht sie auf der Seite. Außerdem führt sie dort Tagebuch und Interviews mit den „Meistern“, die sie in den Redaktionen trifft.

„Viele von denen sagen, man sollte sich aufs Lokale konzentrieren, um unsere Zunft zu retten“, erzählt Schober. „Die Nachrichten aus aller Welt haben die Leute am Abend vorher schon aus Internet oder Fernsehen, das muss man vielleicht gar nicht mehr am nächsten Tag auf Papier drucken. Wenn es darum geht, was gestern in der Bezirksversammlung beschlossen wurde, ist das anders. Darüber kann niemand so gut berichten wie die Lokaljournalisten, die sich damit auskennen.“

Jessica Schober selbst hat bereits für die „Süddeutsche Zeitung“ gearbeitet, für „Focus“ und „Cosmopolitan“. Mit der „Wortwalz“ kehrt sie zurück zu ihren Wurzeln, zum ersten Artikel über den sprichwörtlichen Kaninchenzüchterverein, den sie als Schülerin für die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ schrieb. Nur dass es heute etwa eine Story über einen Feenforscher ist, der sie im Café angesprochen hat. „Manchmal kommen die Geschichten auf ungewöhnlichen Wegen.“

Mittlerweile umfasst die Liste der Lokalredaktionen, die Jessica Schober einladen, sie zu besuchen, etwa 50 Einträge. Per Mail, über Twitter oder Facebook haben sich Redaktionen von Kiel bis zum Schwarzwald bei ihr gemeldet, mancherorts hat man vorsorglich schon mal Kekse gebacken. Also doch drei Jahre und ein Tag? „Ich merke gerade, dass das einen guten Grund hat und drei Monate eigentlich nicht ausreichen“, überlegt Schober. „Ich lerne noch dazu, darum muss ich ja weiterreisen.“

Trotzdem wagt sie eine vorläufige Bilanz. Was hat sie auf der Wortwalz gelernt? „Das sind eher kleine Sachen: Wie offen ist man als Redaktion für Rückmeldungen von den Lesern? Wie sehr sucht man nach Themen abseits des Üblichen? Wie sehr lasse ich mich auf die Menschen ein und habe keine Schere im Kopf?“

Was die Zukunft des Lokaljournalismus angeht, zeigt Jessica Schober sich zuversichtlich: „Man ist nirgendwo so nah an den Leuten dran. Das wird nicht aussterben. Ich bin generell dafür nicht zu jammern, sondern zu sagen: Das machen wir lieber schön.“