Film von Judith Schneider Nichts als der Tod: 3sat-Dokumentation „Wie wir sterben“

Von Thomas Klatt

Lebendige Wissenschaft: Immer mehr Menschen spenden ihren Körper der Forschung und für die medizinische Ausbildung von Studenten. Foto: ZDF/Sascha Kellersohn/Docuvista FilmproduktionLebendige Wissenschaft: Immer mehr Menschen spenden ihren Körper der Forschung und für die medizinische Ausbildung von Studenten. Foto: ZDF/Sascha Kellersohn/Docuvista Filmproduktion

Berlin. Filmemacherin Judith Schneider hat sich für 3sat mit dem Thema „Wie wir sterben“ beschäftigt. Herausgekommen ist ein sehenswerter Film, der aber längst nicht alle Aspekte berücksichtigt.

Wissen Sie noch, wann Sie zum ersten Mal einen Toten gesehen haben? Haben Sie überhaupt jemals direkten Kontakt mit einer Leiche gehabt, etwa in der Familie oder im Freundeskreis? Haben Sie den Verstorbenen vielleicht sogar noch zu Hause aufgebahrt, ihn gewaschen, ordentlich angezogen, in Ruhe von ihm Abschied genommen? Zumindest vor 100 Jahren wussten die meisten Familien noch, wie so etwas gemacht wird.

Die Filmemacherin Judith Schneider zumindest hat bereits mit 13 Jahren ihre ersten Erfahrungen mit dem Sterben gemacht. Vielleicht hat sie das so weit geprägt, dass sie nun bereits ihre zweite Arbeit zum Thema vorlegt. Schon im letzten Jahr realisierte sie einen Film über Notfallmedizin. Nun also geht es darum, auf welche Art und Weise wir Menschen überhaupt sterben. Denn es scheint paradox, in Zeiten von Google und Wikipedia stehen den Menschen unendlich viele Informationen per Mausklick zur Verfügung, aber das Wissen um das eigene Sterben scheint kaum noch vorhanden zu sein.

Längst ist der Tod an Spezialisten, Mediziner, Pfleger, Bestatter, Trauerredner oder Pfarrer delegiert worden. Leichen werden möglichst rasch in den Zinksarg gelegt, weggeschafft und treten danach vielleicht noch als Asche in der Urne in Erscheinung. Ein Verdienst daher, dass sich die 3sat-Dokumentation 45 Minuten lang mit nichts weniger als allein dem Tod auseinandersetzt, rein nüchtern naturwissenschaftlich betrachtet.

Da wird geschildert, wie Menschen ertrinken, erfrieren oder verbrennen. Auch ein plötzlicher Herzschlag kann zum Exitus führen. Das Gehirn ist bereits nach wenigen Minuten ohne Sauerstoffversorgung irreversibel geschädigt. Allmählich sterben die anderen Organe ab, zuletzt übrigens nach rund 24 Stunden Tod hört erst der Magen-Darmtrakt auf zu funktionieren.

Doch da mogelt sich der Film um eine erste medizinethische Klippe herum. Wann ist ein toter Mensch wirklich tot? Ist der Herztod oder der Hirntod die letzte Grenze, die erst amtsärztlich festgestellt werden muss, damit etwa Spenderorgane entnommen werden dürfen?

Die zweite Mogelei des Films besteht darin, dass er nur im Diesseits verweilt. Beschrieben wird allein der Leib und sein Sterben, die Unruhe im Bett, die Blässe um Mund und Nase wegen nachlassender Sauerstoffversorgung, das Hervortreten der Augen, der rasselnde Atem aufgrund von Wasser in den unterversorgten Lungen, die letzte Schnappatmung, der Zusammenbruch des Herz-Kreislauf-Systems, der Eintritt der Leichenflecken, die Totenstarre. Aber was ist mit der Seele?

Was ist mit der Seele?

Auch wenn Rudolf Virchow einst formulierte, er habe bei Hunderten chirurgischen Eingriffen nie eine Seelensubstanz entdecken können und man im Film Medizinstudenten in präparierten Menschenleichen herumwerkeln sieht, so besteht der Homo sapiens doch nicht nur aus Knochen, Muskeln, Zellen und biologisch abbaubaren Substanzen. Ein wesentlicher Aspekt ist für den immer noch größten Teil der Menschheit die Religion, das Fürwahrhalten einer Transzendenz, der Idee einer Wiedergeburt oder des ewigen Lebens. Auch wenn man den Glauben als einen puren Verarbeitungsmechanismus ansieht, wie es etwa der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger tut, also als eine rein evolutionär hervorgebrachte Strategie, um den Tod besser ertragen zu können, so bleibt Religion doch ein wesentlicher Sterbens-Faktor.

Die Frage, was kommt danach, ist alles andere als unerheblich. Der Film aber verharrt rein im Hier und Jetzt. Er zeigt gleichberechtigt zwei Möglichkeiten auf, wie Sterbenskranke sich auf den Tod vorbereiten. Einerseits begleitet Filmemacherin Judith Schneider eine schwerst krebskranke Frau in ihren letzten Lebens-Wochen im Hospiz. Andererseits stellt sie eine Schweizer Ärztin vor, die die Möglichkeit eines assistierten Suizids anbietet. Was aber ethisch richtig ist, lässt der Film Gott sei Dank offen. Die Debatte darüber wird in den nächsten Monaten ohnehin weiter an Fahrt zunehmen. Alsbald werden im deutschen Bundestag die ersten Gruppenanträge für ein neues deutsches Sterbebeihilfe-Gesetz formuliert werden, das frühestens 2016 in Kraft treten kann. Der Fraktionszwang ist aufgehoben, die Parlamentarier sollen allein ihrem Gewissen folgen. Die Bundesärztekammer unter Frank Ulrich Montgomery ist strikt gegen jede Suizidassistenz. Nach der Musterberufsordnung dürfen Ärzte keine Hilfe zur Selbsttötung leisten. Dagegen hat eine Gruppe aus Ärzten und Ethikern um den Münchner Palliativ-Mediziner Domenico Borasio einen eigenen Entwurf vorgestellt, der unter bestimmten medizinischen Auflagen durchaus eine Hilfe zur Selbsttötung erlauben will.

Borasio kommt in der Wissenschafts-Dokumentation denn auch prominent zu Wort. Allerdings kann man dem Film zugutehalten, dass er sich nicht eindeutig auf eine Pro- oder Kontra-Position versteift. Die Wissenschafts-Dokumentation hilft aber vielleicht, sich selbst mehr Wissen und eine Meinung zu Tod und Sterben zu verschaffen.

Wie wir sterben, 3sat, Donnerstag, 6. November, 20.15 Uhr.