Charly Hübner als Harald Jäger „Bornholmer Straße“ in der ARD: Komödie zum Mauerfall

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Mit „Bornholmer Straße“ geht die ARD ein Wagnis ein: Sie zeigt den Abend des Mauerfalls am berühmt gewordenen Grenzübergang in Berlin als (Tragi-)Komödie. Regisseur Christian Schwochow („Der Turm“) hält „die Zeit reif für eine andere Perspektive“. Wer sich auf sein Experiment einlässt, erlebt einen ebenso unterhaltsamen wie informativen Fernsehabend.

Erzählt wird die Geschichte von Harald Jäger , der im Film Schäfer heißt und von einem großartig aufspielenden Charly Hübner dargestellt wird. Der wiederum war erst am letzten Sonntag als Kommissar Sascha Bukow im Rostocker „Polizeiruf“ zu sehen und beweist nun, wie breit seine Palette der Schauspielkunst ist.

Schäfer alias Jäger ist am Abend des 9. November 1989 ein altgedienter Oberstleutnant der „bewaffneten Organe“, der als stellvertretender Leiter der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße seinen Dienst antritt – und nicht im Entferntesten ahnt, dass er am nächsten Morgen eine Person der Zeitgeschichte sein wird.

Dazwischen liegt eine dramatische, bewegende, denkwürdige Nacht – aber waren diese Stunden, in denen die Mauer fiel, auch witzig? Regisseur Christian Schwochow zumindest sieht es (auch) so und dürfte gleich mit der ersten Szene so manchen Zuschauer verstören: Da sitzt Grenzoffizier Schäfer auf dem stillen Örtchen, es grummelt hörbar in ihm, und auch sein Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes.

Das mag aberwitzig anmuten angesichts eines derart geschichtsträchtigen Themas, doch selbst mit diesem Detail ist der Film näher an der Wahrheit, als man es glauben möchte: Harald Jäger hatte zu jener Zeit tatsächlich gesundheitliche Probleme, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet: „Ich war damals kurz davor, Darmkrebs zu bekommen.“ Das sei auch der Grund dafür gewesen, dass er am 10. November nicht wie so viele seiner Landsleute dem Westen einen Besuch abgestattet habe, sondern zur Darmspiegelung gegangen sei.

Das Problem mit dem Darm hinterließ sogar Spuren in seiner Wortwahl: Als Schäfer alias Jäger beim Abendbrot in der Kantine die Pressekonferenz des Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski am Fernseher verfolgt und diesen sagen hört, das neue Reisegesetz sei „unverzüglich“ umzusetzen, platzt es aus ihm heraus: „Was redet der denn für ’n geistigen Dünnschiss?“ Er ahnt, dass schon bald der Ansturm ausreisewilliger DDR-Bürger auf seinen Grenzposten folgen wird.

Es folgen Stunden der Verwirrung und vor allem fehlender Anweisungen von oben, um die der überforderte Grenzoffizier am Telefon geradezu fleht. Hier überzieht der Film am deutlichsten, wenn er sämtliche Kollegen und Vorgesetzten Schäfers wie eine Chaostruppe aus Absurdistan aussehen lässt: Volltrottel, Trinker, Muttersöhnchen und Ewiggestrige. Auch dass Schäfer den Grenzbaum selbst öffnet, entspricht nicht ganz den tatsächlichen Geschehnissen: Jäger: „Ich habe nur den Befehl dazu gegeben.“ Wahrheitsgemäß hingegen ist die köstliche Schlussszene, in der Schäfer morgens die heimische Wohnung betritt, seiner Frau sagt: „Ich hab heute Nacht die Grenze uffgemacht“, und diese antwortet: „Damit macht man keine Witze, Harald.“ Woraufhin sie die Wohnung verlässt. „Das hat sich tatsächlich so abgespielt“, sagt Jäger und schmunzelt.

„Bornholmer Straße“ ist nicht nur hervorragend besetzt, sondern auch eine außergewöhnliche Familienarbeit: Regisseur Schwochow war am 9. November 1989 elf Jahre alt und schlief daheim in seinem Bett in der Schönhauser Allee, während seine Eltern einen nächtlichen Ausflug in den Westen unternahmen. Diese wiederum schrieben nun das Drehbuch für den Film ihres Sohnes.

Und Harald Jäger? Der musste als Mitarbeiter der Stasi bis Januar 1990 auf seinen ersten Besuch im Westen warten. Über die Bornholmer Straße ging er hinüber in den Wedding, holte sich 100 D-Mark Begrüßungsgeld ab, staunte vor dem Schaufenster eines Döner-Imbisses und fragte sich, was die da wohl verkaufen. Hineinzugehen und zu fragen hat er sich nicht getraut. Lieber kaufte er sich für zehn D-Mark eine zweikolbige Luftpumpe fürs Auto und gab den Rest des Geldes seiner Frau und seiner Tochter. Er wurde arbeitslos, verkaufte jahrelang Zeitungen und Tiefkühlkost, verdingte sich als Wachmann. Heute lebt er mit seiner Frau von einer schmalen Rente in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Werneuchen nordöstlich von Berlin. Und ist überzeugt davon, alles richtig gemacht zu haben.

Bornholmer Straße, ARD, Mittwoch, 5. November, 20.15 Uhr. Anschließend zeigt das Erste die Dokumentation „Die Nacht des Mauerfalls“.