Vergallopiert? Günther Jauch talkt mit Darsteller über „Polizeiruf 110“

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Nach dem „Polizeiruf 110: Familiensache“ talkt Günther Jauch mit Darsteller Andreas Schmidt und einem realen Opfer über erweiterten Selbstmord, vulgo „Familiendrama“. Foto: dpaNach dem „Polizeiruf 110: Familiensache“ talkt Günther Jauch mit Darsteller Andreas Schmidt und einem realen Opfer über erweiterten Selbstmord, vulgo „Familiendrama“. Foto: dpa

Berlin. Im „Polizeiruf 110: Familiensache“ tötet ein Vater Frau und Kinder. Danach spricht Günther Jauch über das Thema erweiterter Selbstmord – mit dem „Polizeiruf“-Schauspieler Andreas Schmidt und mit einer Frau, deren Mann tatsächlich sich und den Sohn getötet hat.

Der „Polizeiruf 110: Familiensache“ handelt von erweitertem Selbstmord, sprich: von einem sogenannten „Familiendrama“. Danach spricht Günther Jauch mit dem realen Opfer einer solchen Tat: Vor anderthalb Jahren hat der Mann von Doreen Salomon gemeinsamen Sohn und sich selbst mit einem Narkosemittel getötet. Nun sitzt die Trauernde bei Günther Jauch im Studio und spricht darüber. Auf die Frage nach dem Warum vermutet sie: Der Mann, von dem sie sich getrennt hatte, habe sie zerstören wollen.

Günther Jauchs Opfer-Interview zum „Polizeiruf 110“

Vor einem Millionenpublikum führt Doreen Salomon nun aus, was zu diesem Zerstörungsversuch dazugehört: das Bild der Einstichstellen im Arm des toten Kindes – und ihre Techniken, einen Schleier vor die Erinnerung zu legen. Materielle Not, weil der Täter ihr Schulden hinterlassen hat. Neid und Trauer, die der Anblick glücklicher Familien bei ihr auslöst. Der bürokratische Wahnsinn, wonach Salomon zunächst offenbar keinen Opferentschädigungsantrag stellen konnte – weil nicht sie, sondern ihr Kind ermordet wurde.

All diese Nöte offenbar Doreen Salomon der Fernsehkamera. Und zeigt damit, dass sie sich von ihnen nicht brechen lassen will. Jauch nutzt das mutige Angebot zu mutigen Fragen und traut Doreen Salomon viel zu: „Haben Sie eine Vorstellung davon, wie Ihre Leben überhaupt weitergehen kann?“ - „Nein.“ Nach der politischen Selbstdarstellung, die sonst in dieser Show stattfindet, sind das ungewöhnlich existenzielle Töne.

„Polizeiruf 110“-Darsteller Andreas Schmidt bei Jauch

Im ARD-Talk gilt ein Gespräch erst dann als relevant, wenn Experten aus jeder Richtung ihren Senf dazugeben. Deshalb ist außer Doreen Salomon auch Amrai Coen zu Gast, eine Journalistin, die für „Die Zeit“ einen anderen Fall von erweitertem Selbstmord recherchiert hat. Ob dieser Begriff überhaupt zutrifft – oder ob von erweitertem Mord zu sprechen wäre, klärt die Psychiaterin Heidi Kastner.

Die wichtigere Funktion von Kastner ist bei Jauch allerdings, Andreas Schmidt zu bremsen. Der Schauspieler hat im „Polizeiruf 110: Familiensache“ den Täter dargestellt, führt sich als Anwalt seiner Rolle ein und wagt sich als Laienpsychologe im Verständnis für den Täter weit vor. Kastner, die auch mal salopp von „jammerigen Tätern“ spricht, grätscht rein. Alles verstehen und damit auch alles verzeihen zu wollen, bezeichnet sie mit Somerset Maugham als Mentalität des Teufels.

Profiler Axel Petermann bei Günther Jauch

Den überzeugendsten Auftritt im Sach- und Erklärteil des Talks von Günther Jauch hat Axel Petermann. Der Profiler, dessen Fallanalysen selbst Vorbild etlicher „Tatort“-Krimis wurden, listet Faktoren auf, die spätere Täter entdecken helfen könnten – und nennt das Bauchgefühl der Opfer an erster Stelle. Im Gestus strahlt er eine Behutsamkeit und Einfühlungsgabe aus, die gut tun nach einem„Polizeiruf 110“, der an die Nieren ging. Zumal im Gespräch mit einem realen Opfer.


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