Humor gegen Religion Nach Anzeige gegen Dieter Nuhr: Medien beziehen Position

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Dieter Nuhr. Foto: ImagoDieter Nuhr. Foto: Imago

ew/ten/stk Osnabrück. Nachdem der Osnabrücker Muslim Erhat Toka den Komiker Dieter Nuhr wegen der „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“ angezeigt hat, beziehen nun viele Medien Position und stellen außerdem die Frage nach der Freiheit von Kabarett und Satire. Das Thema ist ein Dauerbrenner – und der Auslöser immer wieder der Blasphemievorwurf.

Von Burkhard Ewert, Hendrik Steinkuhl und Beate Tenfelde

Wie immer man zu Dieter Nuhr und seiner Islam-Kritik stehen mag: Er hat in seiner langen Kabarett-Karriere ein paar kluge Sätze gesagt, von denen der klügste vielleicht der ist, dass man in einer Demokratie zwar zu allem eine Meinung haben kann – man muss aber nicht. Im Geiste dieser nur scheinbaren Banalität hat Oliver Stock am Montag einen Videokommentar über die Auseinandersetzung zwischen Dieter Nuhr und dem Osnabrücker Muslim Erhat Toka veröffentlicht. Der Chef der Online-Ausgabe des Handelsblatts kommt dabei zu dem Fazit: „Nuhr darf sagen, was er denkt – und Toka darf sich darüber beschweren. Im Zweifelsfall wird ein Richter den einen oder den anderen in die Schranken weisen.“

Diese unaufgeregte Feststellung mutet fast noch banaler an als das erwähnte Zitat von Nuhr. Andere, die allermeisten, gehen schärfer vor, die FAZ zum Beispiel. Redakteur Jürgen Kaube macht sich lustvoll über den Migrationsforscher Klaus J. Bade her, der in der „Welt“ Nuhr kritisiert hatte. Laut Bade verwechsle Nuhr den Islam mit dem Islamischen Staat, beide hätten so viel miteinander zu tun wie die Kuh mit dem Klavierspiel. Der FAZ-Feuilletonist kommentiert , dieser Satz Bades enthalte „mehr Denkfehler als Substantive, und Professor Bade sollte unbedingt zum Seniorenstudium der Logik zugelassen werden.“

Einerlei, geht es nach der öffentlichen Meinung, steht der Sieger eindeutig fest: der Kabarettist. Die Überschrift „Nuhr erfährt Tsunami der Zustimmung im Social-Web“ des Branchenmagazins Meedia.de ist nicht überzogen, wenn sich der Zuspruch in Teilen auch unangenehm mischt mit offener, oft widerwärtig vorgetragener Ausländerfeindlichkeit.

Abseits der Polemik bringen viele Medien die Frage nach der Kunstfreiheit aufs Tapet. Die juristische Antwort ist im konkreten Fall eindeutig: Nuhr muss wegen des Vorwurfs der „Beschimpfung von Religionsgemeinschaften“ keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Meedia.de zitiert den Hamburger Medienrechtler Dirk-Hagen Macioszek mit der Aussage: „Alle Aussagen von Herrn Nuhr sind legitim und durch die Kunstfreiheit abgedeckt, schließlich hat er sie im Rahmen seines Comedy-Programms geäußert.“ Im Handelsblatt kommt ein Berliner Rechtsanwalt namens Christian Christiani zu Wort. „Herr Nuhr trägt ja ausgefeilte Texte vor. Das ist Satire.“

Mehmet Kilic, Rechtsanwalt und früher integrationspolitischer Sprecher der Grünen, sagte unserer Redaktion, „die Islamisten haben es geschafft, in den Ländern, in denen die Muslime die Mehrheit stellen, die Meinungs- und Kunstfreiheit fast vollständig zu beseitigen. Wenn man den Islamisten und den Rechtsradikalen gegenüber nicht die nötige Härte zeigt, werden sie sich gegenseitig hochschaukeln und der Demokratie Schaden zufügen. Dann werden die Islamisten nicht nur zu 25 Mann vor dem Aufführungssaal demonstrieren, sondern als 15.000 Engstirnige diesen Saal in Brand stecken, so wie es im Jahre 1993 in der Türkei (Sivas) geschah und 35 KünstlerInnen den Tod brachte.“

Dass die Islamisten sich andauernd hinter dem Begriff „Islamophobie“ versteckten, wirkt für Kilic „albern“. Die muslimische Community täte gut daran, „es selbst in die Hand zu nehmen, die Aufklärung mit historischer Reflexion voranzutreiben“, so der Grünen-Politiker.

Die Online-Ausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlichte am Montag einen Artikel, in dem zahlreiche Zusammenstöße von Kunst und Religion aufgeführt werden. Ausführlich beschrieben wird etwa die Staatsaffäre, die ein Spot in Rudi Carrells Satiresendung „Tagesshow“ auslöste. In dem montierten Beitrag aus dem Jahr 1987 sah man, wie vollverschleierte Frauen dem iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini Damenschlüpfer entgegen warfen. Carrell entschuldigte sich später in aller Form bei der iranischen Bevölkerung.

Die Todes-Fatwa gegen Salman Rushdie und der Mordanschlag auf Kurt Westergaard als Antwort auf seine Mohammed-Karikatur lassen Welt-Redakteur Richard Herzinger zu folgendem Schluss kommen: „Damit, dass Dieter Nuhr diese Schere im Kopf nicht akzeptiert und sich nicht, wie das Gros der deutschen Kabarettisten, mit risikolosem Eindreschen auf bewährte Feindbilder wie Politiker und Kapitalisten zufriedengibt, macht er sich um die Aufklärung verdient.“

Trotzdem das westliche Europa diese als Epoche bereits durchlaufen hat, hat übrigens auch das Christentum immer wieder seine Probleme mit der freien Meinung. Im Jahr 2005 verurteilte ein griechisches Gericht den österreichischen Karikaturisten Gerhard Haderer – in Abwesenheit – zu sechs Monaten Haft. Die Begründung: Haderers Buch „Das Leben des Jesus“, in dem der Messias unter anderem wie sein Vater ihn schuf über den See Genezareth surft, verletze die religiösen Gefühle der Bürger. Vor zwei Jahren stellte der Vatikan einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen das Satiremagazin „Titanic“, das Papst Benedikt XVI. mit einem gelben Fleck auf der Soutane zeigte. Die dazugehörige Überschrift: „Halleluja im Vatikan. Die undichte Stelle ist gefunden!“ Später zog der Heilige Stuhl den Antrag zurück, doch der Blasphemie-Paragraf im deutschen Recht hat bis heute seine Verteidiger - und regelmäßig sogar ertönen Rufe aus dem christlichen Lager, er sei zu verschärfen.


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